# taz.de -- Berliner Projekt gegen digitale Gewalt: Wenn der Ex-Partner im Stofftier mitreist
       
       > Ein landesweites Projekt soll Fachkräfte gegen Stalker-Softwares und
       > Tracking schulen. Die Polizei stecke oft noch im digitalen Gestern fest,
       > monieren Expert:innen.
       
 (IMG) Bild: Täter können ihre Familie mit AirTags und speziellen Einlagen in Kinderschuhen überwachen. Darüber will die Initiative aufklären
       
       Wer vor Gewalt in der Partnerschaft flieht, sucht oft im Frauenhaus
       Sicherheit. Doch die Anonymität dieser Schutzorte ist heute fragiler denn
       je. „Die Gewalt hört an der Tür des Frauenhauses nicht auf“, berichtet
       Edith*, Mitarbeiterin einer Berliner Schutzeinrichtung, bei einem
       Pressegespräch in der Senatsverwaltung. Der Täter reise immer häufiger
       unbemerkt mit – als Spionage-Software auf dem Handy oder als GPS-Tracker im
       Teddybär des gemeinsamen Kindes – und werde so zu einer erneuten Gefahr.
       
       Um solchen Fällen besser zu begegnen, startet Berlin mit „Ein Team gegen
       digitale Gewalt“ ein landesweites Projekt [1][gegen digitale
       geschlechtsspezifische Gewalt aus dem sozialen Umfeld.] Es ist das
       bundesweit erste Projekt dieser Größenordnung. Und es ist auch nötig:
       Fachkräfte in Frauenhäusern, Schutzunterkünften und Beratungsstellen werden
       immer wieder mit Fragen zum digitalen Schutz konfrontiert.
       
       Doch ohne technische Weiterbildung sind viele von ihnen nicht ausreichend
       auf eine umfassende Beratung vorbereitet. Hier will die Initiative mit
       Nachmittagsschulungen ansetzen und sie darauf trainieren, digitale
       Überwachung erkennen und unterbinden zu können.
       
       ## Der Täter als digitaler Schatten
       
       Für viele Bewohnerinnen ist ihr Smartphone die einzige Verbindung zu
       Freunden und Familie. Gleichzeitig liegt darin ein Risiko. „Oft hat der
       Partner das Handy eingerichtet. Die Frauen wissen gar nicht, welche Dienste
       vielleicht im Hintergrund laufen“, erklärt Edith. Täter könnten so
       Messenger-Nachrichten mitlesen oder den Standort der Expartnerin in
       Echtzeit überwachen. Sogar über geteilte Netflix-Konten oder Smartwatches
       ließen sich Bewegungsprofile erstellen.
       
       Projektleiterin Miriam Ruhenstroth setzt dabei auf „Selbstermächtigung“,
       anstatt den Bewohnerinnen und ihren Kindern die Smartphones einfach
       wegzunehmen. „Das käme sonst einer Entmündigung gleich.“ In den Schulungen
       sollen die Fachkräfte vielmehr lernen, wie sie gemeinsam mit den
       Betroffenen Sicherheitslücken schließen, ohne die digitale Teilhabe zu
       zerstören.
       
       ## Eine langfristige Zusammenarbeit
       
       Die Initiative sieht darüber hinaus vor, ein Gesamtkonzept zu erarbeiten,
       das die Zusammenarbeit relevanter Institutionen erleichtert. Für dieses
       Jahr ist eine Förderung in Höhe von 383.000 Euro vorgesehen. Zunächst soll
       das Projekt bis Ende 2027 laufen, mit Option auf Verlängerung. Die werde es
       dann hoffentlich auch geben, stellt Gleichstellungssenatorin Cansel
       Kiziltepe eine langfristige Zusammenarbeit in Aussicht.
       
       Doch während Berlin investiert, wächst der Druck auf der Bundesebene.
       Josephine Ballon, [2][Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation
       HateAid], warnte etwa [3][vor den Kürzungen des Förderprogramms „Demokratie
       leben“:] „Die Beratungszahlen steigen und trotzdem wird bei uns ab dem
       nächsten Jahr die Förderung für unsere Betroffenenberatung wegfallen.“ Sie
       bedankt sich dafür, dass es in Berlin einen politischen Willen zur
       Unterstützung von Betroffenen gebe.
       
       ## Hürden bei der Polizei
       
       Die Strafverfolgung bleibt ebenfalls ein Problem. Laut
       Frauenhausmitarbeiterin Edith berichteten Betroffene immer wieder von
       Beamten, die eine mögliche digitale Überwachung nach einer Trennung als
       „Verfolgungswahn“ abtäten. Auch technische Hürden erschwerten die Anzeige:
       In Berliner Polizeidienststellen könnten entscheidende Beweise oft nicht
       digital eingereicht werden. „In einem Fall wurde eine Betroffene gebeten,
       Screenshots auf CD zu brennen, weil man einen USB-Stick nicht anstecken
       dürfe“, kritisiert Ballon etwa.
       
       Dabei sei laut HateAid-Geschäftsführerin Ballon das LKA Berlin in Fällen im
       digitalen Raum einigermaßen fit. In anderen Teilen der Polizei gebe es
       jedoch eine mangelnde Sensibilisierung. Kiziltepe beruft sich auf Nachfrage
       darauf, dass das nicht in ihr Ressort falle. „Nichtsdestotrotz sprechen wir
       natürlich im gesamten Senat über das Thema.“
       
       Projektleiterin Ruhenstroth sagte, das Interesse der Polizei sei „schon an
       uns herangetragen worden“. Für dieses Projekt seien Schulungen von
       Polizeibeamten „nicht akut vorgesehen“, aber perspektivisch möglich.
       
       *Name von der Redaktion geändert
       
       26 Apr 2026
       
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