# taz.de -- China-Politik der Luxemburg-Stiftung: Auf Maos Spuren
> Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bietet eine Bildungsreise nach China an.
> Reiseleiter sollte ein Mann sein, der seit Jahren unkritisch mit dem
> Regime ist.
(IMG) Bild: Sein Blick geht weit – Maos Porträt über dem Tian'anmen-Tor in Peking
Rettet China den Planeten? So verheißungsvoll heißt zumindest eine
Bildungsreise der Linkspartei-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung, die am 3. Mai
in Shenzhen startete. Die Teilnehmenden sollen vor Ort erfahren, wie die
Volksrepublik die ökologische Transformation schafft. Dafür besuchen sie
die Industriestadt Guangzhou, die Hauptstadt Peking sowie die Fabriken von
Unternehmen wie Huawei und BYD. Doch die Reise macht erneut deutlich, wie
unkritisch Teile der Partei und Stiftung mit China umgehen. Und wie sie
damit der Propaganda des Regimes in die Hände spielen.
Das zeigt etwa die Person, die das Programm der in Hamburg und
Baden-Württemberg als Bildungsurlaub anerkannten Reise leiten sollte:
Wolfgang Müller. Ein Mann, der mit dem Propagandaapparat des Regimes
kooperiert und die systematische Unterdrückung von Minderheiten schönredet.
1977 zog Müller nach China. Der Kommunistische Bund Westdeutschland
schickte ihn nach Peking als Verbindungsmann zur herrschenden
Kommunistischen Partei, [1][wie Table Media berichtet.] In den 1970er
Jahren arbeitete er nach eigenen Angaben für mehr als zwei Jahre in der
deutschen Redaktion des staatlichen Propagandasenders Radio Peking (heute
Radio China International).
Seitdem reist Wolfgang Müller regelmäßig nach China. Für die IG Metall soll
er Beziehungen zu chinesischen Gewerkschaften aufgebaut haben, er selbst
[2][bezeichnet sich als deren „Mr. China“]. Nun arbeitet der inzwischen
pensionierte Müller als eine Art freiberuflicher Peking-Versteher für
deutsche Arbeitnehmervertreter und Aufsichtsräte mit chinesischen
Geschäftsinteressen.
## Zerstörung uigurischer Identität
Und Müller hat Verständnis für das Regime: Im Sommer 2025 nahm er auf
Einladung des chinesischen Außenministeriums an einer Mediendelegation nach
Xinjiang teil. In Berichten sang er danach ein Lobeslied auf die Reise.
Seit Jahren verfolgt das chinesische Regime Uiguren und andere muslimische
Minderheiten in der Region im Nordwesten Chinas. Noch immer gelten
[3][unzählige Menschen als verschwunden], nachdem sie unter dem Vorwand der
„Terrorismusbekämpfung“ in staatlich betriebene Lagersysteme verschleppt
worden waren. Überlebende berichten von brutaler Folter, Misshandlungen und
Zwangsarbeit. Kinder werden von ihren Familien getrennt und in Internaten
indoktriniert. Moscheen werden umgebaut oder demoliert, predigen dürfen nur
noch staatlich kontrollierte Imame. Menschenrechtsexperten warnen vor der
systematischen Zerstörung der uigurischen Identität.
Für Müller sei die Realität bei seinem Besuch jedoch „ganz anders“ gewesen
– so zitiert ihn die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. In einem Beitrag
mit dem Titel „Das wahre Xinjiang aus Sicht eines deutschen Autors“
beschreibt er die Region als [4][„wirklich stabil und harmonisch“]. China
sei „ein geeintes und sehr inklusives Land“. Floskeln, die nahezu
deckungsgleich mit der staatlichen Propagandarhetorik sind. Laut Müller sei
es „offensichtlich“, dass es in Xinjiang „keine Unterdrückung der Religion“
gebe.
Über die Reise schreibt er in [5][einem Bericht] für den DKP-nahen Verein
„Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung“ in München von einer
„Boomregion nach erfolgreichem Kampf gegen Terrorismus“. Die Vorwürfe, das
Regime würde einen kulturellen Genozid an den Uiguren verüben oder sie
„sinisieren“ wollen, seien nach seiner Darstellung „westliche Propaganda“,
„Desinformation“ und „Horrorgeschichten“. Eine gekürzte Version des Textes
erschien [6][in der Zeitung Junge Welt.]
