# taz.de -- Vor dem 1. Mai: Alle Jahre wieder
> Ein Ritual für Ausdauernde: Selbst unter Linken gilt der Tag der Arbeit
> als Relikt aus alten Zeiten. Warum es trotzdem wieder auf die Straße
> geht.
(IMG) Bild: 1. Mai 1968 in Hamburg: Hier sind zwar nur Männer zu sehen, der Tag ist aber eigentlich schon immer ein Tag für alle Arbeiter*innen
Auf jeden Fall geht Christian Warnke am 1. Mai 2026 demonstrieren.
„Aufgeben ist keine Option“, sagt er fröhlich. Der 47-Jährige spricht mit
der taz nach der Arbeit am Telefon. Er arbeitet seit 2004 als Lascher im
Hamburger Hafen. Lascher befestigen die tausenden Container, die jeden Tag
verladen werden, auf den Frachtschiffen, damit sie auf hoher See nicht ins
Wasser fallen: eine sehr anstrengende Arbeit.
Warnke kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedigungen und faire
Entlohnung. Er ist in der Gewerkschaft aktiv und setzt sich auch politisch
ein, sprach sich [1][gegen den Teilverkauf des Hafens] vor zwei Jahren aus.
„Ich bin bewusst abhängig Beschäftigter und kein Kapitalist oder
selbstständig und ich strebe auch keinen Mittelstand an“, sagt er. „Ich
fühle mich da wohl“. Bis zum 1. Mai will er noch ein Banner malen mit
Kollegen.
Der 1. Mai ist ohne Zweifel der höchste Feiertag der
Arbeiter*innenbewegung. Seit nunmehr 136 Jahren wird er als einer der
wenigen säkularen Feiertage quasi weltweit begangen. Als „Kampftag der
Arbeiterklasse“ hatte ihn die Zweite Internationale 1889 in Paris
ausgerufen. Sie nahm damit Bezug auf den 1. Mai drei Jahre zuvor in
Chicago, an dem Polizisten mehrere Arbeiter erschossen hatten, die für den
Achtstundentag demonstrierten.
Für Christian Warnke ist der 1. Mai in diesem Jahr so wichtig wie lange
nicht. Das liegt daran, dass ihn verwundert, sagt er, wie leichtfertig
Bundeskanzler Friedrich Merz gerade grundlegende [2][Rechte von
Beschäftigten einfach infrage stellt]. „Das ist ein Angriff, auf die ganze,
ich sag mal, Arbeiterklasse“, sagt Warnke.
Mitte Januar 2026 hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beim
Neujahrsempfang der Wirtschaft in Halle (Saale) davon gesprochen, das
Arbeitszeitgesetz abzuschaffen. Das regelt unter anderem das Recht auf den
Achtstundentag und die 40-Stunden-Woche. Es war nicht der einzige Angriff
auf Rechte, die einst die Arbeiter*innenbewegung erkämpft hat. Bisher
blieben größere Proteste gegen diese Angriffe aber aus. Vielleicht ändert
sich das am 1. Mai, zumindest für einen Tag.
## Protest als Ritual
Fast genauso lange, wie der 1. Mai schon Tag der Arbeiter*innen ist, wird
er nicht nur vom Kapital, sondern auch von Linken und Gewerkschafter*innen
kritisch beäugt. Spätestens seit den 1960er Jahren und dem Zerfall einer
einheitlichen Arbeiter*innenklasse - und bewegung wird seine Sinnhaftigkeit
angezweifelt, jedes Jahr die Ritualisierung des Tages debattiert. Was
bringt das noch, dass wir alle Jahre wieder am 1. Mai Bratwurst essen, uns
Reden anhören oder uns mit der Polizei prügeln, wenn am nächsten Tag eh
alles weitergeht wie zuvor?
Und trotzdem gehen jedes Jahr Menschen am 1. Mai auf die Straße. Auch wenn
sie nicht mehr so groß sind wie früher, Gewerkschaftskundgebungen gibt es
in Deutschland fast in jeder Stadt. In Hamburg nahmen 2025 mehr Menschen
teil als in den Jahren davor. Mehr als 10.000 waren bei den über die Stadt
verteilten Kundgebungen und Demos des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB),
nicht weniger bei den drei linksradikalen Demos: rund 800 beim
anarchistischen Schwarz-Roten Mai, rund 3.000 beim kommunistischen
Revolutionären 1. Mai und zehntausend bei der Demo des Bündnis „Wer hat,
der gibt“ aus dem postautonomen Spektrum – auch wenn die Polizei wie immer
ein bisschen weniger gezählt hat.
