# taz.de -- Investitionsschutzabkommen: Kolumbien sagt leise Tschüss
> Für eine schnelle Energiewende fordern Ökonom:innen Kolumbiens
> Ausstieg aus einem Handelsabkommen. Und stoßen bei Präsident Petro auf
> offene Ohren.
(IMG) Bild: Bei ihm kam ein offener Brief von Ökonom:innen und Akademiker:innen gut an: Kolumbiens Präsident Gustavo Petro
Kolumbiens Präsident Gustavo Petro hat angekündigt, dass sein Land aus dem
internationalen Investitions-Schiedsgerichts-System aussteigt. Denn die
Schiedsgerichte entschieden zu oft zugunsten privater Firmen, zum Beispiel
bei Streit um den Ausstieg aus fossilen Energien. In der Praxis gibt es
jedoch einige Hürden.
Alles begann mit einem offenen Brief an den Präsidenten. Kolumbien möge
bitte aus der Investor-Staat-Streitbeilegung (englisch: Investor-state
dispute settlement, ISDS) aussteigen – und eine internationale
Ausstiegsbewegung anführen. Denn der Mechanismus, der Streitigkeiten
zwischen Investoren und Staaten beilegen soll, hemme den Ausstieg aus den
fossilen Energien.
Mehr als 200 überwiegend linke, internationale Akademiker:innen haben
den Brief unterschrieben. Darunter: der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph
Stiglitz, der französische Ökonom Thomas Piketty sowie José Antonio Ocampo
– stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen für
Wirtschaftsfragen und Petros erster Finanzminister.
Das ISDS-System soll Investoren unabhängig vom Investitionsland
garantieren, dass sie ihr investiertes Geld nicht wegen politischer
Einflussnahme verlieren – weil eine Regierung zum Beispiel beschließt, ein
Gasfeld frühzeitig zu schließen. In den Niederlanden etwa verklagen
ExxonMobil und Shell den niederländischen Staat vor einem solchen
Schiedsgericht.
## Klimakämpfer Gustavo Petro
Beim linken Präsidenten Petro, der sich international gern als Klimakämpfer
präsentiert, stieß der Brief auf offene Ohren: Sein Land kündigte nach der
UN-Klimakonferenz 2025 im brasilianischen Belém eine Konferenz zum Ausstieg
aus den fossilen Energien an – und einen Stopp für Energieprojekte in
Amazonien. Damit könnte das Land allerdings Verträge verletzen: [1][Laut
der Universität Boston] enthalten schätzungsweise 129 Öl- und
Gasprojektverträge in der kolumbianischen Amazonasregion Klauseln, die
Investoren mit dem ISDS-Mechanismus schützen.
Mauricio Salcedo Maldonado bezweifelt, dass ein Austritt überhaupt möglich
ist. Der Jurist hat Kolumbien 17 Jahre lang vor Streitbeilegungsgremien
vertreten und war an den meisten Verhandlungen über Freihandelsabkommen
Kolumbiens beteiligt.
In Kolumbien müssen Wirtschaftsabkommen des Staates per Gesetz
verabschiedet und vom Verfassungsgericht geprüft werden. Eine Ausnahme im
internationalen Vergleich. Deshalb dauert es in Kolumbien viel länger als
in den meisten EU-Ländern, Handelsabkommen auf nationaler Ebene zu
verabschieden.
Der Präsident kann Gesetze nicht eigenmächtig ändern, erklärt Salcedo. Das
kann nur das Parlament. Für Salcedo ist Petros Ankündigung deshalb in
erster Linie „politischer Natur“, ihre praktischen Auswirkungen seien
begrenzt.
## Kolumbien gewann gegen US-Immobilienfirma
Kolumbiens Erfahrungen mit ISDS und dem Internationalen Zentrum zur
Beilegung von Investitionsstreitigkeiten ([2][englisch:] International
Centre for Settlement of Investment Disputes, ICSID) seien insgesamt
positiv, betont Salcedo. Im Fall gegen die US-amerikanische Immobilienfirma
Meritage zum Beispiel gewann der Staat. Er hatte ein Grundstück in einem
Luxuskomplex konfisziert, weil die Drogenmafia von der Geldwäsche
profitiert hätte – [3][zu Recht, urteilte das ICSID]. Eine Entschädigung
wegen Enteignung lehnte es ab.
Selbst bei Niederlagen seien die Sanktionen in einem vernünftigen Rahmen
geblieben: Bei dem fälschlicherweise zum ICSID getragenen prominenten Fall
der Mobilfunkanbieter Movistar und Claro unterlag Kolumbien zwar – doch das
Urteil verminderte die bereits national verhängte Strafzahlung für die
Konzerne nur. Der Staat nahm unterm Strich immer noch rund 1,5 Milliarden
Dollar ein. Ein Ausstieg aus dem ISDS-System macht laut Salcedo außerdem
keinen großen Unterschied. Die nationalen Schutzstandards entsprächen denen
in Investitionsschutzabkommen.
Die kolumbianisch-amerikanische Handelskammer warnt vor steigender
Unsicherheit, die Investoren abschrecken könnte. Eine Sorge, die Dumar
Miguel Vargas Reyes teilt. Er lehrt an der Fakultät für
Wirtschaftswissenschaften der Universidad del Norte in Barranquilla. Das
internationale Schiedsgerichtssystem habe bei Firmen den Ruf, transparent
zu sein – eben weil es nicht von kolumbianischen Institutionen durchgeführt
werde.
„Die Petro-Regierung hat versucht, Investitionen in nicht erneuerbare
Energien zu erschweren und das Land zu dekarbonisieren“, sagt Vargas. Doch
auch für die Energiewende braucht es ausländische Investitionen. Kolumbien
gehöre zu den Ländern mit den meisten Beschwerden. „Ich vermute, dass das
mit der neuen Energiepolitik der Regierung zu tun hat.“ Für ihn ist klar:
Die Initiative hat mit dem Präsidentschaftswahlkampf zu tun. Ende Mai sind
Wahlen. Und von deren Ergebnis hänge ab, was aus dem Vorstoß wird.
22 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bu.edu/gdp/2025/11/10/defunding-the-amazon-mapping-isds-risk-from-the-oil-and-gas-sector-in-amazonian-countries/
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Englische_Sprache
(DIR) [3] https://www.minjusticia.gov.co/Sala-de-prensa/Paginas/Colombia-se-salvo-de-pagar-300-millones-de-dolares-en-un-pleito-internacional.aspx
## AUTOREN
(DIR) Katharina Wojczenko
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