# taz.de -- Übers gesellschaftliche Miteinander: Was mir trotz Bombenwarnung wirklich Hoffnung macht
       
       > Die meisten Leute starren aufs Handy. Immerzu und überall. Es gibt wenige
       > Momente im Alltag, in denen Menschen mal vom Display aufblicken. Ein
       > Beispiel.
       
 (IMG) Bild: Wenn der Blick aufs Handy verunsichert und Menschen Kontakt zu Mitmenschen suchen: Warnung über die Warn-App Nina (Symbolbild)
       
       Ich bin von Bad Pyrmont nach Hamburg gefahren und auf der Strecke zwischen
       Paderborn und Hannover bekam ich eine Bombenwarnung auf mein Handy. Viele
       im Zug bekamen so eine Warnung, es war ein richtiges Warnorchester, wir
       wurden angehalten, den Bereich Hameln zu meiden oder ihn großzügig zu
       umfahren, wegen einer Bombenentschärfung (eine 1.000 Kilogramm
       Fliegerbombe). Wir waren kurz vor Hameln, als der Alarm losging, fuhren
       gleich auch schon in Hameln ein.
       
       Durch diesen Warnton waren wir jetzt eine Gemeinschaft, gemeinsam befanden
       wir uns in Gefahr oder auch nicht (Einige grinsten, konnten es nicht
       glauben, es war so was wie ein Witz, eine Übertreibung, eine
       Lächerlichkeit. Bombenwarnung, echt jetzt?). Es war so, dass die Leute
       natürlich alle auf ihr Handy starrten und dann taten sie, was sie sonst
       nicht tun, sie sahen sich um, auf so eine tastende, unsichere Art. Sie
       suchten Blickkontakt, ich merkte es, jawohl.
       
       Auch ich sah mich um, wollte wissen, was die anderen dachten, wollte es
       anhand meiner Beobachtungen abklären. Sie haben doch auch diese Nachricht
       bekommen? Ich habe es ja gehört. Wie gehst du damit um? Was sollen wir
       jetzt tun? Wie geht es weiter? Das sind so die Gedanken und dann fingen die
       Leute an, Bemerkungen zu machen, auf die Bemerkungen gab es Antworten und
       so fort.
       
       Das ist doch wirklich etwas Seltsames, das passiert, wenn so etwas
       eintritt, das alle betrifft. Wie sehr die Leute sich dann plötzlich aus
       ihrer Vereinzelung in die Gemeinschaft hinein öffnen und sich davon etwas
       erhoffen: Orientierung, Verbündete, Hilfe. Und gleichzeitig die
       Bereitschaft wächst, etwas davon anzubieten, etwas zu geben.
       
       ## Körperkontakt, Gerüche, Nähe
       
       In Hameln wartete ein einziger Bus (Schienenersatz – was für ein deutsches
       Wort!), der die ganze S5 aufnehmen wollte/musste. Es gab ein ziemliches
       Gedränge. Natürlich war der Bus zu voll, die Türen schlossen nicht, immer
       noch mehr Leute. Es geht alles eigentlich nicht, aber dann geht es doch.
       Die Leute sind in den Bus gequetscht wie Sardinen, Körperkontakt, Gerüche,
       Nähe.
       
       Endlich fahren wir los. An einer Kreuzung sehe ich ein Schild: Springe 11
       Kilometer. Wir sind ja gleich da!, sage ich freudestrahlend zu dem jungen,
       bärtigen Mann, der neben mir steht, einfach, weil er neben mir steht. Er
       ist so freundlich, dass freundlich nicht mal ein angemessenes Wort ist.
       
       Ich dachte eine ganze Weile darüber nach, was für eine Art von
       Freundlichkeit das ist, woran sie mich erinnert und wann ich einmal im
       Leben so eine Art von höflicher (im besten Sinne) Aufmerksamkeit erlebt
       habe. Dabei war dieser Mann sehr unbequem im Gang zwischen den Sitzen und
       meinem Koffer eingequetscht und schwitzte. Ich saß, ich hatte Glück.
       
       Springe war dann noch viel weiter entfernt, als 11 Kilometer, wir fuhren
       riesige Umwege. Aber das machte nichts. Die Stimmung war gar nicht so
       schlecht, wie man meinen könnte, in diesem vollen Bus.
       
       In Springe wurde ein Zug nach Hannover angezeigt. Eine Durchsage: Der
       angezeigte Zug falle aus. Der angezeigte Zug kam nichtsdestotrotz, die
       Leute stiegen ein. Alle waren froh. Ich sage das nicht nur so. Ich sah das.
       Nie sind die Leute so froh, wenn was auf der Kippe steht und dann doch
       irgendwie klappt. Und was mir wirklich Hoffnung macht, und worum es mir in
       diesem Text geht: Immer noch, auch wenn es uns oft anders vorkommt, wenden
       sich Menschen an andere Menschen, wenn sie sich ein bisschen hilflos
       fühlen. Immer noch glauben sie, dass es besser ist – und das ist es auch.
       
       Von Katrin Seddig ist gerade im Literatur Quickie Verlag ihr Essayband
       „Gedanken zu Turnhallen“ erschienen.
       
       7 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Seddig
       
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