# taz.de -- Kongress gegen die Wehrpflicht: Die Gesellschaft kriegsuntauglich machen
> Auf dem „Verweigert“-Kongress treffen streikende Schüler:innen und
> alte Hasen der Friedensbewegung aufeinander. Entsteht hier eine neue
> Bewegung?
(IMG) Bild: Das Symbol der DFG-VK ist eine zerbrochene Waffe
Eigentlich, so findet der Mann im Publikum mit der dicken Hornbrille,
müsste es andersrum sein. „Statt die Menschen zu verpflichten, ihr
Grundrecht auf Verweigerung zu beantragen, sollte sich jeder bereit
erklären müssen, für dieses Land zu sterben“, sagt er. Im Saal breite
Zustimmung. Nur eine kleine Ergänzung ist aus dem Publikum zu vernehmen:
„Zu töten! Man sollte sich bereit erklären müssen, für dieses Land zu
töten!“ Verweigern alleine reiche nicht aus, fährt der Mann mit Hornbrille
fort. Es brauche „eine breite Bewegung gegen die Militarisierung der
Gesellschaft“.
Eine solche Bewegung zu schaffen, war genau das Ziel des zweiten Kasseler
„Verweigert!“-Kongresses der DFG-VK am Wochenende, der Deutschen
Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner:innen. Im letzten Jahr
habe der Fokus darauf gelegen, wieder [1][Beratungsstrukturen für die
Verweigerung] zu schaffen, erklärte Yannick Kiesel von der DFG-VK der taz:
„In diesem Jahr wollten wir den Schulterschluss insbesondere mit der
Schulstreikbewegung gegen die Wehrpflicht stärken.“
Dafür hatte die DFG-VK Organisationen aus den verschiedenen Spektren der
pazifistischen und antimilitaristischen Bewegung eingeladen – von der
evangelischen Kirche bis zum linksradikalen Bündnis Rheinmetall Entwaffnen.
Entsprechend durchmischt war die Konferenz: Alte Hasen mit wilden Bärten
und bunten Wollpullis tummelten sich neben Teenagern in
Adidas-Trainingsjacken und Kufijas. Viele der Jüngeren sind in
sozialistischen Jugendorganisationen aktiv, die die Schulstreikbewegung
gegen die Wehrpflicht prägen.
Dass die klassische Friedensbewegung Anschluss an die Jungen suchen, ist
kaum verwunderlich. Denn die Bewegung hat mit großen Herausforderungen zu
kämpfen: Sie ist überaltert, in Sachen Ukrainekrieg zerstritten – und
zunehmend isoliert in einer Gesellschaft, in der Wehrpflicht und Aufrüstung
mehrheitsfähig geworden sind. Viele setzen ihre Hoffnung deshalb auf die
Jugend. Denn unter denjenigen, [2][die im Zweifelsfall tatsächlich kämpfen
müssten, wird die Wehrpflicht weiterhin eher abgelehnt.]
## Schulstreiks in 140 Städten
Das schlägt sich auch auf der Straße nieder. Zum zweiten Schulstreik gegen
Ende März haben sich laut Organisator:innen über 50.000 Menschen in
140 Städten beteiligt. Der nächste Schulstreik ist zum 8. Mai angekündigt,
dem Tag der Befreiung. „Ich wohne in Kiel und erlebe, dass sich gerade auch
in den ganzen kleinen Käffern an der Westküste Streikkomitees bilden“, sagt
die 17-jährige Karla Weber am Rand der Konferenz zur taz, die in ihrer
Schule in der Streikleitung sitzt. Ihren echten Nachnamen möchte sie nicht
in der Zeitung lesen.
Zur Mobilisierung beitragen tun derzeit dabei [3][ausgerechnet vor allem
diejenigen, die mit der Bewegung eigentlich gar nichts anfangen können]. So
etwa die Berliner Polizei, die auf der dortigen Anti-Wehrpflichts-Demo
Anfang März einen Schüler zeitweise festgenommen hatte, weil dieser ein
Plakat mit der Aufschrift „Merz leck Eier“ hochgehalten hatte.
