# taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Die Stadt, die niemanden schlafen lässt
> Nächtlicher Raketenalarm weckt die Menschen in Odessa nicht nur auf, auf
> die Dauer macht er sie krank. Genügend Schlaf ist überlebenswichtig.
(IMG) Bild: Schlafen ohne ruhen: Ein Mann in einem ukrainischen Nachtzug
Man sagt, dass die Ukrainer:innen heute das Volk in Europa sind, das am
wenigsten schläft. Offizielle Statistiken können nicht oder nur kaum
erfassen, wie viele Stunden die Sirenen uns Nacht für Nacht rauben. Was
sich nicht errechnen lässt, kann man doch sehen: in den Gesichtern auf den
Straßen [1][meiner Stadt Odessa].
Schlafmangel ist längst Teil unserer kollektiven Realität geworden. Eine
stille Front, an der wir jede Nacht kämpfen – um Ruhe, um Halt, um unsere
psychische Integrität.
Wir sind es gewohnt, Schlaf als reine Erholung zu betrachten, doch für das
Gehirn ist Schlaf eine Zeit der Gedächtnisbereinigung. Während wir
schlafen, arbeitet das Gehirn wie ein unermüdlicher Aufräumer: Es befreit
uns von Informationsgiften und ordnet die Ereignisse des Tages in den
richtigen Schubladen ein.
Wenn dieser Prozess durch eine Explosion oder die nächste Meldung über
Raketenstarts unterbrochen wird, kommt es zu einer Störung der
Gedächtniskonsolidierung. Wir beginnen, elementare Dinge zu vergessen: die
Hausschlüssel, die Namen von Bekannten, unsere eigenen Pläne für den
Morgen. Ich merke das an mir selbst. Und manchmal fühle ich mich ziemlich
unbehaglich, wenn mir elementare Dinge einfach so aus dem Kopf fliegen.
Besonders gravierend ist Schlafmangel im Zusammenhang mit einer
posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Gerade in der REM-Phase
„verarbeitet“ unser Gehirn das Trauma. Wird dieser Zyklus unterbrochen,
bleibt der Schrecken nicht in der Vergangenheit. Er bleibt „lebendig“ und
verwandelt sich in Flashbacks, die uns sogar tagsüber und an Orten
verfolgen, an denen wir uns sicher fühlen.
## Schlafen wird zu einer strategischen Aufgabe
Chronische Erschöpfung verändert nicht nur unser Befinden, sondern auch die
Struktur unseres Denkens. Das Gehirn, dem eine vollständige Erholung
vorenthalten bleibt, schaltet in den „Autopilot“-Modus. Die Fähigkeit,
komplexe Entscheidungen zu treffen, nimmt ab, Reizbarkeit macht sich
bemerkbar, und emotionale Instabilität wird zum Alltag. Wir werden
zerbrechlich in dem Moment, in dem wir stärker sein müssen als je zuvor.
Ich erinnere mich, als ich zu einem [2][Workshop] der [3][taz
panterstiftung] nach [4][Berlin] kam, war das Erste, worüber ich mich
freute, die Möglichkeit, in Ruhe gut zu schlafen. Da wir den Krieg nicht
einfach „ausschalten“ oder den Alarm aufheben können, wird unser Schlaf zu
einer strategischen Aufgabe.
Die Professorin der Medizinischen Universität Poltava, Larisa Gerasimenko,
mit der ich über das Thema Schlaf gesprochen habe, rät zu einer Taktik des
„Nachholschlafs“: Wenn die Nacht in zwei Teile zerfallen ist, sollte man
nach einer Möglichkeit für eine Tagesruhe suchen. Kurze 20 Minuten oder ein
vollständiger Schlafzyklus von 90 Minuten am Tag können zu jenem
Rettungsring werden, der die Psyche über Wasser hält.
Das Minimieren der Nutzung elektronischer Geräte vor dem Schlafengehen und
die Schaffung von körperlichem Komfort selbst im Flur oder im Schutzraum
müssen laut der Wissenschaftlerin beachtet werden – das ist
Überlebenshygiene.
Heute ist Schlaf in der Ukraine nicht nur ein physiologisches Bedürfnis. Er
ist unser kostbares Gut und in gewisser Weise eine Waffe. Er ist das, was
uns ermöglicht, uns selbst treu zu bleiben, einen klaren Kopf zu bewahren
und den Widerstand fortzusetzen. Damit wir eines Tages in einem
[5][friedlichen und freien Land] aufwachen können.
[6][Tatjana Milimko] ist Chefredakteurin des ukrainischen
Onlinenachrichtenportals [7][USI.online] und Alumna der taz panterstiftung
([8][Workshops für Journalist:innen aus Osteuropa])
Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [10][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
22 May 2026
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