# taz.de -- Prozessauftakt in Stammheim: Sie kletterten durch das Seitenfenster
       
       > Palästina-Aktivist:innen drohen Haftstrafen, weil sie eine israelische
       > Rüstungsfirma in Ulm sabotiert haben sollen. Die Verteidigung spricht von
       > Notwehr.
       
 (IMG) Bild: „Free the Ulm 5“, Protest gegen Elbit Systems im September in Ulm
       
       Es ist 3.30 Uhr in der Nacht, als „Crow“, „Daniel“, „Leandra“, „Vi“ und
       „Zo“, wie die Aktivist:innen von Unterstützer:innen genannt
       werden, am 8. September 2025 in Ulm eintreffen. Ihr Ziel: die Niederlassung
       des israelischen Waffenkonzerns Elbit Systems. Die Firma ist der größte
       private Rüstungshersteller Israels, und ihre Waffen haben im Krieg in Gaza
       eine zentrale Rolle gespielt. Die Aktivist:innen haben sich
       vorgenommen, den deutschen Standort der Fabrik außer Gefecht zu setzen.
       
       Sie gehen dabei koordiniert vor. Laut den Vorwürfen der
       Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart, die der taz vorliegen, rennt zunächst
       eine weiterhin nicht gefasste Gruppe von sechs Vermummten auf den
       Haupteingang zu. Mit einem Vorschlaghammer schlagen sie auf die Eingangstür
       und Fensterscheiben ein und zünden Pyrotechnik. Sie werfen auch Farbe und
       schreiben Parolen wie „Shut Elbit Down“ und „Kindermörder“ auf die Fassade.
       Nach nur wenigen Minuten ergreift diese Gruppe die Flucht.
       
       Doch die Aktion war nur ein Ablenkungsmanöver. In der Zwischenzeit
       verschaffen sich Daniel T., Walter T., Leandra R. Hannah H. und Vivien K. –
       wie die fünf nun vor Gericht stehenden Aktivist:innen mit bürgerlichen
       Namen heißen – unbemerkt über ein Seitenfenster Zutritt zu den Innenräumen.
       [1][Auf Videos im Internet ist zu sehen], wie sie mit einem Brecheisen
       Türen aufbrechen, Computer und Laborgeräte zerstören und Slogans an die
       Wände sprühen. Schließlich verbarrikadieren sie sich in einem Labor. Auf
       Arabisch skandieren sie „From the river to the sea, Palestine will be
       free“, halten eine Palästinafahne hoch und warten auf die Polizei.
       
       Ein weiteres Video zeigt, wie sie sich ohne Widerstand und mit erhobenen
       Händen festnehmen lassen, als die Beamten kommen. Sie sind unvermummt,
       einige haben sich Kufyias um ihre Köpfe gebunden und weiße Stoffstücke an
       ihre Kleidung geheftet, auf denen „Palestine Action“ geschrieben steht. Das
       ist der Name [2][jener Protestgruppe, die auch in Großbritannien in
       Waffenfabriken eingebrochen war und dort Kriegsgerät unbrauchbar gemacht
       hatte]. Weil die Gruppe auch Flugzeuge der Royal Air Force beschädigt
       hatte, wurde sie zunächst als Terrororganisation eingestuft, bis der High
       Court in London [3][dies im Februar 2026 als rechtswidrig und
       unverhältnismäßig kippte].
       
       ## Nicht nur die Aktion ist ein Spektakel
       
       Am Montag soll in Stuttgart-Stammheim der Prozess gegen die „Ulm 5“
       beginnen, wie die Aktivist:innen von einer Solidaritätskampagne der
       propalästinensischen Bewegung genannt werden. Eine der Angeklagten stammt
       aus Deutschland, die anderen vier aus verschiedenen europäischen Ländern.
       Sie alle leben in Berlin, viele kommen aus der queeren Szene – und alle
       sitzen nun seit der Tatnacht, also seit über sieben Monaten, in
       Untersuchungshaft.
       
       Den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft zufolge hatten es die
       Aktivist:innen vor allem auf das Labor des Unternehmens im dritten
       Stock abgesehen. Dort sollen sie mit einem Feuerlöscher rote Farbe auf
       Messinstrumente und elektrische Geräte gesprüht haben. Insgesamt sei bei
       der Aktion ein Sachschaden in Höhe von etwa einer Million Euro verursacht
       worden. Menschen seien nicht zu Schaden gekommen.
       
