# taz.de -- Blinde Stelle in der Verteidigung: Wer schießt die Drohnen ab?
> Der Reservistenverband will die Altersgrenze für Reservisten auf 70
> anheben. Das ist wegen neuer Bedrohungen keine schräge Idee, sondern
> überfällig.
(IMG) Bild: Wären heute um die 70: Bundeswehr-Rekruten in Hemer, NRW 1976
Der neue Präsident des Reservistenverbandes Bastian Ernst forderte in einem
Interview mit dem RND, die Altersgrenze für Reservist:innen von bisher
65 auf 70 Jahre anzuheben. Reservist:innen, oftmals [1][ehemalige
Bundeswehrsoldat:innen], ergänzen im Kriegsfall die aktiven
Streitkräfte und sind auch für den Schutz der [2][kritischen Infrastruktur]
verantwortlich. Für den Sommer plant das Verteidigungsministerium ein
Reservestärkungsgesetz vorzulegen.
Danach gefragt, was darin stehen sollte, sagte der 39 Jahre alte
CDU-Bundestagsabgeordnete, dass er eine Erhöhung der Altersgrenze für
sinnvoll erachte, da das Renteneintrittsalter steige und die Menschen
länger fit blieben.
„Und wenn wir auf Seite der Jungen ein Nachwuchsproblem beklagen, dann
sollten wir an der anderen Seite der Alterspyramide ebenfalls nachbessern“,
so Ernst. Er hält außerdem Bürokratieabbau und Digitalisierung für
notwendig, denn man müsse mehr junge Leute erreichen, allen voran junge
Frauen.
Proaktiv erscheinen die Aussagen des neuen Präsidenten des
Reservistenverbands vor dem Hintergrund, dass das Verteidigungsministerium
sich bislang schlecht vorbereitet zeigte. Über viele Jahre sei eine
Neuordnung des Reservistenwesens verschleppt worden, schreibt die FAZ.
Am Mittwoch möchte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nun ein
neues [3][Konzept für die Reserve] vorstellen, auf dem das künftige
Reservestärkungsgesetz beruhen soll. Dem Reservistenverband lag das Konzept
wohl schon vor, im Gespräch mit der FAZ zeigte sich Ernsts Vorgänger
Patrick Sensburg sehr verbittert darüber.
Die Strategie sei voller Redundanzen und erscheine „zumindest in Teilen so,
als wäre sie mithilfe einer künstlichen Intelligenz erstellt worden.“ Der
Reservistenverband komme darin nicht einmal vor. Ernsts Forderungen waren
also ziemlich konstruktiv – vielleicht in der Hoffnung, das könnte das
Verteidigungsministerium zu besseren Leistungen als bisher ermuntern.
## Vernünftige Forderungen
Wichtig ist: Was Ernst fordert, ist überaus vernünftig. Wenn russische
Drohnen Ziele in Deutschland ansteuern sollten, wer schießt sie dann ab? Am
15. April hatte das russische Verteidigungsministerium in einer Drohgebärde
Adressen von europäischen Rüstungsfirmen veröffentlicht, darunter auch von
deutschen. Der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew schrieb auf X
gewohnt aggressiv, es handele sich um eine Liste potenzieller Ziele,
woraufhin die Bundesregierung den russischen Botschafter einbestellte.
Den Fall mysteriöser unbemannter Luftfahrzeuge über unserer kritischen
Infrastruktur hatten wir bereits im vergangenen Herbst, doch in nur wenigen
Fällen konnten sie vom Himmel geholt werden. Glücklicherweise handelte es
sich nur um Überwachungs- und nicht um Angriffsdrohnen. Doch spätestens
seitdem müsste allen klar sein, wie besorgniserregend die Lage ist.
Anders als die ewigen Debatten rund um die Wehrpflicht suggerieren mögen,
handelt es sich bei der Verteidigung um eine gesamtgesellschaftliche
Aufgabe, an der sich auch Linke beteiligen sollten. Durch TikTok und
deutsche Talkshows geisternde Influencer wie Ole Nymoen liegen vollkommen
falsch, wenn sie meinen, es gehe hier um die Verteidigung „des“ –
vermeintlich kriegstreiberischen – „Staates“.
Das ist ein Hirngespinst. Wer würde schon auf die Idee kommen, jemandem,
der an einem Selbstverteidigungskurs teilnimmt, Gewaltbereitschaft zu
unterstellen? Es geht hier darum, dass eine demokratische Gesellschaft sich
im Ernstfall verteidigen können muss. Sonst hört sie schlicht auf zu
existieren.
Es ist wichtig, dass es genügend engagierte Menschen – Junge und Ältere –
gibt, die im Ernstfall Drohnen abschießen und andere Verteidigungsaufgaben,
viele davon auch Schreibtischjobs im Hinterland, übernehmen können. Dafür
würden ihnen auch alle, die sie zuvor bei Markus Lanz verspottet hatten,
hoffentlich dankbar sein.
21 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Pflichtuebungen-fuer-Reservistinnen/!6169498
(DIR) [2] /Schutz-kritischer-Infrastruktur/!6163097
(DIR) [3] /Wehrdienstgesetz/!6169097
## AUTOREN
(DIR) Yelizaveta Landenberger
## TAGS
(DIR) Reservistenverband
(DIR) Bundeswehr
(DIR) Verteidigung
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Hannover
(DIR) wochentaz
(DIR) Kolumne Grauzone
(DIR) Bundeswehr
(DIR) Wehrpflicht
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Rechtsextremer Heimatschützer: Gericht lässt sich nicht aus der Reserve locken
Ein verurteilter Bundeswehrreservist klagte gegen eine
erkennungsdienstliche Behandlung durch das LKA Niedersachsen. Damit hatte
er keinen Erfolg.
(DIR) Bundeswehr in der Straße von Hormus: Minen suchen und Rolle finden
Noch ist unklar, inwiefern die Bundeswehr die Straße von Hormus mitsichern
soll. Die Marine präsentiert dennoch schon mal ihre Möglichkeiten.
(DIR) Für die Demokratie kämpfen: Lohnt es sich noch, Deutschland zu verteidigen?
Krieg, Wehrhaftigkeit, Aufrüstung – wozu das alles? Um unsere Werte zu
schützen? Dabei wird übersehen, was Wehrhaftigkeit auch ist: eine soziale
Frage.
(DIR) Pflichtübungen für Reservist:innen: Verweigern kann man immer
CDU-Verteidigungspolitiker Thomas Röwekamp will die Freiwilligkeit bei
Wehrübungen abschaffen. Das wäre zumutbar – doch einen Ausweg gibt es noch.
(DIR) Wehrdienstgesetz: Pistorius sagt: Reisen geht okay
Der Verteidigungsminister stellt klar: Männer zwischen 17 und 45 brauchen
keine Genehmigung für langen Auslandsaufenthalt.