# taz.de -- Social-Media-Propaganda bei Jugendlichen: „Sogar über Sex wird offen geredet“
> Islamisten werben auf Social Media verstärkt um Jugendliche. Warum und
> wie das funktioniert, erklärt die Berliner Bildungsexpertin Canan Korucu.
(IMG) Bild: Auf Tiktok hat der Berliner Salafistenprediger Abul Baraa über 100.000 Follower, auf Instagram knapp 58.000
taz: Frau Korucu, eine Erkenntnis des kürzlich erschienenen ersten
Islamismus-Monitors der Berliner Verwaltung ist, dass sich
[1][islamistische Propaganda zunehmend an Kinder und Jugendliche richtet,]
und zwar über Social Media. Teilen Sie die Beobachtung?
Canan Korucu: Ja, das tue ich. Aber bevor ich auf Einzelheiten eingehe,
möchte ich kurz einen Schritt zurück machen. Es gibt allgemein einen
deutlichen Anstieg von extremistischen Inhalten auf Social Media – und das
betrifft nicht nur islamistische, sondern genauso rechtsextremistische,
rassistische, antisemitische oder sexistische. Nach einer Studie vom
Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest sagten 42 Prozent der
befragten jungen Menschen zwischen 12 und 19 Jahren im Jahr 2023, dass
ihnen im letzten Monat extreme politische Ansichten auf Social Media
begegnet seien. [2][Zwei Jahre später] waren das bereits 59 Prozent! Das
betrifft alle möglichen Extremismen, aber auch Themen wie Fake News,
Beleidigungen, Kommentare, Verschwörungstheorien, Hate Speech.
taz: Wie läuft das beim Thema Islamismus?
Korucu: Es sind zumeist lebensweltorientierte, sehr emotionsgeladene
Videos, in denen es um einfache Antworten auf eigentlich komplexe Fragen
geht und genau das macht sie so anschlussfähig. Wenn wir uns die
salafistischen Influencer oder Akteure vornehmen, dann geht es um Fragen
wie: Wie faste ich richtig? Welche Taten werden von Gott besonders belohnt?
Darf ich auf den Weihnachtsmarkt gehen? Darf ich Geburtstag feiern? Darf
ich wählen gehen? Darf ich Pornos schauen, mir die Fingernägel lackieren?
Seit dem 7. Oktober geht es auch viel um Gaza. Es werden Bilder gezeigt von
Kindern in Trümmern und zerstörten Straßenzügen zum Beispiel. Die Menschen
in Gaza werden als Symbol für die Unterdrückung von allen Muslimen weltweit
genutzt. Durch die schockierenden Bilder wird eine gezielte
Emotionalisierung versucht und dieses islamistische Narrativ vom „Krieg
gegen den Islam, gegen die Muslime“ erzählt.
taz: Die Adressaten sind also vor allem muslimische Jugendliche?
Korucu: Vor allem, aber nicht nur. Es gibt ja auch Jugendliche, die sich
für den Islam interessieren oder die einfach ein bisschen provozieren
wollen. Islamistische Akteure freuen sich über jeden Klick, über jede
Person, die Fragen stellt oder auf die Videos reagiert. Es gibt auch
welche, die gezielt Konversionen anbieten. Dementsprechend sind die Videos
aufgebaut: Wir zeigen euch, wie der Islam ist, wie er richtig gelebt,
richtig praktiziert werden soll. Kommt zu uns. Wir sind eine Gemeinschaft.
Wir sind Brüder und Schwestern. Hier hast du Halt. Hier findest du
Orientierung.
taz: Exemplarisch nennt der Monitor zwei Berliner Influencer oder Prediger
namens Abul Baraa und Amir al-Kinani. Was ist deren Masche?
