# taz.de -- Englischsprechende Expats: Aufgeschlossen und weltoffen? My ass
       
       > Wenn Expats in Kneipen nur Englisch sprechen, wirken sie lässig. Bei
       > Geflüchteten gilt dasselbe als verweigerte Integration. Das ist nicht
       > fair.
       
 (IMG) Bild: Maximal egal
       
       Sie bemerkt knapp [1][„Kitchen is closed“] und schaut dabei wie ein totes
       Auto. Maximal egal. Wir stehen in einem Laden – Card only –, in dem
       englischsprachige Bücher verkauft werden und in dem es eine Teigware mit
       Loch gibt, welche ebenso vor allem in einer englischsprachigen
       Supergroßstadt gegessen wird. Ich wundere mich nicht weiter. Während sich
       H. ein noch daliegendes Etwas einpacken lässt, entscheide ich mich
       stattdessen für ein Kiosk..., ähm, Spätibier.
       
       Ich lebe in Köln und bin seit Langem mal wieder in Berlin zu Besuch. Einen
       Abend später sitze ich mit K. am Tresen. Die Musik, das Stimmengewirr und
       Küchengeschirr schrillen schrill. Ich höre gerade so, wie der Freund das
       Hausbier bestellt, und sage: „Für mich auch.“ Dieses Mal schaut mich ein
       warnblinkendes Augenpaar an. Maximal genervt. Einige Millisekunden brauche
       ich für die Erkenntnis: Ich habe in der falschen Sprache bestellt. „Äh, for
       me as well.“
       
       Weitere Tage und Konsumortschaften später treffe ich H. und M. in einem
       Lokal mit singapurischer und malaysischer Küche. Dem hainanesischen
       Hühnchen enthusiasiere ich schon lange entgegen. Am Ende ist es eher nice
       als delicious. Sobald sich der letzte Bissen Richtung Speiseröhre bewegt,
       zeigt man uns, wo sich die Kasse befindet. Wir verreden uns um wenige
       Minuten, als im schnellen Englisch irgendwas gefaselt wird und es heißt,
       dass unsere Zeit um sei.
       
       Oof, whats crackin’, Berlin? Was ist los in dieser Stadt? Ich fühle mich
       desavouiert. Zermürbt es mich, weil ich mit meinem eher nur okayen Englisch
       konfrontiert werde? Oder weil ich die Attitüde, mit der selbstverständlich
       international gezüngelt wird, verwöhnt finde? Ich überlege, ob ich mich
       offenbaren soll, immerhin sind H. und M. langjährige Kumpels. Doch sie
       haben Köln vor einigen Jahren wegen Berlin verlassen. Sie finden Köln zwar
       jemötlich, aber auch kleinstädtisch – oder gar kleingeistig? Ich fürchte um
       das Offenlegen meines kölschen Provinzhätz und schweige. Vielleicht auch
       deshalb, weil ich ja beim Sprechen längst selbst wie selbstverständlich
       englische Wörter gebrauche. Irgendwie bin auch ich Teil des Ganzen. Not
       cool!
       
       Seit 13 Jahren arbeite ich ehrenamtlich mit Menschen, die in Köln ein neues
       Leben angefangen haben. Die meisten sind aus ihren Heimatländern geflohen,
       und wenn ich sie kennenlerne, sind die Deutschkenntnisse minimal. Das
       Sprachschuldeutsch erinnert mich an das meiner Mutter oder Großeltern in
       den späten 80ern. Wenn wir gemeinsam Fahrräder reparieren, floskelt aus
       mir, wie gut ihr Deutsch sei. Das ist so närrisch phraseologisch, dass ich
       mir jedes Mal selbst den Mund zukleben möchte.
       
       Ich muss nicht lange mit ihnen Zeit verbringen, um zu wissen, dass sie es
       schwer haben werden und Sprache das Mindeste ist, was ihnen helfen kann.
       Sie werden wegen ihres Äußeren, ihres Namens, ihrer Herkunft Stigmata und
       Ungerechtigkeiten erleben. Sie werden vom Gegenüber daran gemessen, wie
       weit sie sich integriert haben, und entsprechend beurteilt, ob sie ein
       guter oder schlechter Migrant sind.
       
       Es dämmert und wütet in mir: Sprache ist die Befähigung, Gedanken und
       Gefühle auszudrücken. Sogenannte Expats haben das Privileg, die Hilfsmittel
       zur Kommunikation freiwillig zu begrenzen, weil sie nicht müssen. Bisschen
       Spanisch für die kommende Mexikoreise? Si, claro! Deutsch, weil man halt in
       Deutschland lebt? Please, no. Die Kosmopoliten sind nicht, wie sie selbst
       annehmen, aufgeschlossen und weltoffen. Sie sind arrogant und ignorant und
       außerdem beschränkt.
       
       James Shikwati hat für das Humboldt Magazin [2][über die Konnotation der
       Begriffe „Expats und Immigrant*innen“ geschrieben] und wie koloniale
       Machtstrukturen die heutige Migration prägen. Für Shikwati liegt ein
       Schlüssel zum Ausgleich dieses Machtspiels darin, dass man „sehr genau auf
       die zerstörerische Macht von Darstellungen achtet“.
       
       Sicherlich bin ich in Berlin an Orte geraten, an denen vorwiegend ein
       globaler Sprachgebrauch betrieben wird, und sich in der Hauptstadt über
       Internationalität zu echauffieren, kann mir als hasenherzig ausgelegt
       werden. Trotzdem: Die sprachliche Bequemlichkeit spricht für mich nicht für
       eine Weltoffenheit, sondern für einen lazy excuse – für Denkverweigerung.
       
       25 Apr 2026
       
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