# taz.de -- Regelbrüche und Autonomie: Bei Rot gehen
> Weniger Vorschriften wirken reizvoll. Aber wer Moral nur nach Folgen
> bemisst, gerät schnell auf gefährliches Terrain.
(IMG) Bild: Wer wäre nicht gerne der Rebell, der sich über alles hinwegsetzt?
Ich habe einen Freund, der ist ein bisschen anders als ich. Zum Beispiel
geht er nicht [1][bei Rot über die Ampel.] Nie. Auch nicht nachts. Das
provoziert mich manchmal richtig doll. Ich streite mich dann mit ihm und
sage, es sei doch völlig egal: „Hier ist ja weit und breit keiner!“ Es
würde safe nichts Schlimmes passieren.
Für meinen Kumpel geht es aber ums Prinzip. Was wäre, wenn das alle machen
würden?! Echt spießig von ihm, wie ich finde.
[2][Hartmut Rosa] würde mir da wohl zustimmen. In seinem letzten Buch,
„Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums“,
argumentiert er, wir neigten heute als Gesellschaft dazu, immer mehr Regeln
aufzustellen, um die komplexe Realität besser abbilden zu können. In vielen
Fällen, etwa bei der Bewertung eines Asylantrags, sei das aber manchmal
fast unmöglich – zu unterschiedlich sind die Menschen und ihre Geschichten.
Rosa plädiert dafür, Regeln hin und wieder großzügig auszulegen – oder auch
mal zu brechen.
Der Soziologe hat damit vermutlich einen Nerv getroffen. Gerade heute, wenn
KI uns vermeintlich das Denken abnimmt, scheint der Wunsch nach Autonomie
naheliegend. Statt selbst zu entscheiden, wählen wir nur noch aus einem
Pool bereitgestellter Optionen. Wer wäre da nicht gerne der Rebell, der
sich über alles hinwegsetzt?
Was ist die Alternative? Wie entscheide ich ohne Regeln, was richtig ist?
Die klassische Antwort auf eine verstaubt anmutende Pflichtethik ist der
flexiblere Konsequenzialismus: Nicht die Handlung selbst ist wichtig dafür,
wie ich sie moralisch bewerte – sondern was aus ihr folgt. Ein reizvolles
Konzept für alle wie mich, die Probleme mit Vorschriften haben.
## Welches Ziel?
Doch wenn der gute Zweck die Mittel heiligt, stellen sich neue Fragen:
Welches Ziel ist das wichtigere? Eine alte Dame retten oder zehn
Hundewelpen? Wie weit schaue ich in die Zukunft? Schaffe ich nicht
eigentlich das größte Glück, wenn ich jetzt in die Krebsforschung
investiere, um irgendwann Milliarden von Menschen zu heilen? Wäre es dann
nicht angemessen, dafür jetzt möglichst viel Geld zu verdienen?
Solche Sichtweisen führten jüngst zu eher schrägen Auswüchsen, wie etwa dem
im Silicon Valley beliebten [3][Longtermism]. Die auf positive Effekte in
der (sehr!) fernen Zukunft gerichtete Ideologie führt bisweilen zu absurden
moralischen Urteilen.
Menschenleben in Industrienationen sind dann wegen ihres
Innovationspotenzials schnell mehr wert als jene in Entwicklungsländern.
Oder es ist moralisch geboten, mithilfe des eigenen Tech-Imperiums neuen
Lebensraum auf dem Mars zu erschließen. Verantwortung für Elend in der
heutigen Welt – Fehlanzeige.
Da wünscht man sich doch die guten alten Regeln zurück. Geiz ist Sünde;
Hochmut auch. Was du nicht willst, das man dir tu … Hartmut Rosas Position
ist auch ein kleines bisschen für zufriedene Professoren: Man muss Zeit und
Kapazitäten haben, um vor jeder Entscheidung über ihre Folgen nachzudenken.
Ein Bewertungsrahmen macht das Zusammenleben leichter.
Am Ende bleibt die Frage, wer die Optionen anbietet. Auch Rosa plädiert
natürlich nicht dafür, Regeln abzuschaffen – auch, weil mächtige Männer den
Spielraum, den sie sich so dringend wünschen, gnadenlos ausnutzen würden.
Attraktiv bleibt der Regelbruch trotzdem. Manchmal, wenn ich nachts um
zwölf über die Straße laufe, freue ich mich über meine Autonomie.
22 Apr 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
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