# taz.de -- Gewalt gegen Politiker:innen: Eine Gefahr für die Demokratie
       
       > Immer wieder erschüttern Fälle von Gewalt gegen Politiker:innen.
       > Eine neue Studie sieht die Integrität politischer Prozesse infrage
       > gestellt.
       
 (IMG) Bild: Nicht alle Politiker:innen haben Personenschützer und eine gepanzerte Limousine
       
       Der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke, die Todesdrohungen gegen
       Ricarda Lang von den Grünen, der Überfall auf den SPD-Europapolitiker
       Matthias Ecke beim Plakateaufhängen in Dresden – immer wieder erschüttern
       Fälle von Gewalt gegen Politiker:innen die Öffentlichkeit. Mit Folgen:
       69 Prozent der Deutschen sehen die Demokratie dadurch bedroht. Das ist das
       Ergebnis einer [1][neuen Studie des Weizenbaum-Instituts].
       
       Klar scheint: Wer die Demokratie als Folge von Gewalt gegen
       Politiker:innen bedroht sieht, kann sich eher nicht vorstellen, selbst
       ein politisches Amt zu übernehmen, weder im Haupt- noch im Ehrenamt. Auch
       das steht im Report, der am Dienstagabend in Berlin vorgestellt wurde. Für
       eine pluralistische Demokratie, deren Vertreter:innen in den
       Parlamenten die Breite der Gesellschaft repräsentieren sollen, ist das ein
       fatales Signal.
       
       Das vom Forschungsministerium und dem Land Berlin geförderte
       Weizenbaum-Institut führt seit 2019 mit der Freien Universität Berlin
       jährlich eine wissenschaftliche Befragung der Bevölkerung in Deutschland zu
       den Themen Internetnutzung, demokratische Einstellungen und politische
       Partizipation durch.
       
       Die diesjährigen Ergebnisse seien auch deshalb alarmierend, weil sie „die
       Integrität politischer Prozesse infrage“ stellen, sagt Katharina Heger, die
       Hauptautorin des Reports. Problematisch sei insbesondere, dass sich
       besonders von Gewalt und Hass betroffene Gruppen wie Menschen mit
       Migrationshintergrund oder Frauen aus der Politik zurückziehen könnten,
       womit sie in den Parlamenten noch stärker unterrepräsentiert wären, so
       Heger zur taz.
       
       ## Hass gegen Frauen
       
       „Das Ausmaß an Hass gegen Frauen ist nicht vergleichbar mit den Erfahrungen
       von Männern“, sagt auch Ulli Grießhammer, stellvertretender Teamleiter bei
       HateAid. [2][Die Organisation bietet Beratung für Betroffene von Hass,
       Drohungen und Gewalt und steht auch deshalb im Visier von Rechten.]
       Grießhammer zufolge meldeten sich bei HateAid zwar nicht mehr Frauen als
       Männer. Aber gegen Frauen zeige sich der Hass im Schnitt deutlich stärker
       und vor allem sexualisiert. Das gelte für Politikerinnen und Aktivistinnen,
       aber auch für Frauen abseits der Öffentlichkeit.
       
       Die SPD-Bundestagsabgeordnete Maja Wallstein etwa verweist bei der
       Vorstellung des Reports auf die Drohbriefe, die sie erreichen. „Schützen
       Sie Ihre Kinder“, heiße es darin zum Beispiel. Auf Social Media landeten
       Hass und Gewaltandrohungen noch regelmäßiger in ihrem Postfach. Als Folge
       vermeide sie es, gemeinsam mit ihren Kindern einkaufen zu gehen.
       
       Für viele Termine brauche sie Schutz vom BKA. Männliche Kollegen in ihrem
       [3][Wahlkreis im südlichen Brandenburg] würden oft viel unbedarfter durch
       die Straßen laufen, berichtet Wallstein. Nach Ablauf ihrer ersten Amtszeit
       habe sie vor der Wahl 2025 lange überlegen müssen, ob sie tatsächlich noch
       einmal antreten soll. Sie entschied sich dafür.
       
       Bei anderen Formen politischer Mitwirkung könnte das Problembewusstsein
       laut dem aktuellen Weizenbaum-Report hingegen einen positiven Effekt haben:
       Menschen, die Gewalt gegen Politiker:innen als Bedrohung für die
       Demokratie wahrnehmen, gehen eher demonstrieren, unterschreiben Petitionen
       und kontaktieren Politiker:innen.
       
       ## Weitere Forschung nötig
       
       Das ist jedenfalls ein Interpretationsansatz der Forschenden. „Genauso gut
       kann es sein, dass politisch engagierte Menschen einfach sensibler für das
       Thema sind“, sagt Co-Autor Christian Strippel. Denkbar sei auch, dass beide
       Prozesse sich gegenseitig verstärken. Wie der Mechanismus wirklich
       funktioniert, könne nur weitere Forschung zeigen.
       
       Fest steht, dass Gewalt gegen Politiker:innen einschüchtert. Und zwar
       nicht nur Betroffene, sondern auch große Teile der Gesellschaft darüber
       hinaus. In der Forschung kenne man schon die doppelte Wirkung von Hassrede,
       sagt Katharina Heger. Sie wirke sich nicht nur auf das direkte Opfer,
       sondern auch auf Beobachter:innen aus, die sich aus Angst vor
       ähnlichen Angriffen aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen. „Die
       Ergebnisse zeigen, dass die Gewalt wirkt“, fügt Christian Strippel hinzu.
       Allein das sei schon eine Gefahr für die Demokratie.
       
       22 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.weizenbaum-institut.de/publikationen/weizenbaum-report/
 (DIR) [2] /HateAid-ueber-digitale-Gewalt/!6162845
 (DIR) [3] /Haustuerwahlkampf-mit-der-SPD-im-Osten/!6070876
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jule Frank
       
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