Korucu: Es ist tatsächlich erstaunlich, dass sie so gehyped werden, auch
von jungen Menschen, denn eigentlich wirken sie auf den ersten Blick wie
„alte Männer“. Manche sehen in ihnen vermutlich eine Art großen Bruder oder
Vaterfigur, für andere haben sie wohl auch hohe Credibility, weil sie wie
Gelehrte auftreten. Dann verbinden sie ihre Auftritte oft mit Humor, das
machen sie tatsächlich ganz gut. Die Videos sind oft wie Gespräche, in
denen der Influencer auf Fragen eingeht – und es geht eben um die
Lebenswelt der Jugendlichen. Sogar über Sex wird offen geredet!
taz: Welche Jugendlichen spricht so was an?
Korucu: Es ist schwer, nur einen Grund für die Hinwendung zu islamistischen
oder extremistischen Akteuren ausfindig zu machen. Das Elternhaus kann eine
Rolle spielen, aber oft ist es so, dass die Eltern gar nicht islamistisch
sind – manchmal sogar im Gegenteil, eher kritisch. Auf jeden Fall ist
unsere Erfahrung, dass diese jungen Menschen auf der Suche nach
Orientierung und Sinnstiftung sind.
taz: Aber das war immer schon so. Was hat sich geändert?
Korucu: Social Media und die Logiken der Plattformen. Wenn Jugendliche im
Netz Antworten auf ihre Fragen suchen, landen sie sehr schnell bei den
salafistischen Akteuren, weil die sehr viele Videos produzieren – wirklich
sehr, sehr viele. Und der Algorithmus zeigt emotionalisierte Videos sehr
viel häufiger. Dazu kommt die Weltlage: die ganzen Krisen, Kriege, damit
verbundene Unsicherheiten. Auch Ausgrenzungserfahrungen,
Rassismuserfahrungen spielen eine Rolle. Es gibt dazu insgesamt eine
Zunahme an traditionellen Vorstellungen über Geschlechterrollen und das
nicht nur bei muslimisch sozialisierten Jugendlichen.
taz: Ach ja?
Korucu: Das zeigen auch die Ergebnisse der Mitte-Studien. Danach hat ein
Drittel der Bevölkerung ein geschlossenes sexistisches Weltbild und die
Queerfeindlichkeit nimmt zu. Das heißt, wir haben gesamtgesellschaftlich
gesehen einen Zuwachs an extremistischen Gedanken, an sexistischen,
queerfeindlichen, rassistischen, antisemitischen Weltbildern. Warum sollte
es bei den Jugendlichen anders sein?
taz: Was ist also zu tun? [3][Social Media-Verbot für Jugendliche]?
Korucu: Man muss mehrgleisig fahren. Ein Verbot allein reicht nicht, obwohl
ich das für ein bestimmtes Alter, sagen wir bis 12 Jahre, sinnvoll fände.
So lauten beispielsweise die Empfehlungen von Landesmedienanstalten zur
Nutzung von Smartphones. Man könnte die Social-Media-Nutzung noch mal
abstufen, je nach Plattform.
taz: Welche Altersgrenze für welche Plattform – und warum der Unterschied?
Korucu: Plattformen mit stark algorithmisierten Kurzvideos wie Tiktok,
Instagram-Reels oder Youtube-Shorts halte ich für besonders problematisch,
weil Inhalte dort extrem schnell und emotionalisiert ausgespielt werden. Da
würde ich eher eine Altersgrenze von 14 Jahren sehen. Ab 12 würde ich eher
an Messenger wie Whatsapp oder Signal denken, wobei auch da Risiken
bestehen, etwa durch Gruppenchats oder weitergeleitete Inhalte.
taz: Was sollte noch passieren?
Korucu: Es braucht mehr Medienkompetenz, nicht nur von SchülerInnen und
Jugendlichen, sondern auch von Eltern, Erwachsenen – und auch in Bezug auf
KI. Mit welchen Daten werden KIs trainiert, woher stammen diese Daten? Wem
gehören die Plattformen, welche Interessen stecken dahinter? Wessen Wissen
wird sichtbar, wessen Perspektiven fehlen? Die jungen Menschen müssen auch
lernen, Deepfakes zu erkennen und einzuordnen. Gefördert werden muss auch
die Freude am Diskutieren, am Widerspruch, an der Uneindeutigkeit. Und die
Jugendlichen brauchen ein Gefühl von Zugehörigkeit zu dieser
pluralistischen Gesellschaft.
taz: Wo sollen sie all das bekommen? In der Schule?
