# taz.de -- Ärzte ohne Grenzen im Libanon: „Krankenhäuser sind kein sicherer Ort mehr“
       
       > In Südlibanon riskiert jeder Ersthelfer sein Leben. Luna Hammad,
       > medizinische Koordinatorin für Ärzte ohne Grenzen, über die Notlage der
       > Krankenhäuser.
       
 (IMG) Bild: Mitglieder des Zivilschutzes von Nabatieh bringen einen älteren Mann mit leichten Verletzungen auf einer Trage in Sicherheit
       
       taz: Frau Hammad, Sie haben das Krankenhaus in Nabatieh besucht, das größte
       staatliche Krankenhaus in Südlibanon. Wie ist dort die Lage?
       
       Luna Hammad: Es ist noch funktionsfähig, aber unter sehr schwierigen
       Bedingungen. Das Personal konzentriert sich auf Traumapatienten in der
       Notaufnahme. Manche Familien schlafen nachts in ihren Autos vor dem
       Krankenhaus, weil sie sich dort sicherer fühlen als zu Hause, wo sie
       jederzeit angegriffen werden könnten. Ältere Menschen, Frauen und Kinder
       kommen in die Notaufnahme und bitten darum, über Nacht bleiben zu dürfen,
       um sich zu schützen. Familienangehörige des Krankenhauspersonals leben auch
       dort: die Mutter der Krankenschwester, der Ehemann der Ärztin, Kinder oder
       der Bruder. Die Krankenhäuser in Südlibanon sind längst nicht mehr Orte, wo
       nur Patienten mit Kriegsverletzungen behandelt werden. [1][Sie sind zu
       Zufluchtsorten geworden].
       
       taz: Mit welchen Verletzungen kommen Menschen ins Krankenhaus?
       
       Hammad: Manche waren bei Angriffen in ihren Häusern. Sie werden mit
       multiplen Frakturen eingeliefert. Viele haben Schädel-Hirn-Traumata durch
       herabstürzende Zimmerdecken erlitten. Nach einer Explosion infolge eines
       Lufteinschlages kommen viele Patienten, die Splitter am ganzen Körper
       haben. Diese Splitter verursachen innere Blutungen. Das ist sehr kritisch
       und erfordert dringend chirurgische Eingriffe. Der Patient ist völlig
       instabil. Die Splitter dringen in den Körper ein, schädigen etwa Leber,
       Darm und Bauchraum.
       
       taz: Wie steht es um andere Krankenhäuser in Südlibanon?
       
       Hammad: Zwei Krankenhäuser an der Frontlinie sind außer Betrieb. Es gibt
       noch etwa fünf Krankenhäuser, die zwar noch funktionieren, aber nur noch
       als Traumazentren dienen. Dort werden Kriegsverletzte aufgenommen,
       stabilisiert und gegebenenfalls weitervermittelt. Für die 150.000 Menschen,
       die sich noch in Südlibanon aufhalten, werden keine weiteren Leistungen
       angeboten. Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck und Herzerkrankungen
       erhalten keine Medikamente, Schwangere keine Nachsorgeuntersuchungen.
       
       taz: Warum nicht?
       
       Hammad: Das Krankenhaus ist kein sicherer Ort mehr, um Patienten
       unterzubringen. Die medizinischen Teams in den Krankenhäusern befürchten,
       jederzeit einen Evakuierungsbefehl zu erhalten und dann keine stationären
       Patienten mehr oder nur schwer verlegen zu können. Im Falle einer
       Evakuierung stünden sie ohne Transportmittel und ohne geeignete
       Krankenwagen da, könnten Schwerverletzte nicht verlegen und müssten selbst
       fliehen. Risikoschwangerschaften werden nicht diagnostiziert. Weil
       Notunterkünfte überbelegt sind, können erkrankte Kinder nicht zeitnah
       behandelt werden.
       
       taz: Wie wirkt sich der Krieg psychologisch aus?
       
       Hammad: Die Auswirkungen sind enorm. Die Menschen leiden unter Stress,
       Angstzuständen und Traumata. Das betrifft nicht nur die Patienten, sondern
       auch das Gesundheitspersonal – und zwar sehr stark. Zum Beispiel, wenn sie
       erfahren, dass ein Kollege gestorben ist oder dass ihr Zuhause bombardiert
       wurde. [2][Jeder Rettungssanitäter, der im Einsatz ist, fürchtet um sein
       Leben.] Die Menschen leben in ständiger Angst und Unsicherheit.
       Gleichzeitig wollen sie ihrer Gemeinschaft dienen. Sie evakuieren nur bei
       einer unmittelbaren Bedrohung durch einen Angriff. Sie bleiben bis zum
       letzten Moment