# taz.de -- Aktivist über Queerfeindlichkeit: „Die homophobe Fratze des politischen Establishments“
> Bart Staszewski fotografierte „LGBT-freie Zonen“ in Polen und sorgte so
> für ihre Abschaffung. Nun setzt er sich für die Ehe für alle ein.
(IMG) Bild: „Manche Gemeinderäte sahen schnell ein, dass sie zu weit gegangen waren“: Bart Staszewski mit einem Schild für „LGBT-freie Zonen“
taz: Eine Ehe für alle wird es in Polen zwar nicht geben, aber immerhin
eine per Gesetz geschützte Partnerschaft. Ist das für Sie und Ihren Partner
ein Fortschritt?
Bart Staszewski: Vom ursprünglichen Gesetzentwurf, in dem noch ganz klar
von der LGBTQI-Community die Rede war und den die Linke in der
Regierungskoalition schon vor zwei Jahren in den Sejm eingereicht hatte,
ist fast nichts übrig geblieben. Nicht mal der Name. Für Gesetzgeber und
Bürokraten sind wir nicht mehr schwul, lesbisch oder queer, sondern
„nächststehende Personen“. Ob uns das dennoch weiterbringt? Nein. Wir
können immer noch nicht standesamtlich heiraten.
taz: Der Europäische Gerichtshof hat Ende 2025 geurteilt, dass im
EU-Ausland geschlossene Ehen gleichgeschlechtlicher Partner [1][in der
gesamten EU anerkannt werden müssen], auch in Ländern, in denen es keine
Ehe für alle gibt. Wäre das ein Weg?
Staszewski: Ja, das wäre der einfachste Weg, auch für die Tusk-Regierung.
Sie könnte das Urteil anerkennen und sagen: Das ist EU-Recht; wir können
nicht anders. Fertig. Aber der Premier windet sich, die Minister winden
sich. Ob sie wirklich Angst haben vor der katholischen Kirche, vor der PiS
und vor rechtsradikalen Organisationen oder ob sie diese Furcht nur
vorschieben, ist schwer zu sagen. Aber was wir wieder sehen, ist die
homophobe Fratze des politischen Establishments in Polen.
taz: Im Westen denkt man eher, dass [2][die Tusk-Regierung] in diesen
Fragen liberal eingestellt ist, die Linke in der Koalition das Projekt
vorantreibt und der eigentliche Bremser im Präsidentenpalast sitzt. Ist dem
nicht so?
Staszewski: Im Prinzip ist es so. Aber die Realität ist komplexer. Ohne
politischen Willen geht es nicht. Im Wahlkampf war Tusk entschlossen, die
Rechte der Frauen und der LGBTQI-Community in Polen zu stärken. Das hat ihm
den Sieg gebracht. Doch dann verlor er das Interesse an uns. Seine einzigen
Themen zurzeit sind Wirtschaftswachstum und nationale Sicherheit. Er
vergisst völlig, dass es daneben auch noch ein Leben gibt, einen Alltag mit
Gefühlen wie Wertschätzung und Würde. Das könnte ihn im nächsten Jahr den
Wahlsieg kosten. Insgesamt ist die Enttäuschung groß.
taz: Aber ändert das neue Gesetz denn gar nichts?
Staszewski: Es ist vor allem Symbolpolitik. Tusk will am Ende seiner
Regierungszeit nicht mit völlig leeren Händen dastehen. Aber ein großer
Wurf ist das „Gesetz über die nächststehende Person“ nicht. Das geben auch
alle Politiker zu, die es ausgearbeitet haben und dabei so viele
Kompromisse eingehen mussten, dass vom ursprünglichen Entwurf nur ein paar
finanzielle Besserstellungen übrig geblieben sind.
taz: Sie haben fast im Alleingang dafür gesorgt, dass [3][die „LGBT-freien
Zonen“ in Polen] vollständig verschwunden sind. Wie haben Sie das
geschafft?
