# taz.de -- Regionalwahlen in Großbritannien: Das althergebrachte Parteiensystem geht unter
> Bei den Regionalwahlen in Großbritannien dürfte Labour seine größte
> Niederlage einfahren. Warum das nicht nur für die Partei, sondern sogar
> für Europa gefährlich ist.
Wenn nicht sämtliche Prognosen falsch liegen, wird die regierende
Labour-Partei in Großbritannien am Donnerstag die höchste Wahlniederlage
ihrer Geschichte einfahren. Bis zu vier Fünftel aller zur Wahl stehenden
kommunalen Mandate könnten bei den Kommunalwahlen in England für Labour
verloren gehen, dazu drohen der Regierungsverlust im Labour-Stammland Wales
und ein Absturz in Schottland. In Englands alten Industriehochburgen
rechnen die Rechtspopulisten von „Reform UK“ mit Erdrutschsiegen, und im
weltgewandten London wenden sich zahlreiche Menschen den Grünen am linken
politischen Rand zu.
Für [1][Labour-Premierminister Keir Starmer] wäre dies keine zwei Jahre
nach seinem Erdrutschsieg bei den britischen Parlamentswahlen ein
historisches Debakel. Und dann dürften am Wochenende seine Partei und sein
Kabinett zur Revolte schreiten. Längst bringen sich parteiinterne Rivalen
in Stellung und schmieden Pläne, wie man den renitenten Regierungschef auch
gegen seinen Willen aus dem Amt entfernen könnte.
Eine Stabilisierung und Beruhigung der britischen Politik, wie sie Keir
Starmer bei seinem Amtsantritt 2024 nach Jahren des Tory-Chaos versprach,
wären damit allerdings vom Tisch. Mit Grauen erinnert man sich an das sich
immer schneller drehende Karussell der Konservativen, als sie David Cameron
erst mit [2][Theresa May], dann mit Boris Johnson, danach mit Liz Truss und
schließlich mit Rishi Sunak ersetzten, nur um am Ende im Totalabsturz zu
landen. Schickt Labour sich jetzt an, diesen Irrsinn zu wiederholen –
vielleicht mit einer Abfolge von Wes Streeting, Andy Burnham, Angela Rayner
und Ed Miliband –, werden beide Träger des traditionellen britischen
Zweiparteiensystems in der politischen Versenkung verschwinden, und
Populisten von ganz rechts und ganz links werden das Land zerreißen.
Großbritannien ist oft ein Seismograf für Europa. Dass alle Parteiführer
negative Sympathiewerte aufweisen, dass keine Partei dauerhaft mehr als ein
Viertel der Wähler vertritt, dass keine realistische
Regierungskonstellation Mehrheiten überzeugt – all das ist in Deutschland
und in Frankreich nicht anders. Überall [3][liegen Rechtspopulisten], die
allein nicht mehrheitsfähig sind, in den Umfragen vorn, am linken Rand
rumort es und die restlichen Parteien verrenken sich in Machtspielchen.
So ist kein Land überlebensfähig, denn es wird nicht mehr gut regiert. In
Großbritannien beobachten wir den Untergang eines Parteiensystems, das
einst das stabilste der Welt war. Und die Trends in Großbritannien von
heute, so ist zu befürchten, sind die in Deutschland von morgen.
7 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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