# taz.de -- Rentenpläne von Katherina Reiche: Malochen bis zum Umfallen
> CDU-Wirtschaftsministerin Reiche sagt: Die Deutschen leben länger, also
> sollen sie auch erst später in Rente gehen. Die Wirklichkeit sieht anders
> aus.
(IMG) Bild: Heiteres Daumenschrauben-Anziehen: CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche
Mehr arbeiten, länger arbeiten – und immer an die Wirtschaft denken:
Katherina Reiche lässt nicht locker. Am Freitag erklärte die
Bundeswirtschaftsministerin, dass jetzt mal Schluss sein müsse mit dem
deutschen Renten-Schlendrian. „Das Renteneintrittsalter muss behutsam, aber
verbindlich an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden“, forderte
die CDU-Politikerin in einem [1][Gastbeitrag für das Handelsblatt]. Anreize
für Frühverrentungen gehörten ohnehin abgebaut.
Reiches Einlassungen richten sich auch und vor allem an die von der
Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission, die ihre Vorschläge Ende Juni
vorlegen will. Sie fügen sich zugleich ein in das aktuelle schwarz-rote
Klagelied, die Deutschen arbeiteten zu wenig. Mit Blick auf das
Renteneintrittsalter gehen die vermeintlichen Lösungsansätze dabei im
Detail auseinander.
Während etwa Finanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil dafür plädiert, den
Renteneintritt [2][an die Dauer der Erwerbstätigkeit zu knüpfen], und damit
unter anderem auf Langzeitstudent:innen zielt, will Katherina Reiche,
dass generell alle Arbeitnehmer:innen später in Rente gehen, weil
generell [3][ja alle länger leben] würden.
Dass Geringverdiener laut Statistischem Bundesamt und Robert-Koch-Institut
eine um etliche Jahre kürzere Lebenserwartung als Besserverdiener haben,
folglich auch eine wesentlich kürzere Zeit von Rentenzahlungen profitieren,
scheint für die Ministerin nachrangig. Gleiches gilt für den Umstand, dass
die Menschen im Osten früher sterben als im Westen. So haben Männer mit 65
in Sachsen-Anhalt statistisch gesehen ganze zwei Jahre weniger Rentenzeit
bis zum Tod vor sich als in Baden-Württemberg.
## Alter Wein in neuen Schläuchen
Brandneu ist die Forderung von Katherina Reiche ohnehin nicht. Sie findet
sich bereits im 2024 verabschiedeten Grundsatzprogramm der CDU, nach langen
Auseinandersetzungen durchgeboxt von der Jungen Union. Auch Reiche hatte
sie in der Vergangenheit mehrfach wiederholt.
So sinnierte sie schon im Sommerloch des vergangenen Jahres darüber, dass
es „auf Dauer nicht gut gehen“ könne, „dass wir nur zwei Drittel unseres
Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen“.
Deutschland müsse sich der Realität stellen, befand die Ministerin in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Wir müssen mehr und länger arbeiten.“
Was die Länger-arbeiten-weil-länger-leben-Fraktion – auch jenseits der
regionalen Unterschiede – unterschlägt: Die Lebenserwartung der Deutschen
steigt überhaupt nicht in dem Maße wie behauptet.
Während das gesetzliche Renteneintrittsalter seit 2012 schrittweise erhöht
wird und ab 2031 bei 67 Jahren liegen wird, ist die Lebenserwartung für
ältere Menschen in der Zwischenzeit mitnichten ebenfalls gestiegen. Das
jedenfalls geht aus einer aktuellen [4][Antwort der Bundesregierung auf
eine Anfrage der Linksfraktion] hervor.
## Von wegen länger leben
Demnach hatten 65-Jährige zuletzt Aussicht auf weitere 19,4 Lebensjahre.
Dieser Mittelwert der Jahre 2022 bis 2024 lag nach einigen Schwankungen auf
demselben Niveau wie zehn Jahre zuvor: Auch im Dreijahresmittel 2012 bis
2014 waren es gerundet 19,4 Jahre. Parallel dazu verschob sich der
tatsächliche Rentenstart binnen zehn Jahren im Schnitt um gut 1,3 Jahre
nach hinten.
[5][Kritiker:innen der Rentenpläne] sehen sich dann auch bestätigt. Die
Linken-Abgeordnete Sarah Vollath, die die Anfrage gestellt hatte, sagte
dazu: „Selbsternannte Rentenexperten fantasieren sich seit Jahren die
Erzählung zusammen, dass die Lebenserwartung immer weiter steigt und die
Menschen viel zu früh in Rente gehen.“ Die Antwort der Bundesregierung
zeige dagegen: „Das stimmt einfach nicht.“
10 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastkommentar-nur-veraenderung-sichert-wohlstand-fuer-eine-wachstumsagenda/100215524.html
(DIR) [2] /Reformrede-des-SPD-Vorsitzenden/!6165700
(DIR) [3] /Rentenalter-und-Lebenserwartung/!6168018
(DIR) [4] /Rentenalter-und-Lebenserwartung/!6168018
(DIR) [5] /Angriffe-auf-den-Sozialstaat/!6147233
## AUTOREN
(DIR) Rainer Rutz
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