# taz.de -- Enteignung von Ölkonzernen: Wie Mexiko sein Öl in die eigenen Hände nahm
       
       > Gegen 40-Stunden-Woche, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und
       > Rentenbezüge wehrten sich die ausländischen Konzerne. 1938 wurden sie
       > schließlich verstaatlicht.
       
 (IMG) Bild: Der mexikanische Präsident Lázaro Cárdenas 1938 beim Treffen mit Anführern der Ölarbeiterbewegung
       
       Der Palacio de Bellas Artes war so voll wie selten: Unzählige Bauern,
       Arbeiterinnen und Indigene stürmten im April 1938 in den Palast der Schönen
       Künste von Mexiko-Stadt, um ihrer Regierung ein paar Pesos oder ein Huhn zu
       spenden. Wohlhabendere gaben Gold oder Schmuck. Und das, damit Präsident
       [1][Lázaro Cárdenas] einen revolutionären Schritt gehen konnte: die
       Enteignung ausländischer Ölkonzerne.
       
       Vorangegangen war dem Schritt ein Streik mexikanischer Arbeiter. Sie
       forderten von den britischen, holländischen und US-amerikanischen
       Erdölkonzernen die 40-Stunden-Woche, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und
       Rentenbezüge. Doch Shell, Standard Oil und 15 weitere in Mexiko ansässige
       Unternehmen gingen nicht auf die Forderungen ein. Der sozialistisch
       orientierte Cárdenas verfügte daraufhin am 18. März 1938, die Anlagen zu
       enteignen. Raffinerien, Pipelines, Maschinen – die gesamte Infrastruktur
       ging [2][in staatliche Hände] über.
       
       Die Maßnahme war gesetzlich abgesichert, allerdings fehlten der Regierung
       die nötigen Pesos für die hohe Entschädigung. Und so half die Bevölkerung
       mit Spenden aus, wenn auch eher symbolisch.
       
       120 Jahre nach der Befreiung von den spanischen Kolonisatoren und zwei
       Jahrzehnte nach der Revolution setzte Cárdenas damit ein Zeichen, das wie
       kein anderes die nationale Identität Mexikos prägen sollte. Am 7. Juni
       gründete er dann den staatlichen Erdölkonzern Petróleos Mexicanos, kurz
       [3][Pemex]. Bis heute steht der Betrieb für die Souveränität des Landes,
       und das natürlich auch, weil der Verkauf des schwarzen Goldes lange Zeit
       mit Abstand die wichtigste Einkommensquelle war.
       
       ## Milliardenbeträge landeten in Wahlkampfkassen
       
       Bis in die 1980er Jahre finanzierte die Regierung mit dem Ölverkauf, der
       teilweise bis zu 40 Prozent des Haushalts ausmachte, Straßen, Schulen und
       Sozialleistungen. Durch diese gezielte, oft korrupte Verteilungspolitik
       konnte die regierende Einheitspartei PRI große Teile der unteren Schichten
       an sich binden.
       
       Doch wo viel Geld zu holen ist, blühen Korruption und Misswirtschaft. Die
       Regierung investierte zu wenig in den Erhalt und den Ausbau der Anlagen.
       Milliardenbeträge landeten im Wahlkampf der PRI oder wurden auf private
       Konten umgeleitet. Bis heute rauben kriminelle Organisationen in
       Kooperation mit Pemex-Mitarbeitern Öl aus den Rohren und verkaufen es auf
       dem Schwarzmarkt.
       
       2013 dann setzte der wirtschaftsliberale Präsident Enrique Peña Nieto eine
       umstrittene Verfassungsreform durch, die es nationalen und internationalen
       Firmen erlaubte, in den mexikanischen Energiemarkt zu investieren. Das
       Ziel: Die veraltete Technologie und die heruntergekommenen Anlagen sollten
       durch private Finanzierung auf Vordermann gebracht werden.
       
       Doch Peña Nietos Nachfolger Andrés Manuel López Obrador hielt dagegen: In
       seinem linksnationalistischen Diskurs hob er die historische Bedeutung von
       Pemex für Mexikos Souveränität hervor. Er stärkte den staatlichen Einfluss
       auf das Unternehmen und nahm Projekte wie den kostspieligen Bau einer neuen
       Raffinerie in Angriff. An seiner auf fossile Brennstoffe ausgerichteten
       Energiepolitik hält auch Nachfolgerin Claudia Sheinbaum fest.
       
       Heute gilt Pemex als das am meisten verschuldete Energieunternehmen der
       Welt. Dennoch war Cárdenas’ Schritt historisch: Ohne die Verstaatlichung
       der Ölindustrie hätte Mexiko nicht die Entwicklung erlebt, auf die heute
       große Teile der Gesellschaft bauen können.
       
       12 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Revolution-von-Mexikos-politischer-Kultur/!1370088/
 (DIR) [2] /Verstaatlichung/!t5034032
 (DIR) [3] /Mexiko-stoppt-Oellieferung-nach-Kuba/!6149298
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolf-Dieter Vogel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Mexiko
 (DIR) fossile Energien
 (DIR) Verstaatlichung
 (DIR) Zukunft
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Kolumne Der Anstoß
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kuba
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Volksbegehren
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Mexiko stoppt Öllieferung nach Kuba: Insel auf Sparflamme
       
       Mexikos Präsidentin Sheinbaum hat das „vorübergehende“ Ende der
       Erdöllieferungen bekannt gegeben. Damit rückt der ökonomische Kollaps Kubas
       näher.
       
 (DIR) Gesetz von Deutsche Wohnen enteignen: Die Utopie lebt!
       
       „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ will die Berliner Landespolitik zur
       Übernahme von Wohnungen zwingen. Dafür hat die Initiative ein
       Vergesellschaftungsgesetz vorgelegt.
       
 (DIR) Der Weg zum Vergesellschaftungsgesetz: „Jeden Stein dreimal umdrehen“
       
       Aktivist Armin Rothemann verrät, wie Deutsche Wohnen Enteignen zu einem
       wasserdichten Gesetz kommen will – und was die großen Knackpunkte sind.