# taz.de -- Atomkraft weltwelt: Eine strahlende Vergangenheit
       
       > Unionspolitiker und AfD geißeln angeblichen deutschen Sonderweg beim
       > Atomausstieg. Die Zahlen zeigen aber: Einen nuklearen Aufschwung gibt es
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: Das Kernkraftwerk Palo Verde ist eines der größten Kernkraftwerke in den USA und das einzige, das nicht an einem großen Gewässer liegt
       
       Als „strategischen Fehler“ bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von
       der Leyen (CDU) jüngst den deutschen Atomausstieg. Dieselben Worte nutzten
       auch Kanzler Friedrich Merz (CDU), gleichwohl hält er den Ausstieg für
       „irreversibel“. Weniger zurückhaltend zeigt sich Markus Söder, bayerischer
       Ministerpräsident und CSU-Chef. Er will die zuletzt vom Netz genommenen
       Meiler wieder anwerfen lassen und unter seiner Regie weiter betreiben.
       Andere Unionspolitiker sowie die AfD schwadronieren gar von einem
       AKW-Neubau.
       
       Sie alle verweisen auf eine angeblich weltweite Renaissance der
       Atomenergie. Und auf die 31 Staaten, die bei den letzten
       Weltklimakonferenzen in Dubai, Baku und Belém [1][einem Bündnis
       beigetreten] sind, das die weltweiten Atomkraftkapazitäten verdreifachen
       will.
       
       Doch wie ist es wirklich bestellt um den vermeintlichen Aufschwung der
       Atomenergie? Antworten gibt der im vergangenen Herbst vorgestellte „World
       Nuclear Industry Status Report 2024“ ([2][WNISR 2024]). Dieser Bericht wird
       von einem internationalen Expertenteam um den Energie- und
       Atompolitikberater Mycle Schneider erarbeitet und liefert seit 2007
       jährlich ein Update zum aktuellen Status der weltweiten Nuklearindustrie.
       
       Daraus ergibt sich: Die Atomkraft stagniert, während Solarenergie,
       Windkraft und Speichertechnologien weltweit Rekordzuwächse verzeichnen.
       Eine weltweite nukleare Renaissance vollzieht sich jedenfalls nicht. Zwar
       erreichte die weltweite Atomstromproduktion 2024 mit rund 2.677
       Terawattstunden den bisher höchsten Stand, doch gleichzeitig sank der
       Anteil der Atomkraft am globalen Strommix auf 9 Prozent. Das ist kaum mehr
       als die Hälfte des höchsten Werts (17,5 Prozent) von 1996.
       
       ## Deutliche Abkehr
       
       Weltweit waren Ende 2024 408 Atomreaktoren in Betrieb, genauso viele wie
       ein Jahr zuvor und 30 weniger als auf dem Höchststand 2002. Die
       atomkraftfreundliche Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) nennt hier
       geringfügig höhere Zahlen, der Lobbyverband World Nuclear Association (WNA)
       schreibt sogar von 440 „operablen“, also betriebsbereiten Reaktoren. Die
       Differenzen erklären sich durch unterschiedliche Definitionen von
       Langzeit-Stillständen, wie es sie etwa in Japan gibt.
       
       In der EU zeigte sich mit vier Inbetriebnahmen und 35 Schließungen die
       Abkehr von der Atomkraft deutlich. 101 Reaktoren waren hier 2024 noch am
       Netz. Ihre Nettobetriebskapazität belief sich mit 98.000 Megawatt auf rund
       ein Viertel weniger als 2002. Insgesamt nutzen 31 Länder auf der Erde
       Atomkraft zur Stromproduktion, in Europa (ohne Russland) sind es 14 –
       darunter 12 EU-Staaten. Mit 94 Reaktoren verfügen die USA über die weltweit
       größte AKW-Flotte.
       
       Rund 60 Atomkraftwerke waren 2024 im Bau, rund ein Drittel davon in China.
       Sieben Baustellen gab es in Indien, vier in Russland, in Europa waren es
       insgesamt zehn. Nach Daten des WNISR 2024 und der IAEA verteilen sie sich
       auf Großbritannien (2), die Ukraine (2), die Türkei (4) sowie Ungarn und
       die Slowakei (je 1).
       
