# taz.de -- Der Hausbesuch: Null achthundert vier siebzig achtzig neunzig
> Elke Schilling hat eine Hotline gegen Einsamkeit im Alter gegründet.
> Zuvor war sie Kapitalistentochter, Versicherungsvertreterin und
> Frauenpolitikerin.
(IMG) Bild: Elke Schilling, Gründerin von Silbernetz, eine Hotline für einsame alte Menschen
Elke Schilling weiß schon, was sie tun will, wenn sie irgendwann nicht mehr
eingespannt ist bei Silbernetz, ihrem Verein gegen Vereinsamung im Alter.
Ruhig in ihrer Wohnung sitzen wird sie jedenfalls nicht.
Draußen: Die Straße, in der sie wohnt, verläuft parallel zur Müllerstraße
im Berliner Stadtteil Wedding. Einst war Letztere der „[1][Boulevard des
Nordens]“, jetzt eine Blaupause für den Niedergang. Wollte Elke Schilling
dort flanieren, käme sie an Spielhallen, Handyläden,
Bestattungsunternehmen, Nagelstudios vorbei. Schön ist das nicht.
Dazwischen Aldi, Lidl, Kaufland, eine Anlaufstelle für wohnungslose Frauen
und ein Seniorenheim. Will sie was Exklusives, muss sie im Kosmetikregal in
der Apotheke gucken.
Drinnen: Elke Schilling liebt Holz. Deshalb hat sie vor 15 Jahren, als sie
in den Berliner Wedding zog, die Dielen abgeschliffen und auch die Türen
und Türrahmen abgebeizt. Holz gibt deshalb den Ton an in der funktional
eingerichteten Wohnung mit Schreibtisch, Bücherregalen und Sofa. Auf dem
sitzt sie am liebsten, wenn sie am PC arbeitet. Direkt gegenüber steht eine
Hoya carnosa, eine kletterfreudige Wachsblume. Elke Schilling hat ihr ein
Seil vom Sideboard zur Decke gezogen; wie ein Zinnsoldat streckt sich die
Wachsblume nun in die Höhe und kann nicht mehr herumgeschoben werden. Die
Pflanze steht in einem tönernen Übertopf. Den hat Schilling gemacht.
Schillings Triade: „Verwaltung, Wirtschaft, Ehrenamt“, sagt Schilling,
seien die Themen, die sie umtrieben. Ein wenig habe sich das auch ergeben.
Manchmal passieren Dinge im Leben, die man nicht selbst kontrollieren kann.
Sie zum Beispiel hat sich ihre erste Schwangerschaft mit 20 nicht
ausgesucht. „Ist halt passiert.“ Das war Mitte der 60er Jahre in der DDR.
Später wiederum hat die Wende ihre Biografie durcheinanderrüttelt. Aber
auch schon früher gab es Unwägbarkeiten: „Als Kapitalistentochter durfte
ich kein Abitur machen.“
Die Kapitalistentochter: Schilling ist 1944 in Leipzig geboren, sechs
Monate vor dem Ende des Krieges. „Jahrelang habe ich Panik bekommen, wenn
Sirenenübungen waren. Es muss etwas mit dem Trauma meiner Mutter zu tun
haben. Ständig dieser Bombenalarm und ich war in ihrem Bauch.“ Sie war das
sechste und letzte Kind in der Familie, das erste Mädchen. „Mit so vielen
älteren Brüdern wird man selber wie ein Junge.“ Der Vater, aus
Schleswig-Holstein kommend, hatte in Leipzig nach dem Krieg ein
mittelständisches Unternehmen aufgebaut. Elektrolytkondensatoren wurden
produziert, die waren wichtig für die Radiokommunikation. In der DDR wurde
er [2][1961 teilenteignet], 1971 verlor die Familie auch die übrigen
Anteile, der Vater wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt – und saß vier
Jahre im Knast. „An ihm wurde ein Exempel statuiert. Eine schlimme Zeit.“
Umwege: Um doch noch ans Abitur zu kommen, macht Schilling nach der zehnten
Klasse eine Ausbildung zur Laborantin für Farben und Lacke. So war der Weg
frei zur Hochschulreife. Sie schreibt sich in Mathematik ein, wird aber
gleich schwanger. Ein Kind an sich war kein Problem in der DDR, aber die
Mutter will, dass sie heiratet. „Mütter und Töchter eben“, sagt sie und
wischt mit dem Satz den Konflikt beiseite. Die Ehe hält eine Zeit lang.
Schilling stemmt die Dreifachbelastung: Studium, Kindererziehung, Haushalt.
