# taz.de -- Kommunalwahlen in Großbritannien: Derbe Niederlage für Labour und Starmer
> Die Regierungspartei verliert bei den englischen Kommunalwahlen Hunderte
> Sitze und in Wales die Regierungsmehrheit. Reform UK legt stark zu. Erste
> Labour-Parlamentarier fordern den Rücktritt des Premiers.
(IMG) Bild: Keir Starmer muss eine heftige Wahlniederlage wegstecken
taz | Nach den verheerenden Verlusten bei den Kommunal- und Regionalwahlen
am 7. Mai gibt es in Großbritannien laute Stimmen, die den Rücktritt von
Premierminister Keir Starmer fordern. Seine Labour Party verlor allein in
England 1.406 Sitze in jenen Verwaltungseinheiten, in denen zur Stimmabgabe
aufgerufen worden war. Darüber hinaus büßte Labour auch zum ersten Mal die
Mehrheit im walisischen Parlament ein und errang bei den Parlamentswahlen
in Schottland lediglich die gleiche Zahl an Mandaten wie die
Rechtspopulisten von Reform UK, weit hinter der siegreichen
nationalistischen SNP.
Doch noch ist die Zahl der Hinterbänkler:innen der Labour-Fraktion im
britischen Unterhaus, die den Rücktritt Starmers, der die Partei erst vor
zwei Jahren zu einem historischen Sieg bei den Nationalwahlen führte,
fordern, mit um die 20 gering. Größtenteils gehören sie dem linken
Parteiflügel und dem Lager der Gewerkschaften an. Sie verweisen auf die
zögerliche Sozialpolitik des Premierministers, die nur nach politischen
Kehrtwenden zu populäreren Maßnahmen führte, sowie auf den
[1][Mandelson-Skandal]. Von vorneherein war Keir Starmer nie ein Politiker,
der Massen begeistern konnte, doch gerade das war sein Verkaufswert nach
den turbulenten Jahren der vorherigen konservativen Regierungszeit.
Im britischen Guardian schrieb Starmer am Samstag nach der
Labour-Wahlschlappe, [2][er wolle sich weder nach links noch nach rechts
beugen], sondern Politik für das ganze Land machen. Er wolle wirkliche
Veränderungen liefern. Er erklärte, dass hinter den Stimmen am Donnerstag
gemeinsame Sorgen und Hoffnungen von Brit:innen stünden. Deshalb müsse er
sich vom Status quo der letzten Jahre ohne Veränderungen seit dem Brexit
entfernen. Die Labourabgeordneten Clive Betts und Debbie Abrahams
[3][schilderten jedoch gegenüber der BBC], dass Wähler:innen immer
wieder gesagt hätten, sie wollten durchaus weiter für Labour votieren, ihr
Problem liege aber bei Keir Starmer. Der Labour-Chef [4][hat seit einem
Jahr die niedrigsten Beliebtheitswerte aller britischen Politiker].
Die stellvertretende Parteichefin Lucy Powell stimmte zu, dass Änderungen
notwendig seien, machte jedoch gleichzeitig klar, dass sie gegen einen
Wechsel an der Spitze der Partei sei, gerade in Krisenzeiten. Keir Starmer
solle stattdessen eine vereinte Partei weiterführen. „Man muss die
Arbeiterklasse mit einer Wirtschaftspolitik, die in ihrem Interesse sei,
zurückgewinnen, um Nigel Farages Aufstieg zu verhindern“, sagte sie in
einem BBC-Interview am Samstagmorgen.
## Labour verliert auch in Wales
Die politische Realität in Großbritannien hat sich nach den Wahlen am
Donnerstag vollkommen verändert. In Wales verlor Labour zum ersten Mal seit
Einführung des walisischen Parlaments im Jahr 1999 die Mehrheit. Eluned
Morgan, Parteichefin und bisherige Erste Ministerin von Wales, schaffte es
selbst nicht mehr, einen Sitz im Sennedd zu erringen und trat am
Freitagnachmittag zurück. Reform UK gewann überall in Wales Mandate, am
stärksten in den Grenzregionen zu England und in abgehängten ehemaligen
Industriegebieten wie Newport. Am Ende musste die Partei sich nur der
nationalistischen Plaid Cymru geschlagen geben, die voraussichtlich den
Ersten Minister stellen wird.
