# taz.de -- Regionalwahlen in Wales: Labour-Dämmerung unter den schwarzen Hügeln
       
       > Wales ist eine historische Hochburg der britischen Labour-Partei – aber
       > das dürfte jetzt zu Ende gehen. Geht der Trend Richtung Eigenständigkeit?
       
 (IMG) Bild: „Ich werde mich volllaufen lassen“, erklärt David Awel Davies aus Pontarddulais
       
       „Du kriegst keinen Termin beim Hausarzt, andere Termine werden verschoben“,
       klagt Trish Roberts. Die pensionierte Lehrerin beim Hundespaziergang im
       riesigen Singleton Park von Swansea ist nicht die Einzige, die sich über
       den Zustand des Gesundheitssystems ärgert. Das walisische Gesundheitswesen
       steht unter der Verantwortung der Regionalregierung, die seit jeher von
       Labour geführt wird. Es gibt dafür in Wales mehr Geld als in England, aber
       die Bilanz ist schlechter. „All die 26 Jahre Labour sind Wales nicht
       zugutegekommen“, urteilt Roberts. Sie hat immer Labour gewählt. Jetzt weiß
       sie es nicht mehr.
       
       In Wales ist Labour seit 1922 immer die stärkste Partei gewesen. Seit die
       Region 1999 eine eigene Regionalregierung und ein eigenes Regionalparlament
       kam, hat immer Labour die Region regiert. Es war die natürliche Wahl vor
       allem im alten Kohle- und Stahlrevier des industriellen Südwales. Doch die
       Gruben und meisten Stahlwerke sind heute Geschichte und wenn am 7. Mai
       [1][der Senedd, das Regionalparlament neu gewählt wird], könnte eine
       politische Ära zu Ende gehen.
       
       Klarer Favorit ist [2][Plaid Cymru], die walisische Nationalpartei, geführt
       vom charismatischen 53-jährigen ehemaligen BBC-Journalisten [3][Rhun ap
       Iorwerth]. Ihr Fernziel der Unabhängigkeit will Plaid nicht sofort
       ansteuern, dafür gibt es keine Mehrheit in der Bevölkerung. Sie verspricht
       Investitionen im Gesundheitssystem, Kinderversorgung und Erziehung sowie
       die walisische Wirtschaft insgesamt. Es soll auch mehr in die walisische
       Kultur fließen.
       
       Hauptrivale von Plaid Cymru ist die rechte Partei [4][Reform UK]. Sie ist
       stark in ländlichen Gebieten, insbesondere am östlichen Rand an der Grenze
       zu England. Neben Steuersenkungen und einem Ende von Asyl- und
       Einwanderungsprogrammen versprechen die Rechten bessere Autobahnen und
       Landstraßen, ein Ende der von Labour eingeführten 20-Meilen-Zonen im
       Straßenverkehr (32 km/h) und mehr Fokus auf die walisische Landwirtschaft.
       Reform UK wird in Wales geführt von [5][Dan Thomas], der einst die
       Stadtbehörde Barnet in Nordlondon für die Konservativen leitete. Sein
       Vorgänger [6][Nathan Gill] wurde im November wegen der Annahme von 40.000
       Pfund Bestechungsgeldern von Russland, als er noch Europaabgeordneter war,
       zu zehn Jahren Haft verurteilt.
       
       ## Bäume für Uganda mit walisischem Geld?
       
       Im Wahlkreis [7][Gŵyr Abertawe] liegen laut Umfragen Plaid und Reform fast
       gleichauf, mit Plaid leicht vorn, dann Labour auf dem dritten Platz. Das
       entspricht dem landesweiten Trend. Der Wahlkreis vereint die zweitgrößte
       walisische Stadt Swansea und die umliegenden ehemaligen Kohlereviere mit
       der ländlich-touristischen Halbinsel Gower.
       
       Reform-Wähler trifft man leicht in Mumbles, einem Städtchen auf Gower, wo
       eher Besserverdienende zu Hause sind. „Labour?“, fragt der 65-jährige
       pensionierte Zahnarzt Nigel Poole. „Die haben drei Millionen Bäume für Kuba
       verschwendet!“ Es stimmt zwar nicht ganz – die Labour-Regierung von Wales
       hat mit staatlicher Entwicklungshilfe nicht in Kuba Bäume pflanzen lassen,
       sondern in Uganda, und es waren nicht 3, sondern 25 Millionen. Aber das
       wäre für skeptische Wähler auch nicht überzeugender. Poole erinnert daran,
       wie erst 2024 der neue Labour-Regierungschef von Wales, [8][Vaughan
       Gething], nach nur 118 Tagen im Amt wegen fragwürdiger Wahlkampfspenden
       zurücktrat. Und jetzt gibt es Keir Starmer mit dem Mandelson-Skandal und
       seine wegen Steuerhinterziehung zurückgetretene Stellvertreterin Angela
       Rayner.
       
       Wegen all dem wähle er am Donnerstag Reform. „Die haben gesagt, dass der
       Senedd eine Verschwendung ist, vielleicht schaffen sie ihn sogar ab. Und
       sie nehmen die Einwanderung ernst.“ Auch der ehemalige Autohändler Philip,
       68, sagt, dass er Reform wählen werde, weil die Partei die Bedürfnisse der
       Geschäftswelt verstehe.
       