Schon auf der Berliner Demo war der Spruch umgewidmet worden: „Welchen
Monat haben wir?“, rief ein Redner von der Bühne – [4][„März!“, antworteten
die Schüler:innen, und dann: „Leck Eier!“.] Auf Tiktok finden sich nun
etliche Clips: Ganze Konzerthallen brüllen den Spruch aus vereinter Kehle,
auf Google Maps hat jemand deutschlandweit CDU-Parteibüros in „Eierhäuser“
umbenannt, die Kasseler Rapperin Vita hat dem Spruch einen Song gewidmet.
Die Domain leck-meine-eier.de führte zeitweilig zur offiziellen Biografie
von Friedrich Merz.
Aber reicht dieses Momentum? Nicht zu unterschätzen sei, dass es mit
Fragebögen und Musterungen nun eine klare persönliche Betroffenheit gebe,
sagte ein Aktivist vom Bündnis Rheinmetall Entwaffnen beim
„Verweigert!“-Kongress am Samstag. Es gäbe einen realen Widerspruch. Das
Militär solle wachsen, aber es wollten nicht genügend junge Leute. „Deshalb
bereiten sie die verpflichtende Wehrpflicht vor“, ist er überzeugt.
## Solifonds gegen Kriegsdienstverweigerung
Wie dieser Impuls aber zu einer breiten Bewegung werden soll, darüber gab
es verschiedene Ansichten. Wolfgang Burggraf von der [5][Evangelischen
Arbeitsgemeinschaft Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK)] betonte,
für die Kirchen gehe es um das Gewissensrecht auf individuelle
Kriegsdienstverweigerung. Die vielen Leute, die sich derzeit in den Kirchen
beraten ließen, seien keine gefestigten Antimilitarist:innen.
Bei den Jüngeren wurde da Unmut laut. Die Schülerin Karla Weber sagte, ihre
Erfahrung sei, dass bei den Schüler:innen aus dem „individualistischen
Grundgedanken, nicht für diesen oder irgendeinen Staat sterben zu wollen“,
schnell ein „erweitertes politisches Bewusstsein“ erwachse. Es gelte
deshalb, sich viel stärker an den Schulen zu verankern – und andere soziale
Kämpfe einzubeziehen. Ihre Devise: „Wenn wir gegen sozialen Kahlschlag und
für Arbeiter:innenrechte kämpfen, können wir eine antimilitaristische
Massenbewegung auf die Beine stellen.“
Da musste selbst der Aktivist von Rheinmetall Entwaffnen etwas bremsen.
„Ich bewundere euren Elan und eure Energie“, sagte er. „Aber wir dürfen
nicht vergessen, dass wir in Zeiten der Regression leben.“ Die Bewegung
müsse sich darüber im Klaren sein, dass es momentan eher nach stärker
werdenden Repressionen gegen Kriegsdienstverweiger:innen aussehe.
Am Sonntag stellten DFG-VK und Rheinmetall Entwaffnen dann auch gleich
Pläne für [6][einen spendenfinanzierten „Verweigert!-Solifonds“] vor. Mit
diesem sollen Menschen unterstützt werden, die den Fragebogen der
Bundeswehr nicht beantworten, nicht zur Musterung erscheinen oder nach
Protestaktionen mit der Polizei Stress bekommen. „Für uns ist das ein
erster Schritt, um die Strukturen zu schaffen, auf der eine breite
Widerstandsbewegung aufbauen kann“, sagte Yannick Kiesel von der DFG-VK.
12 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kriegsdienstverweigerung-Wie-man-am-besten-vorgeht-wenn-man-nicht-zum-Bund-will/!6167908
(DIR) [2] https://www.dezim-institut.de/presse/junge-generation-lehnt-wehrdienst-klar-ab-aber-breite-unterstuetzung-fuer-ein-pflicht-gesellschaftsjahr/
(DIR) [3] /Schulstreiks-gegen-Wehrpflicht/!6159240
(DIR) [4] https://www.tiktok.com/@mal_eleve/video/7613867694013697302
(DIR) [5] https://www.eak-online.de/
(DIR) [6] https://soli-fonds.dfg-vk.de/
## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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