Auch [5][in England hatte Reform-UK-Chef Nigel Farage Grund zum Feiern].
Reform UK angelte sich alte nordöstliche Labour-Hochburgen, in denen 2016
mehrheitlich für den Brexit gestimmt wurde, wie Sunderland. Die Partei
holte in der nordwestlichen Agglomeration von Manchester das Council von
St. Helen, in Yorkshire siegte Reform UK in Wakefield und Barnsley. In
Ostengland gewann Farages Partei Suffolk und Essex, in Ostlondon die
Außenbezirke Havering und Thurrock. Weiter erzielte Reform UK vielerorts
den höchsten Stimmenanteil, etwa in der südenglischen Küstenstadt Plymouth,
konnte dies dort jedoch aufgrund des absoluten Mehrheitswahlrechts nicht in
Gewinne umsetzen. In zahlreichen Kommunen rund um Manchester, etwa in
Wigan, bleibt Labour nur an der Macht, weil Wahlen nur in einem Drittel der
Bezirke abgehalten wurden.
In Schottland erntete Reform UK immerhin 17 Sitze, nachdem die Partei
bisher nur mit einem Abgeordneten im Holyrood, dem Parlament in Edinburgh,
vertreten war. Somit hat sich Reform UK aus dem Nichts als wichtigste
oppositionelle Stimme in England, Wales und Schottland etabliert. Farage
bezeichnete die Entwicklung zu Recht als historisch.
## SNP gewinnt in Schottland
Die SNP siegte bei den Wahlen zum schottischen Parlament zum sechsten Mal
in Folge. [6][SNP-Parteichef und Schottlands Erster Minister John Swinney]
verkörpert diesen Erfolg persönlich. Allerdings verfehlte die SNP aufgrund
des Verlusts von sechs Sitzen und mit insgesamt 58 Abgeordneten die
absolute Regierungsmehrheit. Eine Koalition mit den Grünen, die in
Schottland 15 Sitze ergatterten, wäre denkbar.
In England feierten die Grünen insbesondere im Ostlondoner Bezirk Hackney,
wo ihre Spitzenkandidatin Zoë Garbett zur Bürgermeisterin gewählt wurde und
sie nun die Kommunalregierung von Labour übernehmen können. Der Londoner
Bezirk Waltham Forest, die Stadt Norwich und der südenglische Küstenort
Hastings gingen ebenfalls an die Grünen, die in England insgesamt auf 515
Sitze kamen, ein Plus von 374. Zudem gewannen die Grünen in Wales zwei
Mandate im Senedd.
Die Liberaldemokrat:innen konnten ebenfalls eine positive Bilanz
ziehen, mit einem Plus von 161 Mandaten und mit insgesamt 834 aller Sitze,
die zur Wahl standen. Sie gewannen alle Wahlbezirke im Londoner Stadtteil
Richmond und absolute Mehrheiten in südenglischen Städten und Regionen wie
Winchester, Surrey und Tunbridge Wells, South Cambdrigeshire, sowie im
Norden in Stockport. Zudem konnten sie der SNP zwei Holyrood-Mandate in den
schottischen Highlands abringen. In Wales blieb es allerdings wie gehabt
bei einem einzigen Senedd-Sitz, den die Chefin der walisischen
Liberaldemokraten einnehmen wird.
Birmingham, die zweitgrößte Stadt Großbritanniens, und auch Swindon im
Süden Englands haben ab sofort einen Stadtrat ohne eindeutige Mehrheiten.
