# taz.de -- Buch über das jüdische Erbe Halberstadts: Es brauchte mehr als ein Ideal
       
       > Wie wurde in der DDR und danach mit jüdischem Kulturerbe umgegangen?
       > Philipp Graf versucht am Beispiel Halberstadts eine Antwort zu finden.
       
 (IMG) Bild: Halberstadt 1987. Kinder spielen auf dem Gelände der ehemaligen großen Synagoge Bakenstraße
       
       1949, im Gründungsjahr der DDR, wurde auf dem Gelände des ehemaligen
       Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine
       Gedenkstätte eröffnet. Sie sollte an die Opfer der kräftezehrenden und
       todbringenden Untertagearbeit in der Rüstungsproduktion erinnern.
       
       Zwanzig Jahre später musste die Anlage neu konzipiert werden, sie
       entspreche nicht mehr den Anforderungen der „Erziehung der jungen
       Generation zu jungen Revolutionären im Geiste des proletarischen
       Internationalismus und sozialistischen Patriotismus“, hieß es. Zu dieser
       Erziehung gehörten Gelöbnisse, sie brauchten einen Ort, eine
       Aufmarschfläche. Gefunden wurde sie auf den Gräbern der Häftlinge. Ein
       weiteres Jahrzehnt später wurde das Stollensystem als militärisches
       Vorratslager der Nationalen Volksarmee der DDR genutzt.
       
       Mit dieser markanten Schilderung bringt der Historiker Philipp Graf in
       seinem mittlerweile in zweiter Auflage erschienenen Buch „Ausgeschlagenes
       Erbe. Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR“ [1][die Problematik
       des DDR-Antifaschismus] auf den Punkt. Dieser deutsche Staat, der sich
       dezidiert als antifaschistischer verstand, wurde von Akteuren geleitet, die
       nicht verstanden, dass dieses Ideal mehr benötigte, als von oben verordnet
       zu werden. Die Folgen dessen legt Graf in neun Kapiteln dar, zu denen ein
       umfangreiches, kommentiertes Quellen- und Literaturverzeichnis und ein
       Vorwort der Historikerin Yfaat Weiss hinzukommen.
       
       ## Halberstadts Zerstörung begann 1938
       
       Im Fokus von „Ausgeschlagenes Erbe“ stehen die enteigneten, vertriebenen
       und ermordeten Angehörigen der Jüdischen Gemeinde Halberstadts, die seit
       dem 19. Jahrhundert als Zentrum der Neo-Orthodoxie religiöse Gesetzestreue
       und Integration in die Gesellschaft zu verbinden suchte. Graf schildert mit
       deutlicher Anteilnahme und lesbarer Eindringlichkeit, wer und was dort
       zuerst zerstört, vernichtet und dann pragmatisch vergessen wurde: ein
       florierendes soziales, ökonomisches und kulturelles Gefüge, für das Namen
       von Familien wie Auerbach, Dessauer und Crohn als beispielhaft gelten
       können.
       
       Der Ausgangspunkt von Grafs Untersuchung ist der Verkauf der Halberstädter
       Rathauspassagen 2018 an eine Immobilienholding mit jüdischen Eigentürmern,
       worauf im städtischen Geraune von einem Ausverkauf an „die Juden“
       gesprochen wurde.
       
       Das Gebäudeensemble steht nicht irgendwo, sondern bildet zwischen Holz- und
       Fischmarkt das wiederaufgebaute Stadtzentrum, dessen historischer Vorläufer
       kurz vor der Befreiung vom Faschismus dem Krieg zum Opfer fiel. Für die
       Domstadt traumatisch, doch die „Zerstörung Halberstadts begann nicht mit
       der ersten Bombe, die den Luftangriff am 8. April 1945 einleitete“, zitiert
       Graf den Pfarrer der Liebfrauenkirche, Martin Gabriel: „Sie begann mit der
       Zerstörung der Halberstädter Synagoge in der Pogromnacht des November
       1938!“
       
       ## Aus der Kurzwarenhandlung Sternglanz wird Friseur Schröder
       
       Diese Sätze fielen am 8. April 1982 anlässlich der Einweihung des Mahnmals
       für die Juden Halberstadts vor dem Dom, dort, wo sich 1942 die letzten
       Verbliebenen zu ihrer Deportation einfinden mussten. Zwei Jahre darauf
       wurde Pfarrer Martin Gabriel noch in die Wehrmacht eingezogen. Im
       Halberstadt, in das er zurückkehrte, war aus der Elektro- und
       Fahrradhandlung Ernst Karliners ein Bandagengeschäft und aus der
       Kurzwarenhandlung der Familie Sternglanz der Friseur Schröder geworden. Als
       1961 der Textilienhändler Willy Calm auf dem jüdischen Friedhof an der
       Quenstedter Straße begraben wurde, ging mit ihm auch der letzte Überlebende
       und offizielle Ansprechpartner.
       
       Diesem ausgeschlagenen Erbe, die Doppeldeutigkeit des Buchtitels ist
       wörtlich zu nehmen, ist Philipp Graf in Archiven und Statistiken, in
       Interviews und Memoiren, in Fachliteratur und Belletristik auf der Spur. Er
       wird fündig. Leider jedoch bewahrt ihn seine Akribie nicht vor
       Pauschalisierungen, die in dem Urteil gipfeln: „Wenn man so will, gab es
       für die DDR kein jüdisches Kulturerbe.“
       
       ## Lin Jaldati, Peter Edel, Jurek Becker
       
       Es gab sehr wohl ein immaterielles Erbe, etwa die drei in Ost-Berlin
       erschienenen LPs von Lin Jaldati. Die holländische Widerstandskämpferin war
       1952 in die DDR gezogen. Zu ihrer Geschichte gehört allerdings auch, dass
       Jaldati nach dem Sechstagekrieg bis Mitte der Siebzigerjahre aus sämtlichen
       Radio- und Fernsehsendungen der DDR herausgeschnitten wurde.
       
       Neben Jaldatis Platten seien Romane gelegt wie „Die Bilder des Zeugen
       Schattmann“ des Auschwitz-Überlebenden Peter Edel oder „Jakob der Lügner“
       von Jurek Becker, aufgewachsen im Ghetto von Łódź. Beide sind 1969
       veröffentlicht worden. Viele weitere Beispiele könnten genannt werden.
       
       Rechter und sich links gebender Autoritarismus und Antisemitismus gehören
       analysiert und bekämpft. Die Werkzeuge dafür gab es 1949 und 1989, als
       jeweils einige von ihnen leichtfertig in die Tonne getreten worden sind:
       1949 wurde die Analyse des Faschismus auf dessen ökonomische Basis
       verkürzt; 1989 wurde die materialistische Analyse gänzlich abgewickelt. Wer
       alte analytische Konzepte jedweder Couleur heute anwendet, kommt um eine
       Inspektion nicht herum. Möge Philipp Grafs Buch, das sein Verfasser einen
       Essay nennt, Anregung dazu sein.
       
       7 May 2026
       
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