# taz.de -- Schulstreik gegen Wehrpflicht: Fridays for Frieden
> In vielen Städten wurde am Freitag gegen die Wehrpflicht gestreikt. Linke
> Jugendgruppen prägen den Protest, die Dynamik der Klimastreiks ist aber
> nicht in Sicht.
(IMG) Bild: Den Kanzler im Visier: „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ in Hamburg
Die Polizei wenigstens ist pünktlich. Zu Beginn des dritten
[1][Schulstreiks gegen Wehrpflicht] in München haben sich bereits mehrere
Polizei-Transporter am Rande des Rotkreuzplatzes aufgestellt. Knapp 20
Beamte stehen am Freitagmorgen herum, flanieren über den Platz, widmen sich
ihren Kalt- und Heißgetränken und informieren fragende Passanten, dass hier
gerade eine Demo stattfindet.
Diese Information ist tatsächlich hilfreich, denn außer der Präsenz der
Polizei und ein paar jungen Leuten, die sich auf dem Platz befinden und zum
Teil Palästinensertücher tragen, deutet zunächst nichts auf eine
Demonstration hin. Das ändert sich im Lauf der Zeit. Aus einem Dutzend
werden zwei, und nach einer Stunde dürften sich schon vierzig bis fünfzig
Demonstrantinnen und Demonstranten auf dem Platz eingefunden haben. Eine
größere Gruppe kommt zudem gerade vom U-Bahnhof herauf.
An die 600 Schüler, die beim ersten Schulstreik im Dezember gewesen sein
sollen, kommt das Häufchen jedenfalls nicht heran. Und Vergleiche mit dem
offensichtlich als Vorbild dienenden, bewährten Format der Klimastreiks
scheinen ohnehin absurd. Zur Einordnung: In München besuchen rund 168.000
Kinder und Jugendliche eine öffentliche Schule.
[2][Hintergrund der Streiks] ist das im Dezember vom Bundestag
verabschiedete Gesetz „zur Modernisierung des Wehrdienstes“. Es sieht
grundsätzlich die Wiedereinführung der Musterung vor. Ab Juli 2027 sollen
danach Männer, die seit dem 1. Januar 2008 geboren wurden, gemustert
werden. Seit Beginn dieses Jahres bereits erhalten alle 18-Jährigen einen
Fragebogen, der von Männern ausgefüllt werden muss. Darin wird auch die
grundsätzliche Bereitschaft zum Wehrdienst abgefragt. Medienberichten
zufolge sollen bislang nur 72 Prozent der angeschriebenen Männer dieser
Pflicht nachgekommen sein. Von diesen allerdings hätte die Hälfte
signalisiert, sich grundsätzlich vorstellen zu können, den Wehrdienst
abzuleisten. Im Dezember und März gab es deshalb bereits bundesweit
Schulstreiks, die sich gegen diese Light-Variante der Wehrpflicht wandten,
an diesem Freitag findet der dritte statt. Laut Website der Initiative soll
es Streiks in 136 Städten geben.
## Merz an die Ostfront
Die Sonne scheint am Rotkreuzplatz, im Schatten der Ahornbäume ist es
dennoch frisch. Inzwischen haben sie auch einen Pritschenwagen auf den
Platz gefahren. Er steht gleich hinter dem Gemüsestand. Als die
Verstärkeranlage aufgebaut ist, kündigt eine junge Frau an, in einer Stunde
werde es Reden geben, danach werde man zum Rosa-Luxemburg-Platz
marschieren. So einen Platz gibt es in München tatsächlich – gleich in der
Nähe der Leonrodplatzes, versteckt hinter dem Neubau des neuen Münchner
Strafjustizzentrums.
Am Rand werden Klapptische aufgestellt, mit Flyern und einschlägiger
Lektüre. Die DKP-nahe Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ)
präsentiert sich, der Jugendverband des BSW, aber auch die Linksjugend
solid.
An einem der Tische hat sich eine ältere Dame gerade auf ein Gespräch mit
drei jungen Aktivisten eingelassen. Es sei Fakt, dass die EU militärisch
viel stärker sei als Russland, erklären sie der Frau. Die Angst vor
Russland diene doch nur als Vorwand, um das Land weiter aufzurüsten.
Deutschland habe Russland im 20. Jahrhundert zweimal angegriffen, die
Geschichte habe also eindeutig gelehrt, von wem die Gefahr ausgehe. „Wir
können nicht erwarten, dass es diesmal anders ist als im Ersten oder
Zweiten Weltkrieg.“ Die Dame scheint verwirrt, wendet ein: „Aber dem Putin
kann man doch nicht trauen.“ Dem Merz aber erst recht nicht, antwortet man
ihr. Anders als der Westen, so die Aktivisten, verfolge Putin schließlich
keine expansive Politik, welchen Grund sollte er also für einen
Militärschlag gegen die EU haben.