       Elbit Systems Deutschland fertigt in Ulm an einem ehemaligen Standort des
       Unternehmens Telefunken Kommunikationsgeräte, Zielerfassungssysteme und
       Kampfsoftware, aber auch Komponenten für Drohnen. Ob die Waffen von hier
       auch in Gaza eingesetzt wurden, lässt sich nicht sicher sagen. Elbit
       Systems Deutschland wirbt auf seiner Webseite allerdings damit,
       „einsatzerprobte Systemlösungen“ herzustellen.
       
       Der Umsatz von Elbit Systems ist seit Beginn des Kriegs in Gaza stark
       gestiegen. Laut Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri
       konnte die Firma von 2023 auf 2024 ihre Umsätze im Waffengeschäft um fast
       14 Prozent auf umgerechnet etwa 5,4 Milliarden Euro steigern. Zum
       Vergleich: Deutschlands größtes Rüstungsunternehmen Rheinmetall
       erwirtschaftete in dem gleichen Zeitraum im Rüstungsgeschäft einen Umsatz
       von etwa 7 Milliarden Euro.
       
       ## Symbolträchtiger Prozessort
       
       Vieles deutet darauf hin, dass das Gericht den Prozess sehr hoch hängt. Das
       Verfahren findet mit Stammheim ausgerechnet dort statt, wo einst den
       RAF-Terrorist:innen Andreas Baader und Ulrike Meinhof der Prozess gemacht
       wurde. Die Anklage nennt neben den Vorwürfen der Sachbeschädigung und des
       Hausfriedensbruches auch die Mitgliedschaft in einer kriminellen
       Vereinigung nach Paragraf 129 und das Zeigen von Kennzeichen
       terroristischer Organisationen. Nach taz-Informationen zielt die
       Generalstaatsanwaltschaft auf mehrjährige Haftstrafen – länger, als es bei
       Sachbeschädigungsdelikten eigentlich möglich ist.
       
       Die Anwält:innen der Angeklagten hatten bereits Ende Januar ein Ende der
       Untersuchungshaft beantragt. Auch die Schwester eines der Angeklagten,
       Rosie T., sagt im Gespräch mit der taz, sie sei „sehr überrascht“ gewesen,
       als das Gericht das Kautionsgesuch der Familie abgelehnt habe. Auch die
       anderen vier Angeklagten hatten entsprechende Anträge gestellt – erfolglos.
       „Sie haben sich nicht maskiert, haben sich nicht versteckt“, sagt Rosie T.
       „Auf mich wirkt es nicht so, als wären das Leute, die vor einem Prozess
       weglaufen würden.“
       
       Rosie T. lebt in London, auch ihr Bruder ist britischer Staatsbürger. Sie
       sagt, die Familie hätte große Schwierigkeiten, mit dem 25-jährigen Walter
       T. in Kontakt zu treten. Sie könnten nicht einmal telefonieren, erzählt
       sie. Die Telefongespräche müssten im Beisein von Beamt:innen stattfinden
       – und in seinem Gefängnis in Stammheim gebe es wohl wegen Personalmangels
       hierfür keine Kapazitäten. Auch die Anwältin von T. bestätigt das gegenüber
       der taz.
       
       ## Rechtfertigende Notwehr?
       
       Spektakulär dürfte der Prozess auch wegen der Strategie der Verteidigung
       werden. „Wir haben vor, den Spieß umzudrehen“, sagte Benjamin Düsberg, der
       Anwalt von Daniel T., der taz. Die Verteidigung wolle nicht bestreiten,
       dass die fünf Beschuldigten die Tat begangen haben. Dennoch soll auf
       Freispruch plädiert werden. „Denn nicht unsere Mandanten gehören auf die
       Anklagebank, sondern die Unternehmensbosse von Elbit Systems Deutschland
       und die Regierungspolitiker, die den Export von Rüstungsgütern nach Israel
       genehmigt haben“, so Düsberg.
       
