# taz.de -- Stand-up-Comedy in Berlin: Very funny
       
       > In Berlin wird gern und viel auf Englisch gelacht. Die größte
       > englischsprachige Comedyszene der EU findet sich in der Stadt. Aber warum
       > gerade hier?
       
 (IMG) Bild: Wichtiges Werkzeug für eine gute Punchline: das Mikrofon
       
       „Eigentlich komme ich aus der Ukraine… aber, nur um sicher zu gehen, lass
       mich kurz die News nochmal checken.“ So beginnt Dima Watermelon seine
       fünfzehn Minuten Stand-up-Comedy in der kleinen Neuköllner Kneipe. Er sagt
       das aber nicht auf Deutsch, er spricht Englisch.
       
       Der gebürtige Ukrainer ist einer von sieben Comedians, die an diesem Abend
       im „Sisyfass“ auftreten. Und die Open-Mic-Night hier ist nur eine von
       immerhin zwanzig englischsprachigen Comedy-Veranstaltungen, die an dem Tag
       in der Stadt stattfinden. Von kleinen Bühnen in beschaulichen Kneipen bis
       zu großen Shows in eigenen Clubs ist da alles dabei. In Berlin ist über die
       letzten zwanzig Jahre die größte englischsprachige Comedyszene des
       europäischen Festlands gewachsen. Aber was führt die Witzbolde ausgerechnet
       zu uns?
       
       Caroline Clifford war eine der Ersten. 2011 zog sie aus London nach Berlin.
       Für sie begann es in Neukölln. Zu der Zeit kannte sie nur eine einzige
       wöchentliche Stand-up-Veranstaltung auf Englisch – im „Sameheads“. „Wie
       Wahnsinnige“ seien sie und ihre Freunde damals dann auch über andere
       Kneipen und Clubs hergefallen, sagt sie. Kein Ort, an dem ein Mikrofon
       stand, war vor ihnen sicher. Auch deutschsprachige Lesebühnen wurden so
       gekapert.
       
       Damals richtete die ausgebildete Web Developerin einen Newsletter für
       englischsprachige Comedy-Veranstaltungen in Berlin ein:
       [1][comedyinenglish.de]. Heute sind hier im Kalender an einem einzigen
       Montag etwa so viele Veranstaltungen wie früher in einer ganzen Woche
       notiert. Zwischen 5 und 25 Shows finden täglich statt, und es gibt wohl
       über 300 Comedians, die regelmäßig auftreten.
       
       „Das liegt an der riesigen Expat-Community“, meint Clifford. „Es sind
       einfach so viele hier. Und zwar so kreative Typen. So Leute, die wollen,
       dass jeder jeden Gedanken hört, den sie jemals hatten!“ Außerdem habe
       Deutschland keine eigene Stand-up-Tradition gehabt. Eine einzelne Person
       auf der Bühne, nur mit einem Mikrofon und ein paar Punchlines, also
       schlagkräftige Pointen: das war neu. Es kam aus den USA und England und
       schwappte nicht zuletzt durch Youtube und Netflix über Europa.
       
       „Die meisten Deutschen haben damals Stand-up auf Englisch gemacht, weil es
       auf Deutsch einfach nicht cool war“, erklärt Clifford. Dazu gehörte zum
       Beispiel auch Kinan AI, der heute im ZDF auftritt. Und der inzwischen auf
       deutschen Bühnen berühmte Alex Upatov antwortet auf Nachfrage: „Ich würde
       sagen, dass es die ganze deutsche Stand-up-Szene, so wie sie jetzt in
       Berlin, Hamburg, München und Leipzig existiert, ohne die englische Szene in
       Berlin nicht geben würde.“
       
       Wer sprachlich dann allerdings nicht so einfach in die deutsche Szene
       wechseln kann, hat es schwer in Berlin. Clifford ist eine von nur ganz
       wenigen, die von der englischsprachigen Comedy leben kann. Und ihr Geld
       macht sie nicht mit Auftritten, sondern mit Unterricht. 2016 gründete sie
       mit einem Freund die „Berlin Stand-up School“. Ein Kurs dauert sechs Wochen
       und hat zwölf Teilnehmer. Davon spricht in der Regel nur etwa ein Drittel
       Englisch als Muttersprache.
       