Ein paar Meter hinter ihnen entrollt ein junger Mann gerade ein
Transparent, auf dem steht: „Merz, stirb selbst an der Ostfront!“ Eine
junge Frau geht zu ihm, spricht mit ihm, woraufhin er das Transparent
schnell zusammenfaltet. Schon beim letzten Schulstreik im März soll ein
Schüler festgenommen worden sein, der ein Schild mit diesem Spruch trug.
Nach der Demonstration werden die Veranstalter mitteilen, dass die Polizei
wieder eine Person wegen des Transparents in Gewahrsam genommen habe.
## Gegen die Bourgeoisie
Andere haben inzwischen ihre Fahnen und Schilder ausgepackt. „Klassenkampf
statt Vaterland“ steht auf mehreren. Oder: „Rüstungskonzerne entwaffnen.“
Auch Hammer und Sichel sind zu sehen oder eine Fahne, auf der nur ein Wort
steht: „Revolution“. Für viele, das ist offensichtlich, geht es um mehr als
die Ablehnung der Wehrpflicht. Am Pritschenwagen hängt inzwischen ein
Transparent der Münchner Verdi-Jugend. „In den Krieg zieh’ ich nie“, steht
darauf, „außer gegen die Bourgeoisie.“ Klassenbewusstsein wird hier
großgeschrieben. Um Schulklassen geht es dabei allerdings eher weniger.
Die Demonstrantinnen und Demonstranten fahren, man kann die Metapher kaum
vermeiden, schwere Geschütze auf: „Was sind ein paar Fehlstunden oder
schlechte Noten gegen 180 Tage Wehrdienst oder sogar der Tod im
Schützengraben?“, heißt es auf der Website der Initiative. Oder: „Wir
wollen nicht in einem Krieg für Deutschlands dritten Anlauf zur Weltmacht
sterben.“Natürlich stellt sich die Frage, ob es zu dem Kriegsende, das sich
an diesem Freitag zum 81. Mal jährt und auf das die Streik-Organisatoren
explizit Bezug nehmen, tatsächlich ohne militärischen Druck gekommen wäre.
Für die Organisatoren jedoch scheint festzustehen: Den Befürwortern der
Wehrpflicht in der Bundesregierung geht es nicht um die Verhinderung eines
Krieges, nicht einmal um Verteidigungsfähigkeit im Falle eines Falles,
sondern um Krieg. Und ihre Kinder sollen das „Kanonenfutter“ dafür sein.
Das radikale Wording darf nur bedingt verwundern. So gibt die Initiative
nach [3][Recherchen des Hessischen Rundfunk] zwar vor, eine spontane
Schülerbewegung zu sein, in Wirklichkeit aber wirkten die Deutsche
Kommunistische Partei (DKP) und ihre Jugendorganisation SDAJ maßgeblich auf
das bundesweite Netzwerk ein. Durch die Proteste gegen die Wehrpflicht
fühlten die Organisationen sich nun im Aufwind. Der HR weist zudem darauf
hin, dass sich das Personal, das hinter den Streiks stehe, stark mit der
Mitgliedschaft der SDAJ decke.
## Eine „breite Bewegung“?
Wer hinter dem Streik steht, darüber gibt es auf der Website keinerlei
Hinweise. Nur den Namen Moritz Nagel, der im Impressum steht. Als weiterer
Initiator tritt vereinzelt Hannes Kramer in Erscheinung und gibt
Interviews. Schüler ist er nicht, sondern laut „Tagesschau“ ein Student aus
Göttingen. Auch als Pressesprecher der Initiative wird er bezeichnet. Er
soll SDAJ-Mitglied sein.
Vereinzelt findet man immerhin Gruppierungen, die sich zu den Streiks
bekennen. So unterstützen die Junge GEW, die Jugendorganisation der
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, ein Verein, der sich schlicht
Internationaler Jugendverband nennt, das BSW sowie diverse Orts-, Kreis-
und Landesverbände der Linken die Kampagne.
[4][Auf Anfrage der taz teilten die Organisatoren jedoch mit, man sei eine
breite Bewegung, bei der alle, die gegen die Wehrpflicht sind, mitmachen
könnten.] Die Bewegung sei „eine Selbstorganisation von Schüler*\innen, die
auf den bundesweiten Konferenzen Forderungen und nächste Schritte
festlegt“. Viele davon seien zwar auch anderweitig politisch aktiv und
brächten ihre Erfahrungen mit ein, aber das sei ja nur selbstverständlich.
Es seien übrigens auch Teile der Grünen Jugend und der Jusos Teil des
Bündnisses.
Und damit ab zum Rosa-Luxemburg-Platz.
8 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schulstreiks-gegen-Wehrpflicht/!6159240
(DIR) [2] /Schulstreik-gegen-Wehrpflicht/!6159730
(DIR) [3] https://www.hessenschau.de/schulstreik-gegen-wehrpflicht-linksextreme-steuern-schueler-demos-v1,schulstreik-einfluss-linksextremismus-dkp-sdaj-100.html
(DIR) [4] /Kongress-gegen-die-Wehrpflicht/!6169876
## AUTOREN
(DIR) Dominik Baur
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