# taz.de -- Hausdurchsuchung bei AntimilitaristInnen: Kritik am Verteidigungsminister wird verfolgt
> Der Staatsschutz ermittelt gegen die Osnabrücker
> Antimilitarismus-Initiative Rausmetall. Sie hatte Boris Pistorius aufs
> Korn genommen.
(IMG) Bild: Verteidigungsminister Pistorius ist auch in seiner Heimatstadt Osnabrück bereit, die Meinungsfreiheit zu verteidigen
Eine Hausdurchsuchung ist ein hartes Ermittlungsinstrument. Als Eingriff in
die Privatsphäre muss sie der Schwere der Tat angemessen sein. Am Mittwoch
der vorvergangenen Woche hat der Staatsschutz der Polizei Osnabrück in
Bissendorf, 15 Kilometer südöstlich von Osnabrück, in einem
Mehrfamilienhaus zu diesem Mittel gegriffen. Kurz nach 7 Uhr am Morgen,
rund zwei Stunden lang, auf Beschluss des Amtsgerichts Osnabrück.
Ihr Ziel waren zwei AktivistInnen der regionalen
Antimilitarismus-Initiative Rausmetall, Ruben G.* und Franziska F.*. Beide
sind nicht zu Hause. „Eine Mitbewohnerin hat plötzlich 8 bis 10
Einsatzkräfte im Hof gesehen, mit Rammbock, vermummt mit Sturmhauben“, sagt
Ruben G. der taz. „Sie hat sie gebeten, die Tür nicht kaputt zu machen.
Briefe haben sie sich angesehen, Tagebücher, Taschen.“ Als die Polizei
geht, nimmt sie einen Laptop und einen USB-Stick mit, Kleidung, ein
Kanupaddel.
Was war geschehen? Mitte Januar hatte Rausmetall in einer
Guerilla-Intervention Fernando Sánchez Castillos [1][Bronzeskulptur
Fountain of Wishes umgestaltet], einen lebensgroßen, martialischen
Polizisten, der im Osnabrücker Stadtfluss Hase steht. Auf Knopfdruck
uriniert er.
Rausmetall-AktivistInnen banden ihm eine Maske vor den Helm, mit einem Foto
des Gesichts von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) darauf;
über den Originalpenis kam eine gewaltige Erektion aus Gips. Vor Pistorius
hing ein Schlachtengemälde. Auf einem Schild hieß es: „‚Der kriegsgeile
Boris‘ – Kunstinstallation, Mixed Media, 2026, anonym“. Pistorius war einst
in Osnabrück Oberbürgermeister – einer Stadt, die als [2][Standort des
Rüstungskonzerns Rheinmetall im Gespräch ist].
## AktivistInnen würden gerne vor Gericht auftreten
Laut Durchsuchungsbeschluss geht es um Sachbeschädigung, Beleidigung,
Verleumdung und üble Nachrede. Ruben G. und Franziska F. haben Beschwerde
eingelegt, Akteneinsicht beantragt. Dass es zu einer mündlichen
Hauptverhandlung kommt, glauben sie nicht. „Es geht ja meist gar nicht
darum, konkrete Strafverfahren zu beginnen“, sagt Ruben G. „Es geht darum,
Aktivitäten zu unterbinden, Menschen zu ängstigen.“
Geängstigt wirken beide nicht. Im Gegenteil: „Käme es zu einer mündlichen
Verhandlung“, sagt Franziska F. kämpferisch, „würde uns das natürlich sehr
freuen. Das brächte die Aktion auf die Bühne des Gerichtssaals. Und da
müsste ja auch Pistorius selbst auftreten.“ Rausmetall habe „einen Nerv
getroffen“, sagt sie. „Dass es so einfach ist, mit solch einem Vulgärhumor
zu provozieren, zeigt, dass die Zündschnur auf der anderen Seite sehr kurz
ist.“
G. sagt, die Hausdurchsuchung sei unverhältnismäßig gewesen. F. bezeichnet
die Aktion als „Kunstaktion“, als Kommentar „auf die Perversität der
Begeisterung, in der Pistorius, Merz und die deutsche Rüstungsindustrie auf
die sogenannte Zeitenwende anspringen“.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Rausmetall-AktivistInnen vor, sie hätten
die Kette eines Floßes durchtrennt, um damit zur Statue zu gelangen – daher
auch das sichergestellte Paddel. Im Raum steht auch ein Verdacht nach § 188
Strafgesetzbuch: „Gegen Personen des politischen Lebens gerichtete
Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung“. Das ist ein scharfes Schwert:
Würde auf üble Nachrede oder Verleumdung erkannt, [3][beginnt die
Mindeststrafe bei drei Monaten Freiheitsentzug] – gesetzt, die Tat werde
als geeignet gewertet, das „öffentliche Wirken“ von Pistorius „erheblich zu
erschweren“.
Ob Pistorius sich durch die Aktion beleidigt fühlt, verleumdet, der üblen
Nachrede ausgesetzt? Das beantwortet die Bundeswehr der taz nicht direkt.
Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums schreibt jedoch: „Eine
Anzeige wurde weder durch den Bundesminister persönlich, noch in seinem
Namen erstattet.“ Die Sprecherin betont: „Die Meinungsfreiheit ist als
zentrales und essenzielles demokratisches Gut für den Minister von
herausragender Bedeutung.“ Nach der Aktion habe er „zeitnah“ von ihr
Kenntnis erlangt.
Der Verfolgungsimpuls geht also von der Staatsanwaltschaft Osnabrück aus,
von Amts wegen. Fragen der taz beantwortet sie nicht zeitnah.
* Nachnamen der Redaktion bekannt
23 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kunst-gegen-Verteidigungsminister/!6146746
(DIR) [2] /Ruestungsproduktion-bei-VW-in-Osnabrueck/!6162104
(DIR) [3] /Urteil-wegen-Verleumdung/!6081361
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
## TAGS
(DIR) Osnabrück
(DIR) Verteidigungsminister
(DIR) Verteidigungsministerium
(DIR) Kunst im öffentlichen Raum
(DIR) Kunst
(DIR) Rheinmetall
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Osnabrück
(DIR) Bundeswehr
(DIR) Rüstungsindustrie
(DIR) Boris Pistorius
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kunst gegen Boris Pistorius: Verwirrendes Lagebild
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat Osnabrücker
Aktivist*innen doch wegen einer Aktion angezeigt. Sein Ministerium
leugnete das erst.
(DIR) Pistorius' Bundeswehr-Strategie: Durchwurschteln zur konventionell stärksten Armee Europas
Mit einem neuen Konzept möchte die Bundeswehr ihre künftige Ausrichtung
definieren. Dass die Dinge schwammig bleiben, sei so gewollt.
(DIR) Rüstungsproduktion bei VW in Osnabrück: Vom Cabrio zum Armee-Pick-up
Im VW-Werk Osnabrück endet 2027 die Cabrio-Produktion. Der Konzern prüft
neue Perspektiven: Militärfahrzeuge und Kooperationen mit der
Rüstungsindustrie.
(DIR) Kunst gegen Verteidigungsminister: Bumm, Bumm, Boris
Die Osnabrücker Antimilitarismus-Ini Rausmetall hat die Skulptur Fountain
of Wishes zum Kriegsgeilen Boris umgestaltet. Der Staatsschutz ermittelt.