Korucu: Ja, natürlich. Aber für all das ist oft keine Zeit im schulischen
Alltag. Dabei ist es wichtig, dass Störungen Vorrang haben, dass man sie
aufgreift und nicht einfach sagt, ich muss ja heute mein Curriculum
abarbeiten. Beispielsweise als im Februar 2023 das Erdbeben in der Türkei
und in Syrien war, als Zehntausende Menschen gestorben sind. Da wäre es
wichtig gewesen, wenn man Schüler*innen aus diesen Ländern in der Klasse
hat, einfach mal zu fragen: Wie geht es euch so? Dann fühlen sie sich
gesehen.
taz: Was bringt das?
Korucu: Wir sagen immer bei unseren Fortbildungen „Bindung kommt vor
Bildung“: Wenn die pädagogischen Fachkräfte mit ihren Schüler*innen
keine Bindung aufbauen, können sie auch kein Wissen vermitteln. Ohne
Vertrauen nehmen die Schüler*innen nichts an, sie öffnen sich nicht und
sprechen bestimmte Themen gar nicht an. Aber wenn diese Bindung da ist und
wenn dann die Jugendlichen etwas Verstörendes sagen, zum Beispiel „Scharia
geht über Grundgesetz“, ist es ganz wichtig, nicht zu moralisieren, sondern
den Raum zu öffnen und Fragen zu stellen. Man muss in den Dialog gehen,
auch um korrigieren zu können. In dem Moment, wo ein Raum geöffnet wird und
dialogisch gesprochen wird, kommen auch die Stimmen von den anderen jungen
Menschen in der Klasse dazu. Auch dadurch entstehen wichtige Impulse für
diese Jugendlichen.
taz: Was müsste sich also ändern? Das Land Berlin hat ja ein ganzes
Förderprogramm mit verschiedensten Präventionsangeboten gegen
Radikalisierung. Aber reicht das?
Korucu: Berlin ist da wirklich sehr gut aufgestellt. Es gibt sehr viele
gute Projekte, das Förderprogramm finanziert wichtige Angebote, das ist
wirklich Gold wert. Gerade vor dem Hintergrund der [4][geplanten
Neuausrichtung des Förderprogramms „Demokratie leben!“ auf Bundesebene] ist
das wichtig. Gleichzeitig haben sich viele Konflikte in den vergangenen
Jahren weiter verschärft, sowohl durch internationale Ereignisse wie den
Terroranschlag vom 7. Oktober 2023 als auch durch innergesellschaftliche
rassistische Diskurse wie die zum Stadtbild oder zur sexualisierten Gewalt.
Solche Diskurse verstärken das Gefühl, nicht richtig zu sein oder nicht
dazuzugehören. Einzelne Träger können diese gesellschaftlichen Dynamiken
nicht alleine auffangen oder gar lösen.
taz: Was braucht es also?
Korucu: Es braucht einfach mehr Zeit und mehr Personal, sowohl in der
Schule, als auch in anderen Regelstrukturen. Lehrkräfte brauchen Zeit, auf
die verschiedenen sozialen Lagen und Herausforderungen reagieren zu können.
Es braucht mehr Personal und längere Öffnungszeiten in den Regelstrukturen,
mehr Orte für Jugendliche. Es braucht insgesamt eine Struktur, vielleicht
auch eine Änderung des Bildungssystems, wenn wir ganz groß denken wollen,
in dem junge Menschen in ihren Bedürfnissen und auch „Eigenheiten“ wirklich
wahrgenommen werden und Anerkennung erfahren. Wo auch ihre
Zukunftsperspektiven und -ängste eine Rolle spielen, sei es Klimakrise,
unsichere Rente, Zugehörigkeit oder Wehrpflicht.
18 May 2026
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(DIR) Susanne Memarnia
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