       ## Die Comedy lustiger machen
       
       Clifford wollte die englischsprachige Comedy lustiger machen: „Ich hatte
       die Nase einfach voll von schlechten Witzen.“ Alle fangen mit denselben
       Kalauern an. Sie nennt es das „Berlinbingo“: „Clubbing, Drogen, Polyamorie,
       Ausländerbehörde“.
       
       Im Sisyfass ist von diesem Berlinbingo wenig zu hören. Steph DePrez,
       eigentlich Opernsängerin, leitet mit ihrer ausgebildeten Stimme durch den
       Abend. Ab und zu versetzt sie ihre Witze mit kleinen Gesangseinlagen. Und
       auch die anderen Acts sind eher etwas schräg. Da geht es um Vaginalpilz,
       Osama bin Laden und Buddhismus. Nicht unbedingt ein Repertoire, mit dem man
       es bei einer deutschen Fernsehbühne zu tun bekommt.
       
       Nach Dima Watermelon aus der Ukraine treten noch Ori aus Israel, Sepideh
       aus dem Iran, Nav aus Indien und Sofia und Daniel aus den USA auf. Eine
       ganz normale Mischung für so einen Abend, sagt Steph DePrez. Die
       englischsprachige Szene in der Stadt ist international.
       
       Und wer lustig ist, ist in unseren Zeiten eben häufig auf der Flucht.
       
       Im Iran hätte Sepideh ihr Programm wie im Sisyfass nicht machen können.
       Auch dort gibt es inzwischen eine Stand-up-Szene. Aber die Comedians haben
       eine eigene Technik entwickelt: „Man darf vieles nicht explizit
       aussprechen, deshalb muss man lernen, es indirekt zu sagen“, erklärt sie.
       Das habe auch ihre englische Comedy beeinflusst. „Man sagt alles, um auf
       die Punchline hinzuarbeiten, aber man sagt nicht die Punchline, denn die
       Punchline ist illegal.“
       
       ## Witze unter der Dusche
       
       Heute arbeitet Sepideh tagsüber als Datenanalystin und zieht abends durch
       die Clubs. Stand-up-Comedian wollte sie schon als Kind werden. Sie erinnert
       sich, wie sie zum ersten Mal mit ihrem Bruder Stand-up schaute – eine Show
       von George Carlin, dem berühmten linken Stand-up-Comedian aus den USA.
       Danach fing sie damit an, nur für sich, Witze unter der Dusche zu erzählen.
       
       Sofia hat Arabisch gelernt und wollte eigentlich Übersetzerin werden,
       arbeitet jetzt aber als Softwaredesignerin. In die USA will sie nicht
       zurück, ohne erst einen europäischen Pass in der Tasche zu haben, mit dem
       sie zur Not wieder abhauen könnte. Auch für sie war der Duschkopf das erste
       Mikrophon. „Ich schaute Chris Rocks „Bigger and Blacker“ und das war's. Das
       war einfach das Eleganteste, was ich je gesehen hatte. Das wollte ich
       machen.“ Den Mut dazu fand die gebürtige New Yorkerin aber erst in Berlin.
       
       Wer in Berlin Stand-up lernt, beginnt früh, seine eigene Perspektive
       auszubilden und das zu erzählen, was ihm am Herzen liegt. Denn wie auf der
       Bühne geht es auch vor der Bühne unter den Zuschauern zu divers zu, etwa
       für Witze über Popkultur. Im Sisyfass sind es an dem Abend etwa acht
       Deutsche, zwei aus Brasilien, einer aus Mexiko und ein paar aus den USA.
       Bei einem solchen Publikum gibt es zu wenig geteilten kulturellen
       Hintergrund für spezifische Referenzen.
       
