# taz.de -- Luxemburg-Liebknecht-Gedenkdemonstration: Laufsteg der Rotfronten
> Auf der traditionellen LL-Demo rufen rote Gruppen zum Widerstand gegen
> die Wehrpflicht auf. Und wetteifern um die revolutionärste Aufmachung.
(IMG) Bild: Eine Demonstrantin mit Kufiya trägt ein Foto von Rosa Luxemburg
Am Anfang geht es auf der diesjährigen
Luxemburg-Liebknecht-Gedenkdemonstration noch etwas holprig zu. Weil es an
der Frankfurter Allee noch vereiste Stellen gibt, geraten ein paar ältere
Menschen ins Schlittern. „Ist ja gemeingefährlich hier“, sagt ein älterer
Mann, der sich eine rote Nelke an seinen Mantel geheftet hat. „Aber hallo,
fast so gefährlich wie die da“, sagt seine Begleiterin, ebenfalls eine
ältere Frau, und zeigt auf die umherstehenden Hundertschaften vermummter
Polizist:innen. Beide lachen.
In der Folge bewahrheitet sich die Sorge der Frau aber dann nicht. Im
Gegensatz zu den vergangenen Jahren, in denen die Polizei immer wieder
[1][ziemlich brutal gegen den traditionellen Aufmarsch vorgegangen ist],
bleibt die diesjährige LL-Demo beinahe vollständig friedlich. 8.500
Demonstrierende zogen laut Polizei zum traditionellen Blumenniederlegen auf
dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde, wo die 1919 von
faschistischen Freikorps ermordeten Arbeiter:innenführern Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht begraben liegen.
Lange galt der Termin als Anlaufpunkt für nostalgische Altlinke. „Morgen
ist mein 90. Geburtstag, eigentlich ist das hier alles ein
Geburtstagsmarsch für mich“, scherzt eine alte Dame am Rand der
Auftaktkundgebung zur taz. Sie sei mit ihrer Familie extra aus Stuttgart
angereist, einer komme gar aus Luxemburg („das passt also“). Ein Verwandter
sei in der DKP, man sei aus Solidarität hier. „Aber es ist uns auch
wichtig, ein Gegengewicht zu zeigen, gegen die Politik der Herrschenden“,
sagt einer aus der Runde.
Doch inzwischen hat sich die Demonstration wesentlich verjüngt. Wer hier
vor allem aufläuft, das sind die deutschlandweit [2][aus dem Boden
sprießenden kommunistischen Kadergruppen]. Schon vor dem Demobeginn um 10
Uhr harren sie, allesamt in rote Hammer-und-Sichel-Schlauchschals
gewickelt, in Reih und Glied in der Kälte aus. Ordentlich haben sie sich in
die jeweiligen Blöcke ihrer Organisationen aufgeteilt. Was auffällt:
Während die Reihen der neuen Kadergruppen dicht bepackt sind, wirken die
Blöcke der alten Hasen von der MLPD oder der DKP recht ausgedünnt.
Ohne Konfrontation mit der Staatsmacht wirkt der Auflauf dann allerdings
eher wie ein Wettbewerb kommunistischer Ästhetik: Vor dem Block der
türkischen MLKP laufen vier junge Frauen, in Kufiyas und kurdische Tücher
gehüllt, sie tragen Porträts von Lenin, Luxemburg und Liebknecht, dazu
einen üppigen Blumenkranz. Ein anderer Block trägt ein riesiges Banner
„1924 bis heute – Lenin lebt im Kampf“. Immer wieder wird mit Rauchtöpfen
und Pyrotechnik revolutionäre Stimmung dargestellt.
Auch inhaltlich haben die vielen Jugendlichen nicht unbedingt zu einer
Verjüngung geführt. „Die größte Angst des bürgerlichen Staats, die
Kampfpartei des Proletariats“ skandieren sie aus voller Kehle, den
„Märtyrern“ Luxemburg und Liebknecht wird „Ruhm und Ehre“ gewünscht.
