# taz.de -- Ein Theater der Revolution: Die Sehnsucht nach Freiheit
> Theater mit Straßenkindern: Dafür schätzten Brecht und Benjamin die
> lettische Künstlerin Asja Lãcis. Ihr gilt eine Ausstellung in Berlin.
(IMG) Bild: Chto Delat, Performance „Lob der Dialektik“, 2006 in St. Petersburg
Sie war begeistert von der Revolution. „Als ich die ersten Aufrufe „An
alle, an alle“, unterzeichnet von Lenin, an den Mauern der Häuser las, war
ich ganz für die Sowjetmacht. Ich wollte ein guter Soldat der Revolution
sein und unter ihrer Führung das Leben verändern“, erinnerte sich Asja
Lãcis später an die Jahre 1918/19, als sie in der russischen Stadt Orel ein
proletarisches Kindertheater gründete. Sie beschreibt die Begegnung mit
obdachlosen Straßenkindern, verwahrlost, arm, hungrig, „Opfer des
Weltkriegs und des Bürgerkriegs“, die sich mit Stöcken bewaffnet zu Banden
zusammenschlossen. Sie stahlen, um zu überleben.
Sie erzählt, wie sie mit den Kindern improvisiert: Denkt euch, ihr seid
eine Räuberbande im Wald und plant eure Taten. Schnell beginnen die
Kinderbanden zu renommieren und sich mit Grausamkeiten zu übertreffen. Doch
mit diesen Improvisationen hatte Lãcis auch einen Zugang zu ihnen gefunden.
Mit diesem Ansatz begeisterte sie wenig später in den 1920er Jahren auch
[1][Bertolt Brecht und Walter Benjamin in Berlin.] Mit beiden arbeitete sie
zusammen.
Theatermacherin, Revolutionärin, Liebhaberin, Mitarbeiterin, Feministin,
Aktivistin: Es gibt viele Labels, unter die man Asja Lãcis heute packen
kann. Doch es ist weniger ihre aufregende Biografie als vielmehr ihre
künstlerische Praxis, die Konstanze Schmitt und Mimmi Woisnitza bewogen
haben, ihr eine Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg zu widmen. Konstanze
Schmitt ist selbst Theatermacherin, Mimmi Woisnitza
Theaterwissenschaftlerin. In den kleinen Kabinetten am Rande des Kunstraums
Kreuzpark breiten sie aus, was sie über Lãcis Leben gefunden haben: in
Archiven in Riga, in der Akademie der Künste in Berlin, in Filmen aus der
DDR. Dort kann man lesen, Interviews hören, Dias betrachten.
In den größeren Räumen dazwischen aber ist die Bühne frei für künstlerische
Akteure, die heute den Zielen nachstreben, die Lãcis bewegten: die Kunst
gegen die Erstarrung von Institutionen einsetzen. Menschenmassen bewegen.
Kollektive bilden. Den Zusammenfluss von Kunst und Leben suchen. In jedem
schöpferische Instinkte wecken. So kann man es in Lãcis' Manifest für eine
neue Theaterkunst von 1921 lesen, dessen erster Satz, „Die Kunst ist kein
Ziel für sich“, der Ausstellung ihren Titel gab.
## Kunst als Helfer und Freund der Kämpfenden
An einer Wand mit vielen kleinen Schattenfiguren stellen Mirja Reuter und
Florian Gass Elemente eines Stücks vor, das sie mit Kreuzberger
Grundschüler:innen erarbeitet haben. Sie bauten die Bühne mit den
Kindern, entwarfen die Figuren, eigneten sich den Stoff jenes Stücks, das
Lãcis vor über 100 Jahren mit Straßenkindern spielte, in Improvisationen
neu an.
Im Raum gegenüber findet sich eine Holzscheibe mit Diagrammen zur
Privatisierung, Gentrifizierung, Wohneigentum. Zusammen mit einem
konstruktivistischen Bühnenpodest, das während der Ausstellung
unterschiedlich bespielt wird, stammen sie aus einer [2][Protestoper des
Kollektivs Lauratibor], die 2020 im Reichenberger Kiez zum Kampf gegen
Maximilius Profitikus aufrief.
„In dieser Zeit der Kämpfe muss die Kunst Helfer und Freund der Kämpfenden
sein“, schrieb Lãcis in ihrem Manifest. Das Kollektiv [3][Chto Delat], das
sich 2003 in St. Petersburg gründete und seit dem russischen Angriffskrieg
gegen die Ukraine im Exil lebt, schrieb Zeilen aus Brechts Gedicht „Lob der
Dialektik“ auf Schilder: „Wer wagt zu sagen: Niemals“ ist etwa zu lesen.
Auf Fotografien sieht man die Künstler:innen damit bei Umzügen in St.
Petersburg (2006) und Berlin (2026).
Die aktivistische Kunstpraxis der Gegenwart findet so in Asja Lãcis eine
Vorläuferin. Aber auch deren eigenes Leben wird von Künstler:innen
bearbeitet. Lãcis' Begeisterung für die Sowjetmacht erlitt spätestens dann
einen Bruch, als sie 1938 vom NKDW verhaftet wird und für zehn Jahre in ein
Arbeitslager in Kasachstan kommt. Dort, wo einige ihrer Prozessakten
dokumentiert sind, redet in einem Video die Künstlerin Luise Schröder mit
der Philosophin [4][Bini Adamczak] über die Widersprüche der Revolution.
## Unabhängigkeit und großes Selbstbewusstsein
Lãcis lebte eine erstaunliche Unabhängigkeit. Sie kam aus einer
proletarischen Familie, ihre vielen Reisen, die sie zur Mittlerin zwischen
Kunstszenen in Moskau, Riga und Berlin machten, setzen großes
Selbstbewusstsein voraus. Sie hatte viele Liebhaber und Arbeitspartner;
dass Walter Benjamin unter ihnen war, trug im Übrigen zu ihrer
Wiederentdeckung in Deutschland bei. Ihre Tochter, die sie bei vielen
Reisen mitnahm, warf der Künstlerin später vor, eine schlechte Mutter
gewesen zu sein.
Das griff die Rigaer Autorin Inga Gaile in einem Theaterstück auf über die
ökonomischen und sozialen Probleme, Kunst, Kinder und Unabhängigkeit unter
einen Hut zu kriegen. Von den Noten der Internationalen begleitet, kann man
dazu einige Zeilen lesen: „Die schlechte Mutter fährt ins Ausland, denkt
überhaupt nicht an ihr Kind. (…) Die schlechte Mutter sieht nichts, hört
nichts, nimmt sich stets das größte Stück“. Der Lauratibor Kiezchor wird
Inga Gaile bei einer kollektiven Lesung des Stücks „Schlechte Mutter“ am
23. April begleiten. Wie überhaupt viele Aufführungen und Workshops der
beteiligten Künstler:innen die Ausstellung auch zu einem Begegnungs- und
Arbeitsraum machen.
17 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ausstellung-zu-Brecht-und-Benjamin/!5455974
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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