# taz.de -- Internet-Suche im Wandel: „Japan wird gehyped, weil ChatGPT dieses Land pusht“
       
       > Künstliche Intelligenz lässt klassische Suchmaschinen nicht aussterben,
       > sagt Forscherin und Beraterin Sophie Hundertmark. Aber sie wird sie
       > verändern.
       
 (IMG) Bild: Suchen noch analog: Venus- und Herzmuschelfischer bei Ebbe an der französischen Atlantikküste bei La Baule im September 2023
       
       taz: Frau Hundertmark, was haben Sie zuletzt im Internet gesucht? 
       
       Sophie Hundertmark: Ich will eine Sprachreise machen und habe Informationen
       dazu gesucht.
       
       taz: Welchen Weg sind Sie dafür gegangen? 
       
       Hundertmark: Tatsächlich habe ich eine klassische Suchmaschine genommen.
       Ich nutze zwar durchaus auch KI-Chatbots wie ChatGPT oder Perplexity zum
       Suchen, aber ich empfinde deren Antworten häufig als einengend. Ich lasse
       mir ungern von einem KI-Chatbot sagen, wo ich Urlaub machen soll.
       Klassische Suchmaschinen geben mir mehr Wahlmöglichkeiten und nicht schon
       sofort die vermeintlich richtige oder beste Antwort. Aber Studien zeigen,
       dass KI-Chatbots immer stärker für Suchen genutzt werden. Je nach
       Untersuchung sind es bis zu 30 Prozent der Nutzer:innen. Und diese Menschen
       vertrauen den Systemen und kaufen, was ihnen dort vorgeschlagen wird, sehen
       die Filme oder reisen an die Orte, die ihnen der Bot empfiehlt.
       
       taz: Wie kommt das? 
       
       Hundertmark: Viele Menschen nutzen diese Systeme fast blind. Sie sind sich
       gar nicht bewusst, dass KI-Chatbots erstens häufig viele
       Falschinformationen generieren. Und dass sie zweitens nur eine sehr
       beschränkte Sichtweise auf die Welt wiedergeben. Nämlich basierend auf den
       Daten, mit denen sie trainiert wurden. Dabei können die Chatbots durchaus
       sinnvoll oder hilfreich sein, wenn man sich zum Beispiel einen Fachtext
       erklären lässt, den man sonst nicht verstanden hätte. Aber ihre Antworten
       einfach ungeprüft hinzunehmen, ist keine gute Idee.
       
       taz: Was würde gegen das blinde Vertrauen in Chatbots helfen? 
       
       Hundertmark: Erst mal was nicht helfen würde: ein Verbot. Nicht nur, weil
       Kinder und Jugendliche ganz sicher Wege finden würden, die Technologie
       trotzdem zu nutzen, sondern auch, weil sie hilfreich sein kann. Daher
       braucht es [1][Bildung], in Schulen und auch zu Hause. Und zwar Bildung,
       die gleichermaßen die Potenziale und Risiken zeigt.
       
       taz: Durch die KI-Chatbots könnte auch das erste Mal die Dominanz von
       Google im Suchmaschinenmarkt angekratzt werden. Was glauben Sie – ist
       Google in fünf Jahren noch Marktführer? 
       
       Hundertmark: Google hat mittlerweile sehr offensiv auch KI in seine
       Suchmaschine eingebaut. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass sie
       Marktführer bleiben, wenn es um die reine Suche geht. Ich glaube aber, dass
       sich drumherum etwas verschiebt: Momentan verdient Google viel Geld mit den
       Werbeeinnahmen über Anzeigen. Das wird zurückgehen, wenn die klassische
       Suchfunktion an Bedeutung verliert.
       
       taz: Und was könnte darüber hinaus passieren? 
       
       Hundertmark: Ich glaube, niemand kann sagen, was in zwei, drei Jahren auf
       uns zukommt, zumindest nicht seriös. Die technologische Entwicklung macht
       gerade alle paar Jahre Sprünge in eine Richtung, die kaum vorhersehbar ist.
       
       taz: Sie sind nicht nur Forscherin, Sie beraten auch Unternehmen dazu, wie
       sie ihre Sichtbarkeit in der neuen KI-Suchmaschinenwelt verbessern können.
       Welche Tipps haben Sie? 
       
       Hundertmark: Es sind zwei Dinge: Zunächst müssen Firmen oder auch NGOs ihre
       Inhalte wirklich sauber darstellen. Ich berate zum Beispiel eine Firma, die
       keinen Support per Telefon anbietet. Wenn jemand aber in ChatGPT danach
       sucht, [2][generiert der Bot einfach irgendeine Zahlenkombination] als
       vermeintliche Telefonnummer. Das ist natürlich Quatsch. Deshalb wäre die
       Lösung in diesem Fall, klar auf der Webseite zu schreiben, dass man keinen
       telefonischen Support anbietet.
       
       taz: Heißt das, Inhalte im Netz werden zunehmend nicht mehr für Menschen
       geschrieben, sondern für die Crawler, die für KI-Chatbots das Internet
       durchsuchen? 
       