## Müller tritt die Reise doch nicht an
„An solchen Reisen teilzunehmen, ist ein anderes Kaliber, als grundsätzlich
offen gegenüber China zu sein“, sagt Mareike Ohlberg gegenüber der taz zu
Müllers Teilnahme an der staatlichen Xinjiang-Reise. Sie ist China-Expertin
beim Berliner Thinktank German Marshall Fund. „Es gibt Gründe, weshalb
bestimmte Leute eingeladen werden“, so Ohlberg. „Meistens sind das jene,
von denen sich die chinesische Seite erwartet, dass sie die positiven
Narrative wiederholen.“
Auf taz-Anfrage schreibt eine Sprecherin der Rosa-Luxemburg-Stiftung in
einer ersten E-Mail, Wolfgang Müller sei ein „ausgewiesener Chinaexperte,
der als Gewerkschafter Chinas wirtschaftliche Entwicklung vor allem aus
Arbeitnehmersicht kritisch betrachtet hat“. Auf Müllers Äußerungen zu den
Uiguren in Xinjiang geht sie nicht ein. In einer zweiten E-Mail schreibt
sie, Müller könne die China-Reise aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr
antreten. Die Reise werde nun von Jens Beckmann von der IG Metall geleitet,
heißt es.
Die Sprecherin betont: Es gehe der Stiftung stets darum, ein „umfassendes,
also auch kritisches Bild des Landes und seiner politischen Entwicklung zu
vermitteln“. Und das gelte insbesondere auch für Chinas ökologische
Transformation.
Die IG Metall Bayern, für die Müller 14 Jahre arbeitete und für die er nach
seinem Ausscheiden 2013 Bildungsreisen nach China organisierte, antwortet
der taz: Sie habe „erst jetzt von Wolfgang Müllers Äußerungen zur
Unterdrückung der Uiguren erfahren und distanziert sich von diesen
Äußerungen deutlich“. Es werde keine weitere Zusammenarbeit mit ihm geben,
heißt es weiter.
Müller selbst reagierte auf einen Fragenkatalog der taz via LinkedIn nicht.
Die Rosa-Luxemburg-Stiftung behauptet auf Anfrage, keine Kontaktdaten für
Müller zu haben.
## NGO und Stiftungen in China
Seit 2008 unterhält die Rosa-Luxemburg-Stiftung ein Büro in Peking. Wie
andere internationale Stiftungen und Organisationen ist ihre Arbeit vom
repressiven „Ausländische-NGO-Gesetz“ bestimmt: Nur unter strenger Aufsicht
kann sie im Land agieren. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung sei „wie alle
internationalen NGO verpflichtet, ihre Projekte in einem Jahresplan
zusammenzutragen und vorab genehmigen zu lassen“, schreibt die Sprecherin
auf taz-Anfrage.
Das wirkt sich auf ihre Arbeit aus: Ein langjähriger Mitarbeiter der
Stiftung sagt der taz, ihre China-Politik sei intern ein größeres Problem.
Seit circa 2003, als die Stiftung erste Projekte in der Volksrepublik
förderte, habe sie kein kritisches Papier oder keine tiefgehende Analyse zu
China, der Kommunistischen Partei oder Xi Jinping veröffentlicht, moniert
er.
Andreas Fulda, China-Experte an der University of Nottingham, kritisiert
die Rolle aller Stiftungen in China, von der Heinrich-Böll- bis zur
Konrad-Adenauer-Stiftung, die ihm zufolge nicht unabhängig arbeiten können.