       Sechs (WNISR 2024) beziehungsweise sieben (WNA) AKW gingen neu ans Netz.
       Darunter waren zwei oder drei Reaktoren in China sowie je einer in Indien,
       den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch der neue Europäische
       Druckwasserreaktor Flamanvoille-3 in Frankreich wurde – nach 17 Jahren
       Bauzeit mit Kosten von rund 13 Milliarden Euro – am 21. Dezember 2024
       erstmals mit dem Stromnetz verbunden.
       
       ## China überstrahlt alles
       
       „In den letzten zwei Jahren ist die Anzahl der Länder, in denen neue
       Atomkraftwerke gebaut werden, um knapp ein Drittel von 16 auf 11 gesunken“,
       sagte Mycle Schneider bei der Präsentation von WNISR 2024. Die Gründe für
       das schwache Wachstum bei Atomkraftwerken sehen sowohl Schneider als auch
       das Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) in den extrem hohen
       Investitionskosten, den sehr langen Bauzeiten von 10 bis 15 Jahren und den
       ebenso hohen Finanzierungsrisiken.
       
       Letztere könnten praktisch nur von Staatsunternehmen getragen werden. Zudem
       sei der Markt auf sehr wenige, meist staatliche Unternehmen angewiesen, die
       überhaupt in der Lage seien, Atomkraftwerke zu bauen und zu exportieren.
       
       Im Vergleich zur Atomkraft sind die erneuerbaren Energien auf der
       Überholspur. So installierte allein China im Jahr 2024 Solaranlagen mit
       einer Rekordleistung von 277 Gigawatt. „Wenn China sein aktuelles Tempo
       beim Bau von Solaranlagen bis 2030 fortsetzt, wird das Land schon am Ende
       des Jahrzehnts mit eigenem, preiswertem Solarstrom ganz allein die heutige
       Stromerzeugung der gesamten globalen Atomkraftwerksflotte überholen“,
       prognostiziert IWR-Chef Norbert Allnoch. Der Bau neuer Atomkraftwerke werde
       mit dem hohen Tempo beim Zubau erneuerbarer Energien nicht ansatzweise
       mithalten können.
       
       20 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.energy.gov/articles/cop28-countries-launch-declaration-triple-nuclear-energy-capacity-2050-recognizing-key
 (DIR) [2] https://www.worldnuclearreport.org/World-Nuclear-Industry-Status-Report-2024-1046
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reimar Paul
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Atomkraft
 (DIR) Atomausstieg
 (DIR) Erneuerbare Energien
 (DIR) GNS
 (DIR) 40 Jahre Tschornobyl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) 40 Jahre Tschornobyl
 (DIR) Atomkraftwerk
 (DIR) Polen
 (DIR) Schwerpunkt Atomkraft
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Atomenergie in Südkorea: Atomkraft? Jein, danke!
       
       Südkorea setzt stärker auf Atomenergie als andere Staaten, doch in der
       Bevölkerung ist die Technologie umstritten. Nur: Alternativen sind
       schwierig.
       
 (DIR) Schacht Konrad: Kosten für geplantes Atommüllendlager explodieren
       
       Probleme mit dem Wasserrecht, Klagen – die Probleme beim geplanten
       Atommüllendlager Schacht Konrad summieren sich. Nun steigen auch noch die
       Kosten.
       
 (DIR) Vorbereitungen für Neubau: AKW-Neubau an polnischer Ostsee
       
       In Polen beginnt der Bau eines Atomkraftwerks. Das Land will so von der
       Kohle loskommen. Doch es gibt eine Reihe an Unwägbarkeiten.
       
 (DIR) Neues britisches Atomkraftwerk: Keinen Penny mehr für Atomkraft ausgeben
       
       Das Projekt im britischen Sizewell zeigt, dass Atomstrom keine Chance mehr
       hat. Erneuerbare Energie sollte sich auch ohne Staatshilfe durchsetzen.