       Hundertmark: Das kann durchaus mal der Fall sein. Aber im Fall der
       Telefonnummer profitieren ja auch die Kund:innen, wenn sie direkt sehen:
       Aha, hier muss ich eine Mail schicken mit meinen Fragen. Das wird
       vermutlich einige Menschen abschrecken, aber es ist ja trotzdem besser, das
       direkt zu wissen, als überrascht zu sein, wenn es mal ein Problem gibt.
       
       taz: Was raten Sie noch? 
       
       Hundertmark: Bei der klassischen Suchmaschinenoptimierung reichte es, die
       eigene Webseite so zu gestalten, dass sie hoch gerankt wird, also auf der
       Ergebnisseite weit oben auftaucht. Für KI-Chatbots sind weitere Quellen
       genauso wichtig: Webseiten, wo Kund:innen ihre Meinung schreiben können,
       Blogs von Dritten, Medienberichte. Zum Beispiel: Wenn ich oder auch andere
       Forschende ein Interview geben, dann ist das ja erst mal unbezahlte
       Arbeitszeit. Aber ich weiß: Es wird meine Sichtbarkeit in KI-Chatbots
       verbessern, wenn renommierte Medien über mich schreiben.
       
       taz: Mit der zunehmenden Nutzung von KI-Chatbots als Suchmaschinen werden
       menschliche Handlungen also stärker von diesen abhängig? 
       
       Hundertmark: Ja, manchmal habe ich schon das Gefühl, dass bestimmte Dinge
       nur gemacht werden, weil ChatGPT, Perplexitiy oder einer der zahlreichen
       anderen Bots sie gut finden. Das gilt aber auch umgekehrt: Menschen machen
       Sachen, weil ein KI-Chatbot sie als Antwort auf eine Frage vorgeschlagen
       hat.
       
       taz: Können Sie ein Beispiel nennen? 
       
       Hundertmark: Ich habe die Vermutung, dass der aktuelle Hype um Japan als
       Reiseziel damit zusammenhängt, dass ChatGPT dieses Land pusht. Überraschend
       wäre das nicht: Der Hype um Island vor einigen Jahren ist maßgeblich davon
       befeuert worden, dass Nutzer:innen auf Instagram Bilder von heißen
       Quellen gepostet haben. KI schreibt solche Entwicklungen fort und verstärkt
       sie. Wenn wir alle nur noch das machen, was KI-Chatbots vorgeben, dann
       [3][büßen wir nicht nur unsere kognitiven Fähigkeiten ein] – sondern auch
       unsere Wahlfreiheit.
       
       taz: Wie erlangen eigentlich NGOs oder kleine Firmen Sichtbarkeit in den
       Antworten von KI-Chatbots, die sich eine teure KI-Optimierung nicht leisten
       können? 
       
       Hundertmark: Für die ist die zunehmende Nutzung von KI-Chatbots für die
       Suche eigentlich eine gute Nachricht. Anders als für die
       Suchmaschinenoptimierung braucht man für die Sichtbarkeit in KI kein extra
       Budget. Zum Beispiel habe ich mir vor kurzer Zeit ein E-Bike gekauft. Ich
       wollte ein leichtes, das trotzdem schnell werden kann. Bei Google habe ich
       mit meiner Suche kein brauchbares Ergebnis bekommen. Aber ChatGPT hat mir
       eine kleine Firma aus der französischen Schweiz genannt, die genau solche
       Räder baut. Das ist ein sehr junges Unternehmen, das kein Budget für
       Marketing hat, für Google-Anzeigen oder Instagram-Kampagnen. Aber mit ihrer
       Nische haben sie es in die KI geschafft.
       
       taz: KI-Chatbots für die Suche könnten nur eine Art Zwischenstufe sein.
       Schon jetzt gibt es erste KI-Agenten, denen manche Nutzer:innen Zugriff
       auf ihren E-Mail-Account und ihr Bankkonto geben. Diese können dann etwa
       selbstständig das Abendessen planen und die Zutaten dafür bestellen. Was
       machen diese Technologien mit uns Menschen?
       
       Hundertmark: Wir geben damit immer mehr Verantwortung ab. Aus dem
       Geschäftsumfeld kennen das vielleicht einige, es ähnelt sehr dem Prinzip
       der Sekretärin oder des Assistenten. So gesehen ist es auch ein bisschen
       demokratisierend, dass jede und jeder jetzt so eine Hilfe haben kann. Aber:
       Hilfe kann auch abhängig machen. Wer sich darauf verlässt und verlernt,
       selbst einen Kalender zu führen, Flüge zu buchen oder einen
       Wochenendeinkauf zu planen, hat ein Problem, wenn der Dienst zum Beispiel
       mal nicht funktioniert. Wir dürfen Bequemlichkeit annehmen. Aber wir dürfen
       nicht die Kontrolle über unser Leben abgeben.
       
       20 Apr 2026
       
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