„Ihre Büros in Peking sind erpressbar und das führt zu einer Selbstzensur,
auch in Deutschland“, sagt er. „Und das ist nicht der originäre Auftrag der
Demokratieförderung dieser Stiftungen, sondern das schadet schließlich dem
Diskurs über China.“
Ausnahme sei die Friedrich-Naumann-Stiftung, die [7][in den Neunzigern nach
einer Tibet-Veranstaltung in Bonn aus Peking rausgeflogen] ist. Doch Fulda
bemängelt mehrere Veröffentlichungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu China
als einseitig und methodisch fragwürdig. „Das ist mehr Ideologie als
öffentliche Bildungsarbeit.“ Mindestens drei Publikationen der Stiftung hat
Wolfgang Müller selbst verfasst. Ohlberg sagt: „Es fällt auf, dass die
Rosa-Luxemburg-Stiftung China viel unkritischer einordnet als andere
politische Stiftungen.“ In einem Online-Beitrag der Stiftung werden
Regime-Vertreter etwa als „Freund*innen in der Ferne“ bezeichnet.
## Chinesische Propaganda und Social Media
Die China-Versteherei der Stiftung setzt sich in den sozialen Medien fort.
Das Instagram-Profil rosalux_asia postete Zitate von Mao Zedong und Deng
Xiaoping, die als inspirierende Revolutionäre verklärt werden. Die Posts
wurden kurz nach ihrer Veröffentlichung wieder gelöscht. Die Stiftung sagt
auf taz-Anfrage, sie wolle mit dem Instagram-Account „zu einer
differenzierteren Auseinandersetzung mit dem asiatischen Kontinent und
seiner Diversität“ beitragen. Die gelöschten Posts will sie nicht
kommentieren.
Auch weitere China-Reisen aus dem Umfeld der Linkspartei zeigen ein sanftes
Umgehen mit dem Regime. Im Juli 2025 besuchten Mitglieder der Linksjugend
Solid und Stipendiaten der Rosa-Luxemburg-Stiftung die
Propagandaveranstaltung „World Youth Conference for Peace“ in Peking, die
sie in einem inzwischen entfernten TikTok-Video lobten. Das Video wurde „im
Nachgang gelöscht, da es den komplexen Charakter der Reise nicht angemessen
abgebildet hat und Raum für Missverständnisse bietet“, sagt die
Jugendorganisation auf taz-Anfrage. Weitere China-Reisen plane die
Jugendorganisation nicht. Die Delegation wurde während ihres Besuchs von
einem chinesischen Content-Team begleitet. Aufnahmen erschienen
anschließend auf einer großen inländischen Propagandaplattform.
Für die China-Expertin Mareike Ohlberg zeigt sich hier ein typisches
Problem solcher Reisen: „Wer sich mit China auskennt, weiß, dass staatliche
Medien solche Besuche gezielt nutzen, um Teilnehmende für eigene Narrative
und Botschaften einzubinden.“
Lässt sich vor diesem Hintergrund wirklich ein kritischer Blick auf die
ökologische Transformation der Volksrepublik und ihre Schattenseite
gewinnen? Oder nutzt auch die aktuelle Bildungsreise der
Rosa-Luxemburg-Stiftung vor allem dem chinesischen Regime?
Klarstellung: Mit der Formulierung einer Kooperation mit dem
‚Propagandaapparat des Regimes‘ war keine vertragliche, weisungsgebundene
oder institutionalisierte Zusammenarbeit Herrn Müllers mit staatlichen
chinesischen Propagandastellen gemeint, sondern eine journalistische
Bewertung seiner im Beitrag dargestellten öffentlichen Rolle im Kontext der
China-Politik.
10 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://table.media/china/heads-category/wolfgang-mueller-erst-berufsverbot-dann-radio-peking
(DIR) [2] https://www.chinahirn.de/2021/01/25/chinahirnfragt-wolfgang-mueller-gewerkschaftler/
(DIR) [3] https://www.ohchr.org/en/documents/country-reports/ohchr-assessment-human-rights-concerns-xinjiang-uyghur-autonomous-region
(DIR) [4] https://german.news.cn/20251107/85dea74e353649ffad11868d8ba607b1/c.html
(DIR) [5] https://www.isw-muenchen.de/online-publikationen/texte-artikel/5383-xinjiang-boomregion-nach-erfolgreichem-kampf-gegen-terrorismus
(DIR) [6] https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=%2Fartikel%2F516254.china-provinz-mit-perspektive.html
(DIR) [7] /China-schliesst-Naumann-Stiftung/!3207273/
## AUTOREN
(DIR) Nicholas Potter
(DIR) Vivien Chang
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