# taz.de -- Stück über Kumpanei von Vanessa Stern: Mit Wolfram Weimer
       
       > In ihrem Stück „Die einen Schatten haben – Anleitung zur Kumpanei“ geht
       > Regisseurin Vanessa Stern im TD Berlin Verflechtungen zwischen Wirtschaft
       > und Politik nach.
       
 (IMG) Bild: Da hilft nur Kegeln: Stephanie Petrowitz in „Die einen Schatten haben – Anleitung zur Kumpanei“ am TD Berlin
       
       Sitzt man beim „Planessa-Stern-Gipfel“, dem neuen Stück von Vanessa Stern,
       in der ersten Reihe, dann streckt sich einem die Entscheider-Pranke
       entgegen zum Gruß. Auf der Bühne wechseln ein Koffer und ein Müllsack mit
       je 80.000 Euro die Besitzerin. Am einsamen Stehtisch wirft ein Entscheider
       mit Wortblasen um sich, die mit „Innovation“ beginnen oder enden. Stephanie
       Petrowitz’ Körpersprache erzeugt einen starken Déjà-vu-Effekt, kopiert sie
       doch passgenau die antrainierten Bewegungsmuster derer, die sich zu den
       Entscheidungsträgern zählen.
       
       „Die einen Schatten haben – Anleitung zur Kumpanei“ demaskiert gegenwärtige
       Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik, die sich Staat und
       Gesellschaft für die eigenen Interessen nutzbar machen. Die meisten
       Querverweise gibt es zu [1][Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und dem
       Ludwig-Erhard-Gipfel der Weimer Media Group im bayerischen Gmund].
       
       Mit Spaß am Spiel begeben sich [2][Vanessa Stern und ihr Team im TD Berlin]
       in die Niederungen eines solchen Entscheider-Gipfels. Vanessa Stern spielt
       Planessa Stern, die es als Kulturschaffende bis zur „Staatsregie“ geschafft
       hat. Auf ihrem Gipfel, dem „wahren safe space“, ist Gendern ein Fremdwort,
       Insiderhandel die Regel und Kegeln die einzig wahre Form von Socialising.
       
       Plötzlich wirft Sterns Planessa ein Szenario in die Runde: „Wenn jemand
       heute Abend auf uns ne Bombe draufhauen würde, dann wäre Deuschland
       enthirnt.“ Planessa hat Vorsorge in CIA-Manier getroffen, um das Risiko zu
       minimieren: Es gibt drei parallele Gipfel, zwei sind fake. Was jetzt kommt,
       ist die innere Selbstbefragung der GipfelteilnehmerInnen, während weiter
       gekegelt wird: „Ich weiß, dass ich ein Entscheider bin, aber die? Sind das
       Entscheider? Es fühlt sich irgendwie komisch an zu netzwerken, wenn es doch
       sein könnte, dass man es mit einem Doppelgängertreffen zu tun hat.“
       
       Dann wurde auch noch ein Kegel mit Abhörtechnik eingeschleust. Später
       stellt sich heraus, dass zwei der Kegel mit Uran gefüllt sind. Die dazu
       befragte KI rät, austretendes Uran mit Essig zu bekämpfen. Denn bei ihr ist
       Urin gleich Uran. Und dann kommt ans Licht, dass die Hälfte der Gipfel-
       beziehungsweise Theaterprojekt-Teilnehmenden als humanoide Roboter mit
       KI-deep-fake-Hologramm bei Temu bestellt wurden. Die Katastrophe nimmt
       ihren Lauf, bis alles in die Luft geht.
       
       ## Verspielter, zugleich messerscharf analytischer Humor
       
       Es ist ein absurd-witziger Abend, dessen immer neue Wendungen einen extrem
       gut unterhalten und gleichzeitig in den Bauch boxen, weil jede, auch die
       absurdeste Drehung, an die gegenwärtige politische Weltlage andockt.
       Aufrichtig ist, dass man sich mit der Folie, die man an EntscheiderInnen
       legt, auch selbst befragt. Eine dritte Ebene sind die drei Spielerinnen des
       [3][inklusiven Theaters Thikwa]. Immer wieder bringen sie Aspekte ihres
       Alltags ein, zum Beispiel, wie viele Jahre Jasmin Lutze ihr komplettes
       Werkstattgehalt sparen müsste, um die 80.000 Euro zusammenzuhaben, um an
       einem Entscheidergipfel teilzunehmen.
       
       Es ist ein Bild für Götter, wenn sich die SpielerInnen als Ausrufezeichen,
       halb Hundedress, halb Business-Klamotte, in Reih und Glied formieren
       (Kostüme: Jelka Plate). Vanessa Stern stellt ihr Alleinstellungsmerkmal
       wieder unter Beweis. Wer sonst im deutschen Gegenwartstheater verfügt über
       diesen verspielten und zugleich messerscharf analytischen Humor?
       
       Knapp hundert Plätze hat der TD Berlin. Verehrte 3-Sat-Redaktion, schleppe
       deine Kameras in diese Off-Bühne, die „Anleitung zur Kumpanei“ hat eine
       größere Reichweite verdient. Planessa Stern kommentiert: „Wenn wir Brains
       überleben, kommt eine neue Brainkultur. Braintopia.“ Besser wäre ein neues
       Stück von Vanessa Stern. Wenn der Hauptstadtkulturfonds sie wieder fördert.
       
       1 Jun 2026
       
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