# taz.de -- Landesparteitag der Grünen vor der Wahl: „Berlin ist doch nicht Pusemuckel“
       
       > Die Grünen bekräftigen ihren Anspruch, im Senat die schwarz-rote
       > Koalition abzulösen. Die könnte Montag bei einer Klausur noch mal den
       > Turbo anwerfen.
       
 (IMG) Bild: Es herrscht Einigkeit unter den ersten beiden Listenplätzen, Bettina Jarasch und Werner Graf
       
       Noch 155 Tage sind es bis zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September,
       rechnet die Abgeordnete Silke Gebel am Wochenende beim
       Grünen-Landesparteitag vor. „155 Tage“, sagt sie, „in denen Schwarz-Rot
       noch richtig viel Unsinn machen kann wie in den vergangenen drei Jahren.“.
       Ihre Partei sehnt das Ende ihrer Oppositionszeit sehr hörbar herbei.
       Offenbar noch mehr als in früheren Zeiten Wehrpflichtleistende in der
       Bundeswehr – da fing der Countdown mit einem immer weiter abgeschnittenen
       Maßband erst bei den letzten 100 Tagen an.
       
       Den erhofften Anfang vom Ende der aktuellen CDU-SPD-Koalition mit einem
       Weltrekord zu begleiten, klappte allerdings nicht. Der Landesvorstand hatte
       zu einer Mitgliedersammlung eingeladen – jeder und jede Berliner Grüne und
       damit nicht wie sonst nur die 180 Parteitagsdelegierten sollten die
       Kandidatenliste zur Abgeordnetenhauswahl beschließen können. 15 Prozent der
       18.000 Parteimitglieder – also etwa 2.600 Grüne – hätten teilnehmen müssen,
       um die Versammlung beschlussfähig zu machen. Das wäre nach
       Parteieinschätzung das größte Grünen-Treffen aller Zeiten gewesen.
       
       Tatsächlich aber musste Landeschefin Nina Stahr den Rekordversuch am
       Samstagmorgen für gescheitert erklären: Nur 950 Mitglieder hatten sich am
       Halleneingang registriert, viele Sitzreihen blieben leer. Das schöne Wetter
       und die [1][parallele bundesweite Demonstration für erneuerbare Energien]
       galten als Erklärung für die geringe Beteiligung.
       
       Statt einer Mitgliederversammlung wählten dann eben doch die Delegierten
       Bettina Jarasch auf Platz 1 der Landesliste. Dass dort nicht Werner Graf
       steht, der für die Grünen den CDU-Mann Kai Wegner als Regierender
       Bürgermeister ablösen soll, hat mit innerparteilichen Vorgaben zu tun: Alle
       ungeraden Listenplätze – und somit auch der erste – sind für Frauen
       reserviert. Insgesamt 50 Plätze haben die Grünen in einem zweitägigen
       Abstimmungsmarathon besetzt, dem merklich noch viel aufwändigere Absprachen
       zwischen den Parteiflügeln vorangegangen sind.
       
       ## Listenaufstellung mit vielen Vorgaben
       
       Denn die Platzreservierung für Frauen ist nicht die einzige Vorgabe. Jeder
       dritte Listenplatz ist jenen vorbehalten, die bislang nicht im Parlament
       sind. Nicht festgeschrieben, aber ebenfalls zu berücksichtigen:
       Flügelzugehörigkeit, Migrationshintergrund, Themenfelder und das Bestreben,
       dass in der künftigen Fraktion alle zwölf Bezirke und Kreisverbände
       vertreten sind.
       
       Begleitet ist das alles von vielen kämpferischen Bewerbungsreden.
       Kurzgefasst gilt für die Grünen: CDU-Mann Wegner ist an allem schuld,
       [2][am Dreck in der Stadt] genau wie an [3][hohen Mieten] und nicht immer
       verlässlichen Bussen und Bahnen. Bettina Jarasch, die schon 2021 und 2023
       Spitzenkandidatin war, bietet als Lösung dafür an: „Ich repariere, Werner
       baut.“ Ihr Parteikollege Werner Graf habe den Plan, „wie wir diese Stadt
       endlich wieder in die Zukunft bringen“.
       