       Englischsprachige Comedians, sagt Sepideh, sind wagemutiger. „Einfach, weil
       wir expliziter sein müssen, damit man uns versteht.“ Dass sie nicht in
       ihrer Muttersprache auftritt, helfe ihr dabei: „Wörter, die ich auf Farsi
       nie sagen würde – zum Beispiel Sex –, haben auf Englisch viel weniger
       Gewicht für mich.“
       
       „Im Prinzip kann über alles gelacht werden“, sagt Ori, der selbst den Klub
       „Epic Comedy“ in Berlin-Mitte leitet. Erst mal ist nichts tabu. Und gerade
       die internationale Politik ist dann bei dem diversen Berliner Publikum ein
       Thema, das alle bewegt. Und deswegen auch oft besonders umstritten.
       
       Sofia – selbst Jüdin, die lange in der Westbank mit geflüchteten
       Palästinensern gearbeitet hat – erzählt einen langen Witz darüber,
       Buddhismus in Palästina zu verbreiten. Das könnte funktionieren, meint sie.
       Nur wären die Palästinenser vielleicht enttäuscht, dass das Hakenkreuz
       falsch herum gezeichnet ist.
       
       Nach ihr kommt Sepideh auf die Bühne und macht Witze über Israel und die
       USA. „Natürlich weiß ich, das bin Laden ein furchtbarer Typ war“, endet sie
       ihr Programm. „Ich denke nur, wir sollten Kunst vom Künstler
       unterscheiden…“
       
       Nach der Show lachen die beiden zusammen im Hinterzimmer der Kneipe.
       [2][Sie haben vor drei Jahren etwa zur gleichen Zeit mit Stand-up
       angefangen]. Beide wurden auch schon angefeindet. Sofia erzählt, nach ihren
       Witzen über Buddhismus und Palästina sei einmal ein Mann aus dem Publikum
       zu ihr gekommen und habe gesagt, ihre Comedy sei „widerlich“. Auch Sepidah
       hat so etwas schon erlebt. Nachdem sie sich erst über den Iran und dann
       über Israel lustig gemacht hatte, habe ihr ein Zuschauer an den Kopf
       geworfen: „Wenn sie das Mondlicht so sehr liebe, solle sie doch in den Iran
       zurückgehen.“
       
       ## Kein Auskommen
       
       Wer auf Englisch Witze reißt, findet heute in Berlin zwar leicht eine
       Bühne, aber nur schwer ein Auskommen. Es gibt keine Investoren, keine
       Netflix-Specials und keine Fernsehformate für englische Comedy. Das heißt,
       dass die vielen englischsprachigen Comedians, die Nacht für Nacht in den
       Berliner Kellern und Kneipen unterwegs sind, unter einer „gläsernen Decke“
       existieren. Von der englischsprachigen Comedy leben kann man nach wie vor
       nur in englischsprachigen Ländern.
       
       Steph DePrez träumt davon, dass einer der großen Streamingdienste die
       Berliner Szene entdeckt. Einmal im Monat, eine Stunde auf Netflix oder
       Amazon für diejenigen, die sich in den Bars am besten geschlagen haben. Das
       würde die Szene anspornen und auch das Niveau in neue Höhen treiben.
       
       Aber gerade, weil es so etwas nicht gibt, ist die Berliner Szene auch
       durchlässiger. Nirgendwo sonst könne man seine eigene Persönlichkeit so
       frei ausbilden, heißt es in der Szene. Und dass es kaum „Gatekeeper“ gäbe,
       wie die Leute genannt werden, die die Shows buchen. Man kann sehr viel
       ausprobieren, was einem in New York oder London längst ein Auftrittsverbot
       eingebracht hätte. „Uns hört ja nie jemand Wichtiges zu“, sagt Sofia. Weit
       ab von Markt und Erfolg herrscht in Berlin also noch immer Narrenfreiheit.
       
       23 Feb 2026
       
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