       Die Verteidigung plant, mit einer sogenannten „rechtfertigenden Nothilfe“
       zu argumentieren. Laborgeräte und Bürogegenstände eines Konzerns zu
       zerstören, der die israelischen Streitkräfte ausrüstet, stelle eine
       gerechtfertigte Handlung dar, sagt Düsberg: „Weil der Akt zum Gegenstand
       hatte, den Genozid in Gaza zu stoppen.“ Hierfür soll vor Gericht bewiesen
       werden, dass zur Tatzeit im September 2025 in Gaza ein Genozid und
       schwerste Menschenrechtsverbrechen stattgefunden haben und Deutschland
       durch seine Waffenlieferungen an Israel daran mitschuldig ist.
       
       Die Verteidigung will argumentieren, dass den Aktivist:innen kein
       milderes Mittel zur Verfügung gestanden habe. Gegen die Waffenlieferungen
       zu klagen, [4][wie es Menschenrechtsorganisationen wie das ECCHR versucht
       hatten], sei gescheitert, auf eine breite Protestbewegung habe der Staat
       nicht reagiert. „In einer solchen Situation kann die Berechtigung zur
       Selbsthilfe greifen, um einen Teil der Kriegsmaschinerie zu zerstören.
       Zentral ist für uns, dass vor Gericht festgehalten wird, dass die Aktion
       darauf gerichtet war, Menschenleben zu retten.“
       
       ## Staatsanwaltschaft sieht antisemitische Motivation
       
       Die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart sieht dagegen offenbar vor allem
       ein Motiv: Antisemitismus. Laut der Vorwürfe der Staatsanwaltschaft seien
       im Waffenkonzern gesprühte Slogans wie „Baby killer“ ein antisemitisches
       Narrativ; dass die Aktivist:innen den Spruch „From the river to the
       sea“ gerufen haben, wird als Aberkennung des Existenzrechts Israels und als
       Bekenntnis zu der Hamas und deren Positionen gewertet. In Bekennervideos
       hatten die Aktivist:innen zudem Israel als „zionistische Entität“
       bezeichnet.
       
       Ein Streitpunkt dürfte werden, inwiefern von einer kriminellen Vereinigung
       gesprochen werden kann. Das wäre die Voraussetzung für eine längere
       Haftstrafe – für Sachbeschädigung ist ein Maximum von zwei Jahren
       vorgesehen. Bisher gilt „Palestine Action Deutschland“ nicht als kriminelle
       Vereinigung. Offen ist, ob vor Gericht nun berücksichtigt wird, dass die
       Gruppe in Großbritannien nicht mehr als Terrororganisation eingestuft wird.
       
       Anm. der Red.: In einer früheren Version fehlte die mutmaßliche Höhe des
       verursachten Sachschadens. Die im Raum stehende eine Million Euro wurde
       ergänzt.
       
       24 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/p/DOVXFTLCPFo/
 (DIR) [2] /Protest-in-London/!6169930
 (DIR) [3] /Pro-Palaestina-Proteste-in-Grossbritannien/!6154316
 (DIR) [4] /Verfassungsbeschwerde-erfolglos/!6153996
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
 (DIR) Cem-Odos Gueler
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Palästina-Proteste
 (DIR) Antimilitarismus
 (DIR) Rüstungskonzern
 (DIR) Gaza-Krieg
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Antisemitismus
 (DIR) Palästina-Proteste
 (DIR) Bürgerrechte
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Gesetzentwurf vorgestellt: Hessen will Israel schützen
       
       Bisher ist es straflos, das Existenzrecht Israels zu verneinen. Das will
       das Land Hessen nun mit einer Gesetzesinitiative ändern.
       
 (DIR) Protest in London: 523 Festnahmen bei Kundgebung für Palestine Action
       
       Ein friedlicher Sitzstreik gegen das Verbot einer propalästinensischen
       Gruppe führt zur Massenfestnahme wegen Verstoßes gegen das
       Anti-Terrorgesetz.
       
 (DIR) Repression von Palästina-Solidarität: Civicus stuft Deutschland herab
       
       Im Civicus-Bericht über bürgerliche Freiheiten wird Deutschland erneut
       herabgestuft. „Keine Überraschung“ sei das, kritisiert Clara Bünger
       (Linke).
       
 (DIR) Pro-Palästina-Bewegung: Eine Entfremdungsgeschichte
       
       Akteure der propalästinensischen Bewegung bestreiten eine Radikalisierung.
       Stattdessen kritisieren sie die einseitige Rolle des Staates.