# taz.de -- Erster Mai ohne Demo: Vor den Barrikaden
       
       > Unser Kolumnist geht nur noch selten auf Demos. Sein Unbehagen an der
       > Sache versteht er besser, seit neulich umgekehrt mal gegen ihn
       > demonstriert wurde.
       
 (IMG) Bild: Sehr wahrscheinlich nicht im Bild: unser Autor
       
       Wann ich zuletzt auf einer 1.-Mai-Demo war, weiß ich nicht mehr. Vor 15
       Jahren? Oder mehr? Mit [1][meinem Wegzug aus der Stadt] hat das jedenfalls
       nichts zu tun – das Spektakel war mir schon aus dem Blick geraten, als es
       noch um die Ecke war.
       
       Vielleicht braucht es jetzt schon den Disclaimer: Ich habe nichts gegen
       Revolten und finde auch den Gedanken sympathisch, wenigstens ein Mal im
       Jahr in die Offensive zu gehen, statt sich ständig in immer schmerzhafteren
       Rückzugsgefechten zu verausgaben. Ich glaube nur nicht mehr daran.
       
       Und für den Blick heute spielt die Frage von Stadt und Land schon eine
       Rolle: In der Stadt ist immer jemand auf der Straße. Wenn ich unerwartet
       reinstolpere – wie neulich in eine kämpferische Demo gegen die jüngsten
       Angriffe auf Rojava –, dann stelle ich mich schon mal dazu oder laufe ein
       paar Meter mit. Nicht weil ich glaube, dass hier was zu holen wäre, sondern
       eher aus Solidarität mit denen, die es ernst meinen. Und die werden mir
       sonderbar fremd, seit sie nicht mehr nebenan wohnen.
       
       Dass ich an Demos denke, hat übrigens gar nicht so viel mit dem Datum zu
       tun, sondern damit, dass vor knapp zwei Wochen gegen mich demonstriert
       wurde. Oder, etwas weniger dramatisch, gegen [2][das Roadburn-Festival],
       seine paar Tausend Besucher:innen und am Rande eben auch gegen mich.
       
       Der Protest war klein, aber laut. Ich war allein unterwegs zwischen zwei
       Konzertlocations in der Innenstadt von Tilburg und hörte wüstes Geschrei um
       die Ecke, eher wie eine Schlägerei als eine Kundgebung, und weil die
       Aggression doch sehr einseitig klang, bin ich schnell hin … und dann steht
       da ein winziges Grüppchen Vollidioten und schreit was über den Teufel. Auf
       ihren Pappschildern stand „Fear God“ und „Trust Jesus“, umzingelt von roten
       Flammen. Der Redner hatte das Konzert als „Fest of the Devil“ identifiziert
       und brüllte nun am Rande der Heiserkeit um unser Seelenheil. Interessiert
       hat das kaum jemanden. Ein paar Gestalten in schwarzen Bandshirts standen
       grinsend in der Nähe, machten Fotos und Witze und aßen tiefenentspannt ihre
       Pommes.
       
       Ich fand’s weniger lustig, obwohl das surreale Moment schon irgendwie
       faszinierend war – so auf dem Weg zwischen wüst verzerrtem
       Free-Jazz-Gefrickel und einer [3][weirden Avantgardefolknummer] plötzlich
       als Satanist markiert zu werden. Aber dieses Bild von sich heroisch
       gerierenden Einzelkämpfern gegen die Mächte des Bösen kam mir doch
       unangenehm bekannt vor. Nur eben von der anderen Seite der Barrikade.
       Wahrscheinlich geht es Nazis gar nicht so anders, wenn sie da dumm grinsend
       unsere Gegendemos fotografieren und einem ihr „Komm ran!“ entgegenrufen.
       
       Ein Lehrstück für andere ist das nicht. Denn natürlich geht es am Ende des
       Tages um die Inhalte. Ein Nazi ist ein Nazi und ein
       Free-Jazz-Konzertbesucher ein Free-Jazz-Konzertbesucher. Trotzdem fange ich
       an, die Beklemmung besser zu verstehen, die mich schon sehr lange umtreibt.
       Jetzt, wo das Unbehagen ein Gesicht hat: das von einem
       christlich-fundamentalistischen Schreihals mit blauer Schirmmütze und
       Schaum vor dem Mund.
       
       1 May 2026
       
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