Hannes Werner, 22, war vor drei Jahren zum ersten Mal bei einer 1.-Mai-Demo
in Hamburg. Er studiert soziale Arbeit und sitzt beim Internationalen
Jugendverband (IJV) in Hamburg im Ortsvorstand. Er ist auch in diesem Jahr
wieder im Jugendblock auf der DGB-Demo vertreten. Für Werner ist Aufrüstung
das wichtigste Thema – und die Wehrpflicht. „Wenn Hunderte Milliarden für
Rüstung ausgegeben werden können, wieso dann nicht für Schulen,
Universitäten, im Gesundheitswesen, wo überall Geld fehlt?“, sagt er. Der
1. Mai ist für ihn ein wichtiger Tag. „Um die ganzen Kämpfe, die man das
ganze Jahr über führt, einmal zusammen zu führen, weil das halt nicht so
der Kampftag für ein bestimmtes Thema ist, sondern der Kampftag von uns
allen, von der Arbeiterklasse“.
Der DGB [3][gibt das Jahresthema immer bundesweit vor.] In diesem Jahr ist
es der Protest gegen Stellenabbau. In Hamburg sind die Demos aber
inhaltlich auch stark von den Blöcken geprägt, an denen neben Parteien,
Verbänden auch linke und linksradikale Gruppen teilnehmen.
## Es ging immer auch um Krieg
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Kritik an Krieg und
Militarisierung in Hamburg schon früher am Tag der Arbeit Thema waren –
durchaus im Dissenz mit den großen Gewerkschaften. Am 1. Mai 1969 etwa
störten linke Lehrlinge und Menschen aus der Außerparlamentarischen
Opposition (APO) die zentrale Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
Sie warfen der IG Metall Heuchelei vor, weil sie einerseits gegen Rüstung
auftrat und andererseits mehr Mitbestimmung in Rüstungsbetrieben wie der
Werft Blohm + Voss forderte. Die stellte damals Schiffe her, die an die
faschistische Diktatur in Portugal geliefert werden sollten – für den
Einsatz gegen den antikolonialen Befreiungskampf in Angola.
Ansgar Ridder, 37, Sprecher des Bündnisses „Wer hat, der gibt“, das sich
seit der Coronapandemie in Hamburg und Berlin für Umverteilung einsetzt,
ist gerade aufgewacht, als die taz anruft. Er hatte Nachtschicht, arbeitet
als Heilerziehungspfleger in der Eingliederungshilfe. Ihn beschäftigt, dass
sein Träger von den Kürzungen im Sozialbereich betroffen sein könnte, die
aktuell bundesweit, aber auch auf Hamburger Landesebene diskutiert werden.
„Da ist die ganze Zeit so eine Sorge da, dass es Verschlechterungen geben
könnte für unsere Klient*innen und unsere Arbeit.“
Die Demo von „Wer hat, der gibt“ läuft wie die letzten Jahre auch durch ein
Hamburger Villenviertel mit überdurchschnittlich hohen Einkommen. In diesem
Jahr geht es westlich der Alster entlang. „Es geht uns auch darum, dass
Reichtum überhaupt sichtbar wird und Teil der Debatte“, sagt Ansgar Ridder.
Im vergangenen Jahr waren laut dem Bündnis 10.000 Menschen bei der Demo –
doppelt so viele wie erwartet.
Lena Thombansen von der gewerkschaftsnahen Bildungseinrichtung „Arbeit und
Leben“ hat mit Menschen zu tun, für die der 1. Mai kein Pflichttermin ist,
weil sie andere Sorgen haben. Zum Beispiel, dass sie gar keinen
Arbeitsvertrag haben oder keinen gesicherten Aufenthalt. Thombansen leitet
die Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit und Faire Integration, die
Menschen in sehr prekären Arbeitsverhältnissen berät. „Zu uns kommen viele
Fahrer, die Pakete ausliefern für große Firmen, aber auch
Essenslieferdienste“, sagt sie. Die allerwenigsten sind in der
Gewerkschaft.