       Denn aus grünen Sicht regiert gerade eine „Rückschrittkoalition“. Um das zu
       untermalen, ist in einem eingespielten Video zu sehen, wie Graf und Jarasch
       durch eine Stadt gehen, die sich rückwärts bewegt – gleich den grauen
       Männern in einer Verfilmung des Buchklassikers „Momo“. Damit müsse Schluss
       sein, sagt Graf, als er wenig später selbst am Rednerpult steht. „Berlin
       ist doch nicht Pusemuckel“, Berlin sei doch Hauptstadt. „Wir sind doch
       immer vorangegangen, machen wir es wieder“.
       
       Diese Hoffnungen können sich bislang allerdings nicht auf günstige
       Umfragewerte stützen. Von der dort führenden CDU sind die Grünen weit
       entfernt. Und auch im linken Lager, das im Parlament eine Mehrheit hätte,
       liegen die Grünen hinten. Die SPD – laut Jarasch eine
       Dauerregierungspartei, die keine Impulse setze und nur den Status quo
       verwalte – führt dort mit 17 Prozent. Grüne und Linkspartei folgen mit je
       15 Prozent. Doch angeblich macht das den Grünen keine Sorgen: „Wir haben
       auch bei anderen Wahlen gesehen, dass sich erst kurz zuvor in den Umfragen
       wirklich etwas tut“, sagte Graf [4][jüngst im taz-Interview].
       
       ## Weiter gegen Olympia – anders als Hamburgs Grüne
       
       Wie um der Grünen-Kritik von der vermeintlichen Rückschrittskoalition zu
       widersprechen, wollen sich zu Wochenbeginn, genau 5 Monate vor dem
       Wahltermin, die Fraktionsvorstände von CDU und SPD treffen, um ihre Themen
       voranzubringen. Auf diese Klausurtagung in Potsdam schaut man auch in der
       Berliner Wirtschaft. Die [5][Industrie- und Handelskammer (IHK)] drängt,
       bei dem Treffen nochmal den Turbo anzuwerfen. „Die Klausur ist auch die
       letzte Chance der Legislatur, alte Versprechen einzulösen“, hieß es am
       Sonntag von IHK-Präsident Sebastian Stietzel.
       
       Darunter fällt für ihn auch eine Bewerbung für die von Weltausstellung
       Expo, die Regierungschef Wegner mit deutlich weniger Engagement behandelt,
       als seine Olympia-Ambitionen. Auch die Grünen wollen die Expo nach Berlin
       holen – in ihrem Wahlprogramm sprechen sie von einem [6][„Schulterschluss
       der Berliner Wirtschaft“.]
       
       Beim Thema Olympia hingegen bleiben die Grünen bei ihrer ablehnenden
       Haltung: Klara Schedlich, Vize-Fraktionschefin und prominentes Gesicht
       [7][der NOlympia-Kampagne], wurde beim Parteitag stark beklatscht, als sie
       Kai Wegner vorwarf, er wolle „Milliarden für ein zweiwöchiges Event
       verpulvern, während die Sportplätze bröckeln.“
       
       Außerhalb Berlin [8][sieht ihre Partei das Olympia-Thema durchaus anders]:
       In Hamburg sprach sich eine Grünen-Mitgliederversammlung am Samstag mit
       deutlicher Mehrheit für eine Bewerbung aus. Sport gab es beim Berliner
       Parteitag trotzdem. Olympia-Gegnerin Schedlich, die manche als künftige
       Fraktionschefin sehen, wurde gefragt, den Parteitag wie schon den
       vorherigen mit ein paar Dehnübungen aufzulockern – was Schedlich gerne tat.
       
       19 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Alberti
       
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