       Mumbles-Kommunalrätin [9][Francesca O’Brian] ist die
       Reform-Wahlkreiskandidatin in Gŵyr Abertawe. Sie ist, wie viele
       Reform-Politiker, eine Überläuferin von den Konservativen. Der 32 Jahre
       alte Chris Orten, der auf der anderen Straßenseite gerade seinen Sohn im
       Kinderwagen schiebt, wirft ihr vor, Hass zu schüren. Sie habe für einen
       Elternprotest gegen den Besuch eines muslimischen Glaubensvertreters in
       einer Schule geworben. Orten verweist auch auf den prominenten
       Reform-UK-Unterstützer und Geschäftsmann Aaron Banks, der jüngst in
       sozialen Medien fragte, ob ein Schwarzer Aktivist auf dem Foto eines
       Plaid-Cymru-Treffens in Cardiff wirklich ein „walisischer Junge“ sei. Dafür
       wollte sich Reform-Parteichef Dan Thomas bei einer TV-Wahlveranstaltung
       nicht entschuldigen.
       
       Für Orten ist deshalb klar, dass Reform für ihn nicht infrage kommt. Aber
       auch Labour will er nicht wählen, die sind ihm nicht links genug. Plaid
       ginge auch nicht. „Ich komme ursprünglich aus dem englischen Northampton,
       es wäre also gegen meine Interessen, eine walisische Nationalpartei zu
       wählen.“ Für ihn blieben deshalb nur die Grünen übrig.
       
       Morgan, die 68-jährige Mitbesitzerin des Strickwarenladens Swansea Bay
       Yarns in Mumbles, schwört ebenfalls auf Grün. „Ich bin extreme
       Antizionistin und gegen Israels Völkermord“, sagt sie gleich und behauptet,
       dass Jeremy Corbyn der am wenigsten antisemitische Parteiführer gewesen
       sei. Damals sei sie Labour gewesen. Seit September 2025 ist sie
       Grünenmitglied – wegen Labours Israel-Politik und der enttäuschenden
       Sozial- und Umweltpolitik.
       
       Kaum 400 Meter weiter an der Strandpromenade bereitet der 55 Jahre alte
       Chris Price frische Meeresfrüchte für seinen Imbissstand zu. „Die Politik
       wurde über die Jahre immer brutaler“, findet er. Labour habe ihn
       enttäuscht, weil die Lebenshaltungskosten steigen. Er hält eine
       Steuersenkung in der Gastronomie für angemessen. „Ich bin jetzt neugierig,
       was Plaid für Wales tun kann. Auch wenn ich weiterhin skeptisch bleibe, ob
       der dezentralisierte walisische Senedd überhaupt viel tun kann.“
       
       ## „Das ist eine Stimme für Wales“
       
       Um Labour-Wähler zu finden, muss man länger suchen. Inmitten von Hecken und
       Feldern im Dorf Knelston mitten auf der Gower-Halbinsel preist die
       45-jährige Lehrerin Rhiannon, die gerade ihre vierjährige Tochter aus der
       Grundschule abholt, die Errungenschaften Labours in Wales, wo manches
       besser sei als jenseits der Grenze in England: „Unsere Medikamente sind
       umsonst, auch das Parken vor den Krankenhäusern. Wir haben Schulmahlzeiten
       für die Grundschulkinder. Und die 20-Meilen-Zonen retten viele Leben und
       senken die Luftverschmutzung.“ Sie misstraut Reform UK, die sie als
       rassistisch versteht, und sie ist gegen Plaid und die Unabhängigkeit von
       Wales.
       
       Andere sind weniger besorgt über einen möglichen Sieg der Nationalisten.
       Etwa Lindon Tucker, der im Dorf Llanrhidian in seiner riesigen
       Traktorwerkstatt zwischen Motoren und Werkzeugen steht. Der 74-Jährige
       schafft es bis heute nicht, in Rente zu gehen und arbeitet immer noch
       voller Elan. Großbritannien habe sich weder unter den Tories noch unter
       Labour groß verbessert, findet er. „Ich werde diesmal Plaid wählen. Das ist
       eine Stimme für Wales und ich kenne den Kandidaten [10][John Davies]
       persönlich. Der ist in Ordnung.“
       
       Doch der 83-jährige Glyn, der in der ruhigen Kleinstadt [11][Pontarddulais]
       im Norden des Wahlbezirks, wo es hügliger wird, gerade auf dem Weg zur
       Kneipe ist, will bei Labour bleiben. „Plaid kann auch nichts richten. Eine
       walisische Unabhängigkeit wird uns genauso wenig bringen wie der Brexit.
       Wir haben, als wir in der EU waren, in Wales viele Zuschüsse erhalten, die
       jetzt fehlen.“
       
       Um die Ecke, wo das längst geschlossene letzte Stahlwerk des kleinen
       Städtchens nun abgebaut wird, um ein neues Wohngebiet zu schaffen, planen
       derweil der 73-jährige David Awel Davies und seine Nachbarin für den Tag
       nach den Wahlen die größte Feier ihres Lebens. Nur Plaid könne wirklich
       walisische Interessen vertreten, sind sie sich sicher. Und diesmal würden
       sie es schaffen. „Ich werde mich volllaufen lassen“, prophezeit Davies und
       verweist auf das lokale Llanelli-Bier. Seinen Enthusiasmus fasst er mit
       einem alten Sprichwort der Stahlarbeiter zusammen: „New brush sweeps clean“
       – eine neue Bürste wischt sauber.
       
       5 May 2026
       
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