# taz.de -- Chinesische Propaganda auf Social Media: Pekings nützliche Gehilfen
       
       > Fröhliche Menschen, Berge und Flüsse, hübsche Moscheen – so stellen
       > Influencer:innen China im Sinne des Regimes dar. Doch die Realität
       > sieht anders aus.
       
 (IMG) Bild: Nur Jubel ist willkommen: Chinas Staatschef Xi Jinping im Mai 2025 am Flughafen in Ürümqi
       
       Auf dem Platz vor dem großen Basar in Ürümqi, in der westchinesischen
       Provinz Xinjiang, herrscht reges Treiben: Wie jeden Tag führen Uiguren in
       traditionellen Kleidern einen Tanz auf. Touristen zücken ihre Handys. Auch
       die australische Travel-Influencerin Dana Wang ist vor Ort. Auf ihren
       Social-Media-Kanälen hat sie über 800.000 Follower.
       
       Während einer Taxifahrt spricht Wang ihren uigurischen Fahrer auf die
       „seltsamen Annahmen“ an, die das Ausland über die Uiguren habe: Sie seien
       nicht glücklich, nicht frei. Der Fahrer lacht verlegen. In Xinjiang sei
       alles toll, natürlich sei er glücklich. Er könne sich nicht erklären, warum
       Ausländer so etwas behaupten.
       
       Das Video will die Content Creatorin nach eigenen Angaben heimlich
       aufgenommen haben. In der Caption heißt es, die Menschen könnten tun, „was
       immer sie wollen“. Jeder könne nach Xinjiang reisen und sich ein Bild von
       der „Realität“ machen, statt ausländischen Medienberichten zu glauben.
       
       Auf Social Media kursieren unzählige solcher Videos, die genauso gut aus
       dem Propagandahandbuch der Kommunistischen Partei Chinas stammen könnten.
       Ob die Ersteller Anreize erhalten oder aus eigener Motivation handeln, ist
       schwer zu beurteilen. Fest steht jedoch: Experten warnen seit Jahren vor
       der wachsenden Einflussnahme durch Peking.
       
       ## Feelgood statt Repression
       
       Schon 2013 forderte Xi Jinping auf einer Konferenz, die neuen Medien
       stärker zu nutzen, um „Chinas Softpower“ auszubauen. „Wohlfühlinhalte“ über
       den Alltag chinesischer Menschen, Kultur und Modernisierung sollen den
       repressiven Überwachungsstaat überstrahlen. Das Ausland soll die
       Volksrepublik unter Führung der KP als verantwortungsvolle Weltmacht und
       „geeinte Nation“ mit „schönen Flüssen und Bergen“ wahrnehmen.
       
       Alle müssen „Chinas Geschichte gut erzählen“: von Regierungsvertretern und
       Wissenschaftlern über gewöhnliche Bürger bis hin zur chinesischen Diaspora.
       Auch ausländische Stimmen dienen dem Regime als Sprachrohre. Regelmäßig
       lädt der Propagandaapparat Journalisten und Content Creators auf sorgfältig
       kuratierte Programmreisen in das Land ein. Diejenigen, die in China leben
       und kritische Themen auslassen oder positiv umdeuten, können auf Reichweite
       auf chinesischen Plattformen und lukrative Jobs als teils staatlich
       geförderte Moderatoren oder Reiseblogger hoffen.
       
       Der Tourismus, den China in den letzten Jahren in politisch sensiblen
       Regionen wie Xinjiang massiv ausgebaut und beworben hat, ist zu einem
       gigantischen Softpower-Instrument geworden. Während unabhängige
       Journalisten nicht frei recherchieren können und Behörden Interviewpartner
       [1][unter Hausarrest stellen], übernehmen Reiseblogger eine Art
       „Ersatzberichterstattung“.
       
       Influencer wie etwa die deutsch-italienische Creatorin „official_yasmin“,
       die zeigen, wie es in Xinjiang angeblich „wirklich“ ist, posten immer
       wieder [2][dieselben Motive]: malerische Natur, hübsche Moscheen und
       fröhliche Menschen, die in glitzernden Kostümen auf öffentlichen Plätzen
       und in Restaurants singen, tanzen oder musizieren.
       
       ## Unter Kontrolle der Partei
       
       Unsichtbar bleibt, dass die Behörden in den vergangenen Jahren Tausende
       Moscheen zerstören oder [3][zu Touristenattraktionen umwandeln ließen]. Die
       verbliebenen Gotteshäuser stehen wie alle religiösen Einrichtungen unter
       strenger Kontrolle der Partei. Sie müssen Gläubige zu Patriotismus und
       Parteiloyalität „erziehen“.
       
