# taz.de -- Für die Demokratie kämpfen: Lohnt es sich noch, Deutschland zu verteidigen?
       
       > Krieg, Wehrhaftigkeit, Aufrüstung – wozu das alles? Um unsere Werte zu
       > schützen? Dabei wird übersehen, was Wehrhaftigkeit auch ist: eine soziale
       > Frage.
       
 (IMG) Bild: Viele junge Menschen in Deutschland protestieren gegen die Wehrpflicht
       
       Vor ein paar Tagen saß ich in Berlin auf einem Dampfer Richtung Müggelsee,
       zusammen mit Freundinnen. Für ein paar Stunden wirkte dieses Schiff wie der
       friedlichste Ort der Welt: Kuchen, Rentner, Berliner Weiße, fernab aller
       Krisen.
       
       Es war der Tag, an dem die Meldung kursierte, nach der Männer [1][zwischen
       17 und 45 Jahren] in Deutschland nur noch mit Genehmigung länger als drei
       Monate ins Ausland dürften. Kurz bevor wir von Deck gingen, sprachen wir
       dann doch darüber: Krieg, Wehrhaftigkeit, Aufrüstung.
       
       Für einen Moment war da Irritation. Was stimmt an dieser Meldung? Und: Wie
       nah ist das alles schon?
       
       Inzwischen gibt es Klarheit. Der Passus im Wehrpflichtgesetz hat vorerst
       keine unmittelbaren Folgen. Bei vielen wird die anfängliche Unklarheit
       jedoch Verunsicherung hinterlassen haben. Ein Gefühl, mit dem
       Politikerinnen wie Sahra Wagenknecht bewusst spielen, wenn sie behaupten,
       das [2][erinnere an DDR- und Mauerzeiten].
       
       ## Kann ich mich auf dieses Land verlassen?
       
       Wie sehr die Bedrohung durch Russland unsere Gesellschaft bereits
       verändert, lässt sich kaum noch ausblenden. Ich merke aber, dass mich eine
       andere Frage inzwischen mehr beschäftigt. Nicht: Sind wir bedroht und wie
       stark? Sondern: Kann ich mich im Ernstfall auf dieses Land verlassen?
       
       Natürlich ist Deutschland ein privilegierter Ort. Wir können uns solche
       Gedanken machen, ohne dass über uns Drohnen und Raketen fliegen.
       
       Trotzdem: Die Antwort auf diese Frage ist unangenehm. Denn an vielen
       Stellen in diesem Land zeigen sich Probleme, gewachsen über Jahrzehnte: Die
       Bahn funktioniert nicht zuverlässig, das Gesundheitssystem ist überlastet,
       Klassenzimmer verfallen, die Bürokratie lähmt mehr, als sie ordnet. Die
       Bundeswehr und der Zivilschutz wurden lange vernachlässigt, erstere soll
       nun mit Milliarden wieder aufgerüstet werden.
       
       Gleichzeitig wird das Wohnen immer teurer, die Inflation trifft zuerst
       diejenigen, die ohnehin wenig haben. Für viele ist der Alltag längst ein
       permanentes Improvisieren mit spürbaren psychischen Folgen.
       
       ## Soziale Frage
       
       Es bringt nichts, sich das schönzureden. Positives Denken bezahlt keine
       Miete, sichert keine Pflege und schafft keine funktionierende
       Infrastruktur. Und auch der Verweis darauf, dass es anderen – etwa den
       Menschen in der Ukraine – schlechter geht, löst dieses Problem nicht.
       
       Ich glaube, hier liegt ein blinder Fleck in der Debatte über
       Wehrhaftigkeit. Sie wird oft technisch geführt: Milliarden, Material und
       Personal. Aber sie ist [3][auch eine soziale Frage.]
       
       Natürlich ist es ein Unterschied, ob man unter Besetzung in der Ukraine
       lebt oder unter der Armutsgrenze in Deutschland. Aber solche Vergleiche
       führen nicht weiter. Es sind eben zwei Realitäten in Europa: Krieg und
       Frieden.
       
       Warum ich es für notwendig halte, dass Deutschland militärisch wehrhaft
       ist, begründe ich nicht mit Nationalgefühlen. Sondern mit der Überzeugung,
       dass es westliche Werte zu verteidigen gibt: Freiheit, Demokratie, ein
       Leben ohne Angst vor Unterdrückung.
       
       Aber tragen diese Werte im Alltag noch? Glauben Menschen in Deutschland,
       dass dieses Versprechen eingelöst wird? Also das eines anständigen,
       gesicherten Lebens in Freiheit? Ich habe Zweifel.
       
       Wer das Gefühl hat, dass für ihn Verantwortung übernommen wird, ist im
       Zweifel auch eher bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie wächst
       nur dort, wo Vertrauen ist. Und genau dieses Vertrauen ist brüchig
       geworden.
       
       Ich habe oft geschrieben, dass wir um den Aufbau militärischer Abschreckung
       nicht herumkommen werden. Einen Aspekt habe ich aber zu wenig beachtet: Im
       Ernstfall wird die Frage nicht nur lauten, ob ein Land verteidigungsfähig
       ist, sondern ob es sich für die, die in ihm leben, überhaupt wie eines
       anfühlt, das es zu verteidigen lohnt.
       
       10 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pistorius-im-Verteidigungsmodus/!6169111
 (DIR) [2] https://www.welt.de/politik/deutschland/article69d240d180914f76112533fa/wehrdienst-regel-zu-auslandsreisen-erinnert-an-ddr-und-mauerzeiten-wagenknecht-fordert-ruecktritt-von-pistorius.h
 (DIR) [3] /Linke-Debatte-um-Friedenspolitik/!6158784
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erica Zingher
       
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