# taz.de -- Karneval der Kulturen in Berlin: Viel mehr als Folklore und exotische Trachten
> Zu Pfingsten schaut sich unsere Kolumnistin immer beim Karneval der
> Kulturen um. Aber auch eine erfahrene Karnevalsgängerin kann da noch was
> lernen.
(IMG) Bild: Bunt und vielfältig wie stets: der Karneval der Kulturen in Berlin
Soweit ich mich erinnern kann, war ich seit Ende des vergangenen
Jahrtausends eigentlich auf jedem [1][Karneval der Kulturen] – meist
dienstlich, erst ein paar Jahre lang als Reporterin für Radio Multikulti,
dann fast zwei Jahrzehnte für die taz. Ich habe viele kluge und weniger
kluge Texte über den KdK geschrieben, oft seinen Kritiker*innen
widersprochen, die das Fest als Multikultispektakel abtaten, das
Zuwander*innen auf Folklore und exotische Trachten reduzierte – und
habe mir Jahr für Jahr wieder Gedanken darüber gemacht, welchen Aspekt
dieses wichtigsten Berliner Volksfestes ich diesmal hervorheben kann.
Und als ich es dann nicht mehr musste, bin ich weiterhin ganz privat zum
Karneval gegangen – nicht hinzugehen, schien mir ebenso unmöglich, wie etwa
Weihnachten ganz und gar zu ignorieren: Beides gehört zu meiner Lebensart,
ist Teil meiner Kultur.
Am diesjährigen Pfingstwochenende gab mir mein jetziger Job die
Gelegenheit, den Karneval von einer ganz neuen Seite zu erleben: Ich konnte
mit helfen, einen Stand der [2][Berliner Arbeitsgemeinschaft für offene
Kinder- und Jugendarbeit] auf dem Kinderfest des KdK im Görlitzer Park zu
betreuen. Und es ist mir zwar peinlich, das zuzugeben, aber ich glaube, ich
habe die Bedeutung des [3][Karnevals der Kulturen erst jetzt richtig
verstanden].
Dabei war ich anfangs durchaus skeptisch gegenüber den Plänen, mit denen
der (viel erfahrenere) Kollege, der den Stand organisiert hatte, dort die
Kinder bespaßen wollte: Postkarten bemalen und an einen lieben Menschen
schicken? Schöne Idee, aber malen tun die Kleinen in Kitas und Grundschulen
doch eh jeden Tag, oder nicht? Und dann hatte er tatsächlich noch 12 kleine
Fähnchen mitgebracht, auf denen die Wappen der Berliner Bezirke abgebildet
waren: „Flaggenquiz!“, sagte er strahlend. Ich – bar jeglicher
pädagogischen Qualifikation – dachte: Na ja. Mal sehen. Und ich sah.
Die Kinder und Eltern, die unseren Stand besuchten, kamen aus Korea, Ghana
und Steglitz-Zehlendorf, aus Bulgarien, Sri Lanka und
Friedrichshain-Kreuzberg, aus Italien, Brasilien und
Charlottenburg-Wilmersdorf, aus Bayern, Nordirland und Neukölln, aus der
Ukraine, der Türkei und Marzahn-Hellersdorf, aus Kolumbien, Palästina und
Reinickendorf, aus Iran, der Schweiz und Lichtenberg – unter anderem. Kein
Kind, dem nicht gleich ein lieber Mensch einfiel, an den von unserem
„Postamt der Liebe“ aus eine Karte zu schicken wäre, kaum eines, das nicht
zwei oder auch drei Sprachen sprach.
Und kaum jemand, der sich nicht bald auch für die kleinen Fähnchen auf
unserem Tisch interessierte: Welches Wappen ist denn von unserem Bezirk?
Warum ist hier eine Ritterburg, dort ein Fuchs, da ein Kreuz, warum sind
auf diesem Fische drauf?
Und während ich zwei Mädchen dabei zusehe, wie sie Postkarten an Omas
bemalen, die beide nicht verschickt werden können – denn die eine Oma ist
kürzlich verstorben, die andere lebt in Iran und kann dort gerade weder
Post empfangen noch angerufen werden –, begreife ich: Der Kollege hat eine
praktische Lehrstunde dessen geschaffen, was ich in meinen vielen Texten
über den Karneval der Kulturen schon so oft theoretisch aufgeschrieben
hatte: Nein, man muss, um hier anzukommen, nicht aufgeben, was man selbst,
die Eltern, die Großeltern als Einwander*innen mitgebracht haben. Man
kann das alles sehr gut und unproblematisch in einem Menschen, in einem
Kind unterbringen, es „integrieren“: wenn man es einfach als Lebensrealität
akzeptiert und behandelt und vielleicht etwas kluge pädagogische
Unterstützung bekommt, wenn man sie braucht.
29 May 2026
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