Staszewski: Ganz allein war ich nicht. Parallel zu meiner Fototour durch
alle Gemeinden Polens, die sich zu „LGBT-freien Zonen“ erklärt hatten,
veröffentlichte eine Gruppe von Aktivisten einen virtuellen „Atlas des
Hasses“. Da konnte man im Internet auf Gemeinden klicken und erfuhr im
Detail, wer sich im Gemeinderat für die Diskriminierung der im Ort lebenden
Schwulen, Lesben und Queeren ausgesprochen hatte. Viele Gemeinden hatten
über Erklärungen abgestimmt, die die rechte Juristenorganisation Ordo Iuris
vorformuliert hatte.
taz: Ausschlaggebend waren am Ende aber Ihre Fotos. Was haben Sie
fotografiert?
Staszewski: Mir fielen bei dem Wort „LGBT-freie Zone“ spontan die gelben
Warnschilder in Polen ein: „Militärisches Sperrgebiet!“ Oder: „Vorsicht!
Truppenübungsplatz“. In diesem Stil habe ich dann ein gelbes Warnschild
entwickelt. Oben stand in Polnisch: „Strefa wolna od LGBT“, also
„LGBT-freie Zone“, und darunter das Gleiche noch einmal in Englisch,
Französisch und Russisch. Dann bin ich zu einigen „LGBT-freien“ Orten
gefahren, habe das Warnschild unter dem Ortseingangsschild angebracht, das
Ganze fotografiert und am Abend die Fotos online gestellt. Am nächsten
Morgen wachte ich in einer völlig anderen Welt auf. Die Bilder waren
tausendfach geteilt worden, Journalisten aus aller Welt wollten mit mir
Interviews machen, viele Menschen signalisierten mir ihre Unterstützung.
taz: Und wie reagierten die Gemeinden, die nun für jeden im Internet
sichtbar homophob waren?
Staszewski: Ganz unterschiedlich. Manche Gemeinderäte sahen schnell ein,
dass sie zu weit gegangen waren, und nahmen die Erklärung schnell wieder
zurück. Andere warfen Ordo Iuris vor, ihre Gutgläubigkeit ausgenutzt und
sie zu einer „familienfreundlichen Deklaration“ gedrängt zu haben, die in
Wirklichkeit einige Menschen offen diskriminierte. Und dann gab es noch
Gemeinderäte, die voller Empörung vor den Kadi zogen – gegen die Aktivisten
des Hass-Atlasses und gegen mich.
taz: Was war die Anklage?
Staszewski: Wir hätten sie als homophob verleumdet und stigmatisiert. Aber
wir haben alle Prozesse gewonnen. Denn die Gemeinderäte hatten ja selbst
die „LGBT-freien Zonen“ beschlossen und ausgerufen. Das hatten wir uns ja
nicht ausgedacht.
taz: Hat die EU nicht auch eine gewichtige Rolle gespielt?
Staszewski: Ja. Brüssel strich die Fördermittel für Gemeinden, die sich als
„LGBT-frei“ erklärt hatten. Da fehlten Kleinstädten und Dörfern plötzlich
große Beträge, mit denen sie fest gerechnet hatten. Auch das wurde uns
vorgeworfen, also dass wir angeblich für die Streichung der EU-Mittel
verantwortlich waren. Aber wir haben ja nur öffentlich gemacht, was die
Gemeinden selbst beschlossen hatten. Vor genau einem Jahr, im April 2025,
zog die Kreisverwaltung von Łańcut als letzte von über hundert
Kommunalverwaltungen ihre homophoben Erklärungen zurück. Länger als sechs
Jahre hat der Spuk gedauert.
taz: Eine lange Zeit. Hat sich der Kampf gelohnt?
Staszewski: Als ich mittendrin war, fühlte er sich richtig an. Heute denke
ich, dass die zynische Politik der PiS mir einen großen Teil meines Lebens
gestohlen hat. Und wenn ich mir jetzt diese Stümperei rund um das „Gesetz
über die nächststehende Person“ ansehe, dann frage ich mich, ob es nicht
besser gewesen wäre, Polen zu verlassen. Mein Partner und ich – wir hätten
uns irgendwo im Ausland ein normales Leben aufbauen können. Jetzt haben wir
schon ein gewisses Alter erreicht. Da ist es schwer, noch einmal ganz von
vorne anzufangen.
24 Apr 2026
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