Insbesondere der Block der Kommunistischen Partei (KP) macht mit
Revisionismus auf sich aufmerksam. „Viva, viva, Stalin“, wird hier
skandiert, und: „Die DDR war unser Staat – Alle Macht dem Proletariat“.
Ansonsten liegt der inhaltliche Fokus auf dem Widerstand gegen Wehrpflicht
und Militarisierung. „Der Imperialismus braucht eine ruhige Heimatfront und
eine Bevölkerung, die mitmacht“, ruft ein Redner von einem
Lautsprecherwagen während des Umzugs. Aber der jüngste Schulstreik gegen
die Wehrpflicht habe gezeigt, dass sich die Jugend „nicht verarschen“
lassen. Die Rede geht in „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine
Zukunft“-Sprechchören unter. Auch viele „Viva Palästina“-Sprechchöre hallen
aus der Demo über die Frankfurter Allee. Im Protestzug sind zudem
zahlreiche Venezuela-Flaggen zu sehen.
Schon im Vorfeld der Demonstration, am Freitag, waren antimilitaristische
Aktivist:innen aktiv geworden und hatten versucht, auf das Gelände des
neuen Rheinmetall-Munitionswerks im Wedding einzudringen. Dies bestätigte
die Polizei der taz. Gelungen sei das nicht. Es sei dann in der Umgebung
Infomaterial verteilt worden. In einem Schreiben auf Indymedia heißt es
zudem, vor den Werkstoren sei „literweise blutrote Farbe“ ausgekippt
worden, „um deutlich zu machen, dass die Produktion von Kriegsgerät für Tod
und Zerstörung verantwortlich ist.“
Ebenfalls im Vorfeld stattgefunden hatte am Samstag die 31.
Rosa-Luxemburg-Konferenz der Zeitung Junge Welt in den Wilhelm Studios in
Wilhelmsruh. Laut der Zeitung kam dabei [3][auch der im Untergrund lebende
Ex-RAFler Burkhard Garweg zu Wort]. Demnach bezeichnete dieser den
Terrorvorwurf in einem vorgelesenen Grußwort als „grotesk“, der „wirkliche
Terror“ liege in der „kapitalistischen Normalität“. Garweg solidarisierte
sich laut der Zeitung auch mit der Palästina-Bewegung. „Widerstand gegen
Genozid, Apartheid“ und die „Komplizenschaft Deutschlands“ sei „notwendig
und gerechtfertigt“, sagte er demnach.
Auch die UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtssituation in den
palästinensischen Gebieten, Francesca Albanese, sprach auf der Konferenz.
Sie klagte ebenfalls eine deutsche Mitschuld in Israels Genozid in Gaza an.
[4][Laut Junge Welt] sprach sie von einem „dritten Genozid, an dem das
deutsche Volk Anteil habe, in weniger als 100 Jahren.“ Das Völkerrecht
müsse „von den Menschen aktiviert werden“, sagte sie.
Als der Protestzug den Friedhof erreicht, erwartet die
Klassenkämpfer:innen alles, was das linke Herz begehrt: Stände mit
zahlreichen Büchern, Flugschriften und Zeitungen, Kufiyas und roten
Schlauchschals, Currywurst und Pommes. Auf dem Friedhof wird der Protestzug
dann zu einem Trauermarsch. Gesungen wird jetzt nur noch die
Internationale. Nach und nach treten die Gruppen an das Grab mit der
Aufschrift „Die Toten Mahnen Uns“ und legen ihre Blumen ab. Erneut posieren
Jugendliche im Kleidungsstil der 1920er-Jahre für die Kameras. Die
Demonstration ist jünger geworden – doch die Nostalgie, sie ist nicht weg.
Hinweis: Die Rosa-Luxemburg-Konferenz fand in den Wilhelm Studios in
Wilhelmsruh statt, nicht in den Räumen der Jungen Welt, wie ursprünglich
berichtet.
11 Jan 2026
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(DIR) [3] https://x.com/jungewelt/status/2010001876868046871
(DIR) [4] https://www.jungewelt.de/artikel/515902.31-rosa-luxemburg-konferenz-es-kommt-auf-jeden-einzelnen-an.html
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