## Der kleinste gemeinsame Nenner
Das große Problem sei, dass sie zunehmend bei undurchsichtigen
Subunternehmen beschäftigt sind. „Sie halten da einiges aus an schlechten
Arbeitsbedingungen, weil sie einfach auf dieses Arbeitsverhältnis
angewiesen sind. Die Subunternehmer wissen das und nutzen das aus.“ Die
wichtigsten Themen am 1. Mai sind für Thombansen in diesem Jahr die
Begrenzung von Subunternehmerketten und ein Direkteinstellungsgebot.
Zum 1. Mai in Hamburg gehört traditionell auch die feministische
Vorabenddemo [4][„Take Back the Night“] – ein Bezug auf die Geschichte der
feministichen Aneignung der Walpurgisnacht. Es ist eine Demo nur für
FLINTA, die mit Musik und Sprechchören über die sonst von besoffenen
Männern und Sexarbeit dominierte Reeperbahn läuft. „Es geht darum, dem
patriarchalen Narrativ der soften Opferrolle zu widersprechen“; sagt Kim
Delfi, 31, aus dem Orgakreis. Die Orga grenzt sich von
radikalfeministischer Kritik an Prostitution ab und definiert, passend zum
1. Mai, Sexarbeit als Arbeit.
Der Historiker Knud Andresen von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in
Hamburg hat die Geschichte des 1. Mai in Hamburg erforscht. Er nennt den 1.
Mai eine Sonde für die Arbeiter*innenbewegung. Daran, warum Menschen am 1.
Mai demonstrieren gehen, lasse sich die soziale Zusammensetzung der
Arbeiter*innenschaft ablesen und wie diese sich verändert, sagt er. „Was
beschäftigt die politischen Arbeiter und Arbeiterinnen über die
Jahrzehnte?“ Einfache Antworten darauf gibt es nicht.
Was Christian Warnke so vor dem 1. Mai noch Sorgen mache, sei der
Rechtsruck, den er im Alltag mit den Kollegen am Hafen bemerke. „Wie
selbstverständlich und offen man kommuniziert, dass die AfD doch okay ist“,
sagt er. „Eine der absurdesten Parteien meiner Meinung nach“. Sie lenke den
Fokus der großen Masse, die merke, dass irgendwas nicht richtig läuft, auf
Minderheiten. „Die schieben Verantwortung auf andere ab.“ Was dagegen
helfe? Sich Fragen stellen, sagt Warnke: „Wie gehe ich mit meinen
Mitmenschen um? Ist es richtig, dass ich andere Menschen ausgrenze? Oder
gucke ich doch lieber, wo ich den kleinsten gemeinsamen Nenner habe und
versuche ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, so was wie ein lebenswertes
Leben für alle Beschäftigten?“
Transparenzhinweis: In der Printfassung des Textes war der Internationale
Jugendverband (IJV) fälschlicherweise als sozialistisch und linksradikal
bezeichnet worden. Das haben wir hier korrigiert.
30 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Streit-um-MSC-Einstieg/!6014919
(DIR) [2] /Kampf-um-Arbeitnehmerrechte/!6159090
(DIR) [3] https://www.dgb.de/mitmachen/erster-mai/
(DIR) [4] https://www.instagram.com/takebackthenight_hh/
## AUTOREN
(DIR) Amira Klute
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) 1. Mai
(DIR) Arbeiterklasse
(DIR) Demo
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Demos
(DIR) Arbeiterklasse
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Erster Mai ohne Demo: Vor den Barrikaden
Unser Kolumnist geht nur noch selten auf Demos. Sein Unbehagen an der Sache
versteht er besser, seit neulich umgekehrt mal gegen ihn demonstriert
wurde.
(DIR) Arbeiten am 1. Mai: Malochen kann man immer
Am 1. Mai sollte niemand arbeiten, denn der Kampf für
Arbeitnehmer:innenrechte ist wichtig. Aber manchmal kommt der Alltag
dazwischen.
(DIR) Zum Internationalen Arbeiterkampftag: Von Arbeit und Moral
Am 1. Mai wird ein uraltes Arbeitspathos beschworen. So laufen Progressive,
Sozialdemokraten und Gewerkschaftlerinnen in die Falle der Rechten.
(DIR) Kommunist über 100 Jahre Kampf: „Die Jugend ist nicht scharf genug“
Der Kommunist Julius Christiansen hat kürzlich seinen 100sten gefeiert. Der
Diskurs zum Ukraine-Krieg erschreckt ihn. An der DDR fand er vieles gut.