Und nach dem Studium die Arbeit in der Datenverarbeitung und als
Programmiererin. „Dreifachbelastung, das war synonym für Emanzipation in
der DDR.“ In die BRD, wo ihre ganze Verwandtschaft wohnt, möchte sie aber
nicht. „Ich habe bei meinen Cousinen gesehen, wie die trotz guter
Ausbildung auf Haushalt und Familie reduziert wurden. Das wollte ich
keinesfalls.“
Irritationen: Das Geschlechterverhältnis sorgt für Unsicherheiten. „Wir
wussten so vieles nicht. Nichts über Verhütung damals Mitte der 60er Jahre,
nichts über Homosexualität.“ Schilling hatte eine burschikose Freundin.
„Ist das ’ne Lesbe“, habe die Mutter gefragt. „Und ich wusste nicht, was
sie meint.“ 17 Jahre hält die erste Ehe. „Es gab Zuneigung und
Wertschätzung. Und Zwangsheterosexualität“, meint Schilling, „die
Sozialisation sitzt so tief. Mit dem Kopf war ich eine Emanze, ansonsten
weiblich funktionsgerecht.“
Leben in der DDR: Bis zur Wende arbeitet sie als Programmiererin,
„Generation Lochstreifen“, zuerst in der staatlichen Verwaltung. Als man
sie dort ihre Eltern, die nach der Haftentlassung des Vaters aus dem
DDR-Gefängnis in die BRD umsiedelten, nicht besuchen lässt, kündigt sie und
findet einen Job bei der Akademie für ärztliche Fortbildung. Nebenbei ist
sie Gewerkschaftsvertrauensfrau und gibt Keramikkurse als
[3][Volkskunstzirkelleiterin]. „Ich liebe diese Worte.“ Letzteres sind
Ehrenämter. Das Töpfern, in das sie andere einführt, gefällt ihr, „weil es
haptisch“ ist. Privat geht es ebenfalls turbulent zu. Sie zieht von Leipzig
nach Berlin und mit ihrem zweiten Mann, der LPG-Vorsitzender ist, von
Berlin nach Schwedt an der Oder. Dort fangen sie an, ein Haus zu bauen,
dann wird die DDR abgebaut. Jetzt fängt das Karussell erst recht an, sich
zu drehen.
Das Karussell: „Lass uns gehen, sagte mein Mann. Als LPG-Vorsitzender wurde
er diffamiert nach der Wende.“ Sie ziehen nach Hannover, wo die Eltern
leben. Ihre Qualifikationen allerdings werden in der BRD nicht
wertgeschätzt. Sie findet keinen Job, macht eine Umschulung zur
Versicherungskauffrau, zieht zurück in den Osten, nach Magdeburg, verkauft
Versicherungen, tritt den Grünen bei, wird Sprecherin der Landes-AG Frauen,
ist 1994 bei den Koalitionsverhandlungen [4][in Sachsen-Anhalt für die
Minderheitsregierung] von SPD und Grünen mit Duldung der PDS dabei und wird
Staatssekretärin für Frauenpolitik. „Frauenpolitik ist Alibipolitik.
Beliebt wird man damit nicht.“ Vier Jahre macht sie es; die Ehe hält dem
nicht stand.
Unabhängigkeit: Bei der nächsten Wahl, 1998, kommen die Grünen nicht mehr
ins Landesparlament von Sachsen-Anhalt. Schilling muss sich was Neues
suchen und wird selbstständige Organisationsentwicklerin. Leute, die bei
der Konzeption von Projekten und beim Beschaffen von Geld aus Fördertöpfen
helfen, werden gebraucht. Endlich kann sie ihre Triade ausleben:
Verwaltung, Wirtschaft, Wohlfahrt. „Ich hatte das alles im Blick.“
Trotzdem, es sei prekäres Überleben gewesen. Der Tag, an dem sie 2009 in
Rente ging, war „der Tag meiner persönlichen Unabhängigkeitserklärung“,
sagt sie.
Unruhe: Erst mal zieht sie als Rentnerin nach Berlin in den Wedding – in
die Nähe ihrer Kinder. Dann geht sie als [5][Granny Aupair] ein paar Monate
nach Kairo, „eine tolle Erfahrung“; sie soll ein Kind fit in Deutsch
machen, damit es an der deutschen Schule angenommen wird. Schon bald aber
kehrt sie in ihren Unruhemodus zurück und wird 2011 Vorsitzende der
[6][Seniorenvertretung in Berlin-Mitte]. „Ich bin eine Führungsperson, ich
neige dazu, mich an die Spitze zu setzen, wenn man mich lässt.“ Wobei die
Seniorenvertretung nicht das Ende ist. Ihr größter Coup kommt noch. Als ihr
Nachbar stirbt und Monate tot in der Wohnung liegt, gründet sie
[7][Silbernetz], die Hotline gegen Einsamkeit im Alter.