Labour verlor außerdem die Kontrolle über den zentralen Londoner Bezirk
Westminster an die Tories. In der britischen Hauptstadt stellt Labour aber
weiterhin die Mehrheit in Camden, der Heimat von Keir Starmer, in Greenwich
und Islington. Auch in Reading im Südwesten Englands und im Norden um
Liverpool und Manchester herum, etwa in Salford, konnte sich die Partei
trotz Verlusten behaupten. In Schottland holte sie Mandate in Dumbarton,
Süd-Edinburgh und überraschend auf den Äußeren Hebriden. Der Chef der
schottischen Labour Party, Anas Sarwar, hatte nach der Auszählung der
Stimmen jedoch seinen Holyrood-Sitz verloren, will aber zunächst auf seinem
Posten bleiben.
Auch 199 Unabhängige konnten bei den Wahlen in Stadt- und County-Parlamente
gelangen, davon viele, die sich als eine Stimme für die Solidarität mit
Gaza verstehen, so etwa allein drei Kandidaten in Kirklee (Batley East).
Das Ergebnis zeigt, dass nach der jahrzehntelangen Dominanz des
Zweiparteiensystems und trotz des absoluten Mehrheitswahlrechts
(first-past-the post) Großbritannien heutzutage eine Pluralität der
politischen Möglichkeiten aufweist. Sozialdemokraten und Konservative sind
nun, ähnlich wie in anderen Ländern, nicht mehr die selbstverständlichen
Optionen für die Wähler:innen.
9 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Mandelson-Affaere-in-Grossbritannien/!6172691
(DIR) [2] https://www.theguardian.com/commentisfree/2026/may/08/election-results-left-right-uk-keir-starmer
(DIR) [3] https://www.bbc.com/news/articles/c2k2vyw88n8o
(DIR) [4] /Britischer-Premier-unter-Druck/!6170826
(DIR) [5] /Wahlen-in-Grossbritannien/!6177454
(DIR) [6] /Neuer-SNP-Parteichef-John-Swinney/!6008573
## AUTOREN
(DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
## TAGS
(DIR) Wahlen in Großbritannien
(DIR) Labour Party
(DIR) Keir Starmer
(DIR) Nigel Farage
(DIR) Reform UK
(DIR) Schottland
(DIR) Wales
(DIR) GNS
(DIR) Wahlen in Großbritannien
(DIR) Keir Starmer
(DIR) Keir Starmer
(DIR) Großbritannien
(DIR) Wahlen in Großbritannien
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nach den Kommunalwahlen in England: Geister aus der Vergangenheit
Die Labour-Niederlage bei den britischen Kommunal- und Regionalwahlen führt
zu Rücktrittsforderungen an Premier Starmer. Der will noch lange regieren.
(DIR) Nach den Wahlen in Großbritannien: Keir Starmer igelt sich ein
Der britische Labour-Premierminister will nach seiner verheerenden
Wahlniederlage weitermachen, als sei nichts geschehen. Das kann nur
schiefgehen.
(DIR) Rechtsruck in Großbritannien: Der lange Schatten von Farage
Reform UK wächst zur ernsthaften Macht heran. Wenn Labour und andere
progressive Kräfte weiter gegeneinander arbeiten, profitiert vor allem
Parteichef Nigel Farage.
(DIR) Wahlen in Großbritannien: Historischer Absturz
Bei den Regional- und Kommunalwahlen muss Labour massive Verluste
hinnehmen. Davon profitiert vor allem die rechtspopulistische Reform UK von
Nigel Farage.
(DIR) Superwahltag in Großbritannien: Große Zugewinne für Nigel Farages Rechtspopulisten
Bei den Kommunalwahlen in England räumt „Reform UK“ ab, die Labour-Partei
erleidet schwere Verluste. Premier Starmer stemmt sich gegen seinen
Rücktritt.
(DIR) Regionalwahlen in Großbritannien: Das althergebrachte Parteiensystem geht unter
Bei den Regionalwahlen in Großbritannien dürfte Labour seine größte
Niederlage einfahren. Warum das nicht nur für die Partei, sondern sogar für
Europa gefährlich ist.