# taz.de -- Die Wahrheit: Brennstab statt Nudel
       
       > Der explosive Kernenergiekenner Söder und die fossile
       > Wirtschaftsministerin Reiche zum Dauerbrennerthema Mini-Atomkraftwerke.
       
 (IMG) Bild: Sieht sie so aus, die Zukunft für Mini-Atomkraftwerke?
       
       War der Ausstieg aus der Kernenergie ein Fehler? Diese Frage kann nur
       sicher beantworten, wer neue Atomkraftwerke baut und abwartet, ob sie in
       die Luft fliegen. Nachdem jetzt die Europäische Union eine Förderung von
       Mini-AKWs in Aussicht gestellt hat, wittern ehemalige stramme
       Atomkraftablehner strahlende Frühlingsmorgenluft. Allen voran begeistert
       sich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder für die so neu
       scheinende Technik aus den Fünfzigern, so wie er sich für alles begeistert,
       was nach Zukunft riecht und klamme Vergangenheit atmet.
       
       Söder empfängt die Wahrheit in einem Mini-Thinktank – ein Denkpanzer so
       klein, dass nur jeweils ein einziger Gedanke hineinpasst. Warum nun doch
       wieder eine Rückkehr zu Atomstrom, fragen wir. „Erst einmal geht es darum,
       den Grünen eins auszuwischen, und zwar mit Technologie, die CO2 einspart,
       aber den Nachfolgern vom Habeck nicht gefällt.“ Söder lacht meckernd, zieht
       die Knie dichter an die Ohren. „Dann ist es natürlich ein Uran-Liegen …
       Quatsch, Ur-Anliegen der Union, aus dem Thema Atomkraft Energie zu
       schöpfen. Denken Sie stets daran: Spaltung ist unser Kerngeschäft!“
       
       Nicht nur Söder, auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)
       plädiert entschieden für die Mini-AKWs. Ortstermin tags zuvor in Berlin.
       Reiche steigt im Mini aus ihrem Mini, war beim Friseur, trägt Minipli. Im
       kleinsten Backwerk der Stadt erläutert die sonst als so hart geltende
       Wirtschaftsmini uns mit warmen Worten bei Teilchen und Käffchen die Vorzüge
       der kleinen Kraftwerke: „Sie sind wenig leistungsfähig, letztlich aber
       ähnlich teuer wie die großen. Mich reizt vor allem die
       Unwirtschaftlichkeit“, gesteht Reiche. „Wann immer es aussieht, als würde
       sich etwas nicht lohnen, hat die Sache ja meist einen Haken. Aber es lohnt
       sich doch! Etwa für die Baufirmen!“
       
       Wie Elektroroller oder Fast Fashion werden auch Mini-AKWs in Serie
       gefertigt und dann je nach Bedarf in der Landschaft verteilt. Im
       Unterschied zum klassischen Tschernobyl-Modell seien die Kleinkraftwerke
       zudem deutlich sicherer. „Wenn nichts schief geht, kann so ein Ding
       praktisch nicht explodieren“, versichert die Ministerin. „Außer, Sie
       erwischen ein Montagsmodell, haha!“
       
       Doch wo sollen die Reaktoren Platz finden? Kritische Stimmen warnen, dass
       Hunderte Mini-Meiler errichtet werden müssten, um auch nur den täglichen
       Strombedarf für Tiktok etwa im Raum Regensburg zu decken. „Dank des
       deutlich geringeren Risikos können wir die Kraftwerke ganz in der Nähe von
       Wohngebieten bauen oder sogar mitten hinein“, entkräftet Reiche die
       Bedenkenträgerei. „Sie und ich würden die Strahlung gar nicht bemerken.
       Allenfalls nach Jahrzehnten, wenn Ihnen vielleicht der Kiefer abfault.“
       
       Bei allem Enthusiasmus mahnt die Bundeswirtschaftsministerin aber zur
       Besonnenheit. „Ich sage nicht, dass an jeder Ecke ein Minikraftwerk stehen
       muss, ich sage: Schauen wir doch, wo ein Minikraftwerk hinpasst. Gehen Sie
       durch Deutschland, ist klar: Sie könnten praktisch an jeder Ecke eines
       bauen! Und genau das sollten wir tun.“
       
       Visionären Wissenschaftlern wie Professor Christian Reiter von der TU
       München gehen diese Pläne nicht weit genug. Mit einem Team aus grünen
       Zwergen arbeitet er derzeit an der privaten Nutzung der Kernenergie. „Der
       Traum vom eigenen Atomkraftwerk in der Küchenzeile wird wahr“, verspricht
       Reiter. Die bis zu 1.000 Grad heißen Mikro-Reaktoren könnten etwa Herd und
       Ofen ersetzen. „Denken Sie nur an die Möglichkeiten“, schwärmt der
       „eingefleischte“ Junggeselle. „Da ist Ihre Tiefkühlpizza nach einer Minute
       gar, nach zwei Minuten knusprig und nach drei Minuten Grillkohle.“
       
       Geht es nach Experte Reiter, ist bei Großgeräten nicht Schluss: „Ein
       nuklear betriebener Rasenmäher? Ich sage: praktisch! Ein Wegwerf-Vape mit
       eingebautem Kernkraftwerk? Ich sage: Ja, warum denn nicht?
       Technologieoffenheit heißt ja eben vor allem, Antworten zu finden auf
       Fragen, die niemand gestellt hat, der rechnen kann.“
       
       Markus Söder in seinem Mini-Thinktank erleidet beim Gedanken an jene
       atomare Utopie vor Freude fast eine Hirnschmelze. Ließe sich die
       Bevölkerung von seiner Begeisterung anstecken, so glaubt er, könnten die
       kleinen Kraftwerke zu den „Mitochondrien Bayerns“ werden. „In meiner
       Kindheit wollte jeder Bub eine Dampfmaschine. Diesen Geist möchten wir mit
       den winzigen AKWs wiederbeleben. So wie in dem Sketch vom Loriot. Nur dass
       dann halt ein Brennstab im Gesicht hängt statt einer Nudel.“
       
       Für den GAU-Fall ist Söder aber stets zu einer politischen Kehrtwende
       bereit. „Ich war von Anfang an dagegen. Schreiben Sie das auf, damit Sie
       mich zitieren können. Der nächste Ausstieg kommt bestimmt!“
       
       29 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valentin Witt
       
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