# taz.de -- 40 Jahre nach dem Reaktorunglück: Opferzahlen bleiben weiter im Dunkeln
       
       > Wie viele Menschen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl starben oder
       > erkrankten, bleibt umstritten. Die Gegend soll zur Atommüllkippe werden.
       
 (IMG) Bild: Szene aus dem Dokumentarfilm „Tschernobyl 86 – Der Super-Gau“
       
       In der hoch belasteten Zone 2 um den Unglücksreaktor Tschernobyl gibt es
       Experimente mit dem Anbau schnell wachsender Energiepflanzen, ein kleines
       Solarkraftwerk und an zwei Standorten Pläne zum Bau von Small Modular
       Reactors (SMR), die vermehrt als sogenannte Minireaktoren beworben werden,
       obwohl sie bisher nur auf dem Papier existieren. Das ist in einem
       Pressegespräch des Fachverbands Strahlenschutz und der Leibniz Universität
       Hannover am Mittwoch bekannt geworden.
       
       Die Schilfpflanze Miscanthus darf nach ukrainischem Recht trotz hohen
       Radioaktivitätsgehalts für die Produktion von Biokraftstoffen verwendet
       oder verbrannt werden. Zu möglichen Gefahren durch Einatmen von
       radioaktivem Staub bei der Ernte hat man sich offenbar noch wenig Gedanken
       gemacht. [1][Zu den SMR haben Vertreter der Verwaltung der Tschernobylzone
       und Unternehmen ein Memorandum unterzeichnet.] Weitere Aktivitäten sind
       noch nicht bekannt.
       
       Realität ist jedoch, dass Tschernobyl zur Atommüllkippe des Landes werden
       soll. Die abgebrannten Brennelemente aus den Blöcken 1 bis 3 des
       Atomkraftwerks sind schon aus den Nasslagern in ein Trockenlager gebracht
       worden – ähnlich den deutschen Castor-Lagern. Folgen sollen die
       Brennelemente aus allen übrigen ukrainischen AKWs.
       
       Das Staatsunternehmen Radon sammelt aber auch alle übrigen radioaktiven
       Abfälle und Strahlenquellen etwa aus Krankenhäusern und Industrie, [2][um
       sie in drei Lagern für insgesamt 70.000 Kubikmeter in der Tschernobylzone
       zu lagern.] Ein Problem sind die vagabundierenden Strahlenquellen. Infolge
       des Krieges ist nicht klar, wie viele der insgesamt 8.500 Strahlenquellen
       zum Beispiel aus Röntgengeräten oder industriellen Messeinrichtungen
       verschwunden sind.
       
       Zahl der Krebsfälle und Toten weiter umstritten 
       
       Offen blieb die Frage nach den Opfern des katastrophalen Unfalls, bei dem
       (zu spät) 330.000 Menschen aus 900 Siedlungen evakuiert wurden. Bis zu
       800.000 „Liquidatoren“ – die wenigsten waren Freiwillige, sondern zumeist
       Soldaten und zwangsverpflichtete Arbeiter – wurden bei Aufräumungsarbeiten
       verstrahlt. Nicht einmal die genaue Zahl und schon gar nicht die
       radioaktive Dosis, der sie ausgesetzt waren, wurden systematisch erfasst.
       1986 hatte das sowjetische Gesundheitsministerium Daten über die Havarie
       und das Ausmaß der radioaktiven Belastung von Liquidationspersonal für
       geheim erklärt.
       
       Michael Abend vom Fachverband Strahlenschutz bestätigte, dass es „für die
       Clean-up-Arbeiter keine gesicherten Daten“ gebe, aber eine „signifikante
       Erhöhung von Leukämien“. Anders als bei den überlebenden Atombombenopfern
       von Hiroshima und Nagasaki gebe es keine Nachverfolgung der Liquidatoren.
       Deshalb sei die Dunkelziffer hier relativ groß.
       
       Ein etwas besseres Bild gibt es bei den Schilddrüsentumoren bei Kindern.
       Michael Abend, der auch am Bundeswehrinstitut für Radioökologie tätig war,
       sprach von 10.000 Fällen. Und noch wichtiger: Auch 40 Jahre nach dem Unfall
       sind die Schilddrüsentumoren bei Kindern noch von Bedeutung.
       
       Über die Zahl der Todesopfer infolge des Unfalls wird es also weiterhin
       sehr kontroverse und unterschiedliche Zahlen geben. Am unteren Ende die 128
       toten Liquidatoren, die der Fachverband in seiner Stellungnahme zum 25.
       Jahrestag 2011 genannt hatte, bis hin zu einigen 10.000 bis zu einer
       Million, auf die die Internationalen Ärzt*innen zur Verhütung des
       Atomkriegs (IPPNW) nach Auswertung zahlreicher Studien in einem Report von
       2016 gekommen waren. Auf der Veranstaltung am Mittwoch wollte der
       Fachverband Strahlenschutz keine Zahl nennen.
       
       16 Apr 2026
       
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