# taz.de -- Rechte Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern: Zunehmende Brutalität
> Die Zahl rechter Angriffe in Mecklenburg-Vorpommern erreicht einen
> Höchststand. Eine große Rolle spielen dabei Jugendgruppen, die radikaler
> agieren.
(IMG) Bild: Nazis in Demmin, rechts die Polizei
Im Landkreis Ludwigslust-Parchim wird nach einem Verkehrsunfall einer der
Beteiligten rassistisch beleidigt, anschließend wird ihm ins Gesicht
geschlagen. Vor einem Supermarkt in Neubrandenburg beschimpft eine Gruppe
einen Mann homofeindlich und greift ihn an. In der Rostocker Altstadt
zünden mutmaßlich Rechtsextreme ein alternatives Wohnprojekt an.
Drei Gewalttaten, begangen innerhalb von drei Tagen im vergangenen
November, die eines zeigen: Die rechte Szene in Mecklenburg-Vorpommern
schlägt immer brutaler zu. „Es sind längst schon nicht mehr nur die Grenzen
des Sagbaren, die sich verschieben“, sagt Robert Schiedewitz von der
Beratungsstelle Lobbi, die solche Fälle im dünn besiedelten Flächenland
dokumentiert.
Am Donnerstag stellte der Verein in Rostock seinen Jahresbericht 2025 vor –
mit alarmierenden Ergebnissen. Insgesamt dokumentierte Lobbi in
Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr 157 rassistische,
queerfeindliche und antisemitische Angriffe von rechts. Das sind noch
einmal rund 5 Prozent mehr als 2024, vor allem aber ist es die höchste Zahl
seit Beginn des Monitorings des Vereins im Jahr 2003 überhaupt. „Und wir
erfassen statistisch nur das, was uns auch gemeldet wird“, sagt
Schiedewitz. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.
Sicher ist: Mit fast 10 Taten auf 100.000 Einwohner:innen gehört
Mecklenburg-Vorpommern zu den Bundesländern mit der höchsten Quote rechter
Gewalt bundesweit. Drei Viertel der Angriffe waren Körperverletzungen, der
Rest Nötigungen, Bedrohungen und Sachbeschädigungen.
## Ausnahmezustand wie 2015/2016
Die Opfer der Gewalt sind tatsächliche oder vermeintliche politische
Gegner:innen, queere Menschen, Wohnungslose, insbesondere aber
Migrant:innen. So wurde nahezu die Hälfte aller erfassten Angriffe als
rassistisch motiviert eingestuft. Robert Schiedewitz spricht inzwischen von
einem „Ausnahmezustand“, vergleichbar mit der migrationsfeindlichen
Stimmung von 2015 und 2016, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen.
Dabei wird schon lange nicht mehr vor Minderjährigen haltgemacht. 18
Prozent der Betroffenen waren jünger als 14 Jahre.
Eine immer besorgniserregendere Rolle spielen nach Angaben von Lobbi extrem
rechte Jugendgruppen. Bundesweit bekannt wurden [1][Ermittlungen gegen die
Jungnazi-Terrorgruppe Letzte Verteidigungswelle]. Zwei Mitglieder aus
Mecklenburg-Vorpommern stehen derzeit in Hamburg vor Gericht. Doch auch
abseits solcher Fälle markieren rechte Jugendliche in vielen Orten ihre
„Dominanzräume“ –„im Zweifel mit Gewalt“, heißt es im Lobbi-Bericht.
Besonders in Städten wie Neubrandenburg und Demmin fallen demnach
jugendliche Tätergruppen auf, die teils vernetzt und immer radikaler
agieren. Vieles erinnere an die Baseballschlägerjahre der 1990er, als
Rechte ganz Ostdeutschland mit Gewalt überzogen.
„Das ist ein Pulverfass“, sagt Schiedewitz. Zu beobachten sei, dass „die
nachwachsende Generation den Heldengeschichten ihrer Eltern nacheifert“ und
das Bedürfnis hat, „das Ganze noch krasser in Szene zu setzen“. Abgesehen
davon gebe es wie damals in den 1990ern eine „erneute [2][wachsende
Normalisierung] rechter Gewalt“.
## Überforderte Strukturen
Ein weiteres Problem: Die Kinder- und Jugendhilfe in Mecklenburg-Vorpommern
ist oft überfordert. In den ländlichen Regionen, die das Bundesland
dominieren, fehlten laut Lobbi oft personelle und inhaltliche Ressourcen,
um der allgegenwärtigen rechten Raumnahme entgegenzuwirken.
In letzter Konsequenz kann es den Projekten dann gehen [3][wie dem
Demokratiebahnhof Anklam]. Die preisgekrönte Initiative, die trotz rechter
Angriffe jahrelang demokratische Jugendarbeit leistete, musste schließen.
Die Betreiber beklagen fehlende Unterstützung durch die Stadtverwaltung.
Bei der Bundestagswahl holte die AfD in Anklam über 45 Prozent.
Zwar sehen Demoskop:innen die AfD in Mecklenburg-Vorpommern leicht im
Abwärtstrend, doch mit 35 Prozent bleibt sie stark. Das Ziel der Partei ist
klar: Sie will bei der Landtagswahl Ende September die absolute Mehrheit
der Sitze – und im Anschluss [4][die Förderung von Projekten] für
Demokratie und Vielfalt massiv kürzen.
In einer Mitte Januar von den ostdeutschen AfD-Fraktionschefs
verabschiedeten „Schweriner Erklärung“ ist die Rede von der „Brechung der
Macht der NGOs“. Schon jetzt stellt die AfD-Fraktion im Landtag Anfragen,
die sich gegen einen angeblichen „NGO-Filz“ richten. Viele vor Ort sehen
darin den Versuch, zivilgesellschaftliche Initiativen einzuschüchtern.
## Unsichere Zeiten für Opferberatungen
Lobbi – kurz für Landesweite Opferberatung für Betroffene rechter Gewalt –
wird derzeit über das Bundesprogramm „Demokratie leben“ gefördert. Doch
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) kündigte im März eine
„Neuausrichtung“ des Programms an. Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern
warnt, dass Projekte wie Lobbi darunter leiden könnten. Der taz sagte
Prien: „Gesellschaftliche Vielfalt ist grundsätzlich positiv – aber als
staatliches Förderziel sehe ich das nicht.“
Schiedewitz betont, dass Lobbi aktuell „vergleichsweise komfortabel“
dastehe, auch weil der Verein Teil eines Verbunds von Beratungsstellen sei,
der – soweit bekannt – erst mal nicht auf Priens Abschussliste steht. Aber
er will sich auch nichts vormachen: „Wir blicken unsicheren Zeiten
entgegen.“
16 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rainer Rutz
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