       Eindrücke aus Xinjiang entstehen innerhalb eines streng staatlich
       abgesteckten Rahmens. Touristen dürfen nur zu freigegebenen Orten reisen,
       werden überall digital erfasst. Kameras und lokale Nachbarschaftskomitees
       dienen als Augen und Ohren des Staates.
       
       Für Muslime ist es riskant, über Repression oder Angehörige zu sprechen,
       die bis heute verschwunden sind. Zahlreiche Uigurische Dichter und
       Intellektuelle müssen den Rest ihres Lebens wegen angeblichen „Terrorismus“
       hinter Gittern verbringen. Das Australian Policy Institute fand heraus,
       dass der Propagandaapparat sogar gezielt Content Creator verfolgter
       Minderheiten für sich einspannte, um Zweifel an Menschenrechtsverletzungen
       zu säen.
       
       Neben idyllischen Reisebildern fluten auch leuchtende Wolkenkratzer die
       Social-Media-Feeds. Daneben sind vermüllte Straßen in den USA zu sehen:
       „‚Land of Freedom‘ or ‚Restricted Country‘ – in which world do you want to
       live?“, lautet der Titel eines Clips mit über dreihunderttausend Likes.
       
       ## Jenseits des Glanzes
       
       Erfolgsgeschichten wie diese transportieren genau die Narrative, die Peking
       gebetsmühlenartig verbreitet: Während die USA und liberale Demokratien nur
       Chaos und Elend produzieren würden, verspreche Chinas Modell Stabilität und
       Fortschritt. Doch abseits der Hochglanzmetropolen leben noch immer Hunderte
       Millionen Menschen unter schwierigen Bedingungen. Die wirtschaftliche Lage
       ist angespannt. Das Land steht vor dem demografischen Kollaps.
       
       Influencer wie „Lea.unveilchina“, „Imyoyoyue“ oder der US-Amerikaner
       „Thedantemunoz“, der mit chinesischen Staatsmedien kooperiert, erreichen
       Hunderttausende Menschen. Sie inszenieren sich als harmlose
       Kulturvermittler, die „dem Westen“ das „missverstandene“ Land erklären. So
       gebe es auch in China „Demokratie“ und „Freiheit“, sie hätten dort einfach
       nur andere Definitionen.
       
       Die Erzählung fügt sich in Pekings globale Propagandastrategie ein,
       Begriffe umzudeuten und den eigenen Autoritarismus zu normalisieren. Bei
       den Vereinten Nationen betont das Regime, dass Menschenrechte nicht
       universell gelten könnten. Es gebe unterschiedliche „Vorstellungen und
       Praktiken“, die man respektieren müsse.
       
       Auch immer mehr politische Kommentatoren aus China, wie „Shubai.china“ oder
       „Iambuddhawangwang“, propagieren Pekings Erzählungen aggressiv auf Tiktok
       und Instagram. Die Apps sind in der Volksrepublik offiziell gesperrt. Wie
       am Fließband sprechen sie englische Skripte in die Kamera ein. Kritik am
       Regime schmettern sie als „antichinesische Propaganda“ ab. Dem Westen
       werfen sie Heuchelei vor, und verweisen auf reale Missstände – die aber
       anders als in der Volksrepublik kritisiert und rechtsstaatlich
       aufgearbeitet werden können.
       
       Gerade in Zeiten, in denen Trumps zerstörerische Politik das Vertrauen in
       den Westen zusätzlich untergräbt, fallen Pekings Narrative auf fruchtbaren
       Boden. Doch sollte die Bilderflut voller glitzernder Skylines nicht darüber
       hinwegtäuschen, dass gleichzeitig ein brutaler Überwachungsstaat existiert,
       der Anwälte oder Journalisten verschwinden lässt. Beides gehört zur
       Realität des Landes, auch wenn vieles davon verborgen bleibt.
       
       28 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.theguardian.com/world/2018/aug/02/chinese-dissident-in-his-80s-arrested-at-home-during-live-tv-interview
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/p/DU_zD9JjJQU/
 (DIR) [3] https://www.theguardian.com/world/article/2024/may/25/shadian-last-major-islamic-style-mosque-in-china-loses-its-domes
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Vivien Chang
       
       ## TAGS
       
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