Silbernetz: „In Deutschland war Alterseinsamkeit kein Thema.“ Anders in
Großbritannien. [8][Die Idee für die Hotline] kommt von dort. „Einfach mal
reden“ ist das Motto. Es geht nicht um akute Krisen, es geht darum, dass
alte Menschen, denen das soziale Umfeld wegbricht, jemanden zum Reden
haben. Der Aufbau dauert. Mitstreitende müssen gefunden, Strukturen
aufgebaut, Geld muss akquiriert werden. 2018 wird die Hotline
freigeschaltet. Am 2. Januar dieses Jahres hatten sie den einmillionsten
Anruf. Schilling ist die Frontfrau von Silbernetz. Wird sie interviewt,
trägt sie ein Shirt, auf dem die Nummer prangt. „Es bringt nichts, wenn die
Nummer im Fernsehen nur mal kurz eingeblendet wird. Wenn die Menschen mich
sehen, sehen sie auch 0800 4 70 80 90.
Unermüdlichkeit: Gerne würde sie den Staffelstab von Silbernetz weitergeben
und sich anderen Themen zuwenden. Der Finanzwende etwa. „Es muss um
Menschen gehen, nicht um Geld.“ Sie will Alternativen zeigen. Auch in
Sachen digitaler Abhängigkeit. Der Kampf gegen rechts ist ihr wichtig und
der Klimawandel: „Wenn ich Silbernetz nicht gegründet hätte, hätte ich mich
vor drei Jahren auf die Straße geklebt.“ An Unermüdlichkeit hält sie fest.
„So lange es geht.“
24 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ardmediathek.de/video/rbb-retro-berliner-abendschau/berliner-strassen-heute-muellerstrasse-im-wedding/rbb/Y3JpZDovL3JiYi1vbmxpbmUuZGUvYmVybGluZXItYWJlbmRzY2hhdS8xOTY0LTA1LTEyVDE5OjMwOjAwXzBjM2RlODRkLWNmNGItNGJiZi05N2IyLTIzNmJkOWE1MjFhZS9yZXRyb18xOTY0MDUxMl93ZWRkaW5n
(DIR) [2] https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/dossiers/enteignungen-der-sowjetischen-besatzungszone-und-der-ddr/historischer-hintergrund
(DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralhaus_f%C3%BCr_Kulturarbeit_der_DDR
(DIR) [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Magdeburger_Modell
(DIR) [5] https://www.granny-aupair.com/de
(DIR) [6] https://www.berlin.de/ba-mitte/politik-und-verwaltung/aemter/amt-fuer-soziales/seniorenvertretung/
(DIR) [7] https://silbernetz.org/
(DIR) [8] https://www.thesilverline.org.uk/
## AUTOREN
(DIR) Waltraud Schwab
## TAGS
(DIR) Berlin-Wedding
(DIR) Der Hausbesuch
(DIR) Einsamkeit
(DIR) Der Hausbesuch
(DIR) Der Hausbesuch
(DIR) Liebe
(DIR) wochentaz
(DIR) Der Hausbesuch
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Der Hausbesuch: Fortissimo in Maßen
Mit Hochkultur hatte sie lange „null Komma null“ Berührung. Heute ist
Josefin Feiler Sängerin an der Oper in Stuttgart – und Frontfrau einer
Punkband.
(DIR) Inklusion im Sport: Worte finden für das, was andere nicht sehen
Ob Fußball oder Holiday on Ice: Tomke Koop und Florian Eib sorgen dafür,
dass blinde und sehbehinderte Menschen Events erleben und genießen können.
(DIR) Plüschtiere für Erwachsene: Nicht ohne meinen Teddy
Kuscheltiere gehören in die Kinderwelt. Dabei kann es auch Erwachsenen
helfen, bei Schmerzen ein Plüsch-Bison zu drücken.
(DIR) Der Hausbesuch: Er ist Holz
Sascha Weisert brennt fürs Möbelrestaurieren. Wenn er mal keine Lust hat,
geht er Rosen schneiden. Und tanzt in Breslau, Prag und Wuppertal ganze
Wochenenden durch.
(DIR) Der Hausbesuch: Die Pistole lag auf dem Boden
Es braucht ein Thema, das Liebende zusammenschweißt. Bei Katharina Oguntoye
und Carolyn Gammon ist es der Kampf gegen Ausgrenzung und Rassismus.