# taz.de -- Tagebuch aus Russland: Als Computer fehlten, aber Patriotismus noch nicht da war
       
       > In Russlands Schulen zeigt sich die innere Militarisierung besonders.
       > Alles ist da: sowohl moderne Technik als auch Militarismus und
       > Indoktrination.
       
 (IMG) Bild: Alexander Beglow, Gouverneur von St. Petersburg, 2021 bei einer Ansprache zu Beginn des neuen Schuljahres
       
       Als ich nahe Saratow im Südosten Russlands zur [1][Schule] ging, da
       bröckelte der Putz von den Wänden. Die Holzböden waren schief, die
       Toiletten meist außer Betrieb. Im Herbst saßen wir oft mit Jacken im
       Unterricht, weil nie die Heizung rechtzeitig eingeschaltet wurde. Wie man
       die Heimat richtig zu lieben hat, das erklärte uns damals niemand.
       
       Meine Schulzeit fand im Russland der frühen 2000er Jahre statt, und da
       waren die Schulen chaotisch, arm und teilweise auch rückständig. Oft fehlte
       es an Englischlehrern, an Computern und erst recht an Beamern. Doch eines
       gab es dort ganz sicher nicht: tägliche Flaggenzeremonien mit der
       Nationalhymne und der systematischen Vermittlung staatlicher Ideologie.
       
       Mittlerweile wurde meine frühere Schule grundlegend saniert. Es gibt dort
       inzwischen sogar ein Schwimmbad und ein Stadion. Doch heute finden dort
       auch die sogenannten „Gespräche über das Wichtige“ statt: ideologische
       Unterrichtsstunden, in denen Kindern Patriotismus und „traditionelle
       geistig-moralische Werte“ vermittelt werden. Und zwar genau so, wie der
       russische Staat diese Werte versteht.
       
       Vielleicht war Literatur damals unser wichtigstes Fach. Dort lernten wir,
       nachzudenken und eigene Gedanken zu formulieren. Meine Lehrerin sprach
       offen über das Schicksal von Alexander Solschenizyn und den Gulag. Und sie
       erzählte von der erzwungenen Emigration Joseph Brodskys.
       
       ## Als Dinge noch beim Namen genannt wurden
       
       Ähnlich war es im Geschichtsunterricht. Dort wurde über die stalinistischen
       Repressionen gesprochen – und die Dinge wurden beim Namen genannt. Auch der
       [2][Tag des Sieges] war noch nicht jenes militarisierte Spektakel, zu dem
       er heute geworden ist.
       
       Gewiss, schon damals sangen wir Kriegslieder. Wir sind mit ihnen
       aufgewachsen. Doch im Mittelpunkt standen mehr die Opfer des Zweiten
       Weltkriegs, weniger die angebliche „Unbesiegbarkeit“ Russlands.
       
       Als ich zur Schule ging, verstand ich nichts von Politik. Mehr noch:
       Politik interessierte mich überhaupt nicht. Aber eines weiß ich sicher: Ich
       hatte nie das Gefühl, dass die ganze Welt Russland feindlich
       gegenübersteht. Genau dieses Gefühl versuchen die Behörden heute vielen
       Schülerinnen und Schülern zu vermitteln.
       
       Nach 2022 begann der russische Staat ernsthaft damit, das Bildungssystem zu
       „patriotisieren“. Eingeführt wurden nicht nur die „Gespräche über das
       Wichtige“, sondern auch neue Schulbücher für Geschichte und
       Gesellschaftskunde. In diesen Lehrbüchern sind die Grenzen Russlands
       bereits so eingezeichnet, als wäre der [3][Krieg gegen die Ukraine] mit
       einem russischen Sieg beendet worden.
       
       ## „Familienkunde“ und die Macht der orthodoxen Kirche
       
       Inzwischen gibt es an russischen Schulen sogar ein eigenes Fach namens
       „Familienkunde“. Es wurde unter Mitwirkung der orthodoxen Kirche
       entwickelt. Darin lernen Mädchen, bescheiden und keusch zu sein. Sie werden
       auf ein Leben als Mutter vieler Kinder vorbereitet, während
       Schwangerschaftsabbrüche verurteilt werden.
       
       Als ich zur Schule ging, wurde über Sex überhaupt nicht gesprochen. Doch
       der Staat versuchte damals auch nicht, für uns zu entscheiden, wie wir
       leben sollten. Ich bin vielmehr mit der Vorstellung aufgewachsen, dass man
       zuerst studieren, einen Beruf erlernen und finanziell auf eigenen Beinen
       stehen sollte – und erst danach über eine Familie nachdenkt.
       
       Ich bin in einem anderen Russland aufgewachsen – einem Russland, das mit
       dem heutigen nur noch wenig gemeinsam hat.In meiner ehemaligen Schule gibt
       es inzwischen ein Schwimmbad, einen Beamer und Computer in jedem
       Klassenzimmer. Doch die Freiheit, die es damals in dem alten Schulgebäude
       mit seinen kalten Klassenräumen und schiefen Holzböden gab, die scheint
       verschwunden zu sein.
       
       [4][Yulia Akhmedova] hat Russland nach dem Beginn des Krieges gegen die
       Ukraine 2022 verlassen und lebt und arbeitet als Journalistin im Exil in
       Riga. Sie ist unter anderem Korrespondentin für [5][Novaya Gazeta
       Europe][6][[Link auf https://novayagazeta.eu/en]]. 
       
       Aus dem Russischen von [7][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [8][taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       19 Jun 2026
       
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 (DIR) Yulia Akhmedova
       
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