# taz.de -- Premiere am Berliner Theater Thikwa: Wo ist sie geblieben?
> Wem gehört die Zeit? Mit „Slow Mo“ zeigt das Theater Thikwa eine
> politische wie persönliche Performance über die Macht der Zeit und das
> Innehalten.
(IMG) Bild: Die Zeit aufzeichnen. Bühnenfoto von „Slow Mo“ im Theater Thikwa
Ilse ist 93 Jahre alt. Uhren machen sie unruhig: „Weil ich unter Druck
stehe, mit der Zeit.“ Bis ans Lebensende jagen wir ihr nach. Also messen
wir sie, unterwerfen uns ihrem Takt. Eine Minute: rund 80 Herzschläge, 18
Atemzüge, 15 Wimpernschläge. Die Zeit ist unser ständiger Begleiter, und
doch scheint sie immer rar.
Wo sie geblieben ist, die Zeit?, fragt das inklusive Ensemble des
Berlin-Kreuzberger [1][Theater Thikwa in Kooperation] mit dem
feministischen Performance-Kollektiv Frauen und Fiktion. „Slow Mo“ heißt
der daraus entstandene Abend, inszeniert von Anja Kerschkewicz. Basierend
auf Interviewgesprächen mit Menschen zwischen drei und dreiundneunzig
Jahren, zu denen auch Ilse zählt, konfrontiert einen die Performance mit
dem Zeitregime einer kapitalistischen Gesellschaft.
Wie eine Karawane ziehen die acht Spieler:innen in blauschwarz
bekritzelter Kleidung (Kostüm: Kerstin Griesshaber) auf die Bühne, die von
durchscheinenden Vorhängen in mehrere Segmente unterteilt ist. Es rauscht
und rasselt, murmelt und surrt aus allen Winkeln. Was vorproduziert ist und
welche Geräusche die Schauspielenden live erzeugen, ist aus dem
Klangteppich schwer herauszuhören.
Zwischendrin wandern die Gedanken von der Bühne ab, etwa wenn eine Stimme
aus dem Off nüchtern Zahlen aufruft: 100,130,150 … Einwohner:innen?
Betroffene? Tote? fragt man sich, denn der Abend entzieht sich konkreten
Antworten. Stattdessen geht es um ein kollektives Befragen der eigenen
Wahrnehmung: „Würdest du die Zeit zurückdrehen?“
## Mit einem Auge immer bei den anderen
Das Theater Thikwa blickt auf eine lange Geschichte zurück. Als eines der
ersten Inklusionstheater in Deutschland etablierte sich das Ensemble mit
seiner besonderen künstlerischen Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne
Behinderung. Das große Miteinander, die Fürsorge der Schauspielenden, die
mit einem Auge immer bei den anderen zu sein scheinen, ohne aus der Rolle
zu fallen, berührt auch in dieser Inszenierung.
Im Wechselspiel zwischen kurzen Bühnenszenen und vorproduziertem
Videomaterial, das großformatig auf die Vorhänge projiziert wird, sprechen
die Darsteller:innen stellvertretend für die Menschen, auf deren
Geschichten das Stück basiert. Da ist zum Beispiel Yvonne, die bei Rewe bis
spätabends Schichten schiebt und parallel die kranke Mutter versorgt. Oder
Marie, die zwölf Stunden am Tag in einem Fine-Dining-Restaurant Teller
präpariert. Sie alle verbindet die Fremdbestimmung ihrer Lebenszeit.
Durch die Linse des Alltäglichen nimmt die Inszenierung große
gesellschaftliche Fragen in den Blick: Wer verfügt über Zeit und wie kann
sie gerechter verteilt werden? [2][Mitunter lässt der Abend an den
Soziologen Hartmut Rosa] denken, der mit seiner Resonanztheorie eine
wechselseitige Beziehung zur Welt beschreibt: Resonanz als Ausweg aus der
Beschleunigungs- und Entfremdungsspirale der Moderne. Auch auf der Bühne
entsteht ein Mitschwingen, das fast ins Kitschige kippt, wenn die Gruppe in
Show-Formation glänzende Hula-Hoop-Reifen kreisen lässt.
In anderen Momenten setzt der Abend dann seine Magie frei. Wenn die
Performerin Mariana Romagnani ihren Kollegen André Nittel behutsam aus dem
Rollstuhl hebt und sie beginnen, sich am Boden liegend wie Zeiger einer Uhr
im Kreis zu bewegen, schaut man ihnen gebannt zu. „Als ob du in einer
Ewigkeit bist“, heißt es, als später dann Wasserprojektionen über den
Bühnenboden flimmern. Kurz blitzt der Gedanke an Badetage am See auf, an
die kostbaren Momente jenseits der Hektik. Warum wir ihr nicht öfter
entfliehen? Das bleibt, so die Botschaft der Inszenierung, eine Frage der
Zeit.
26 Apr 2026
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(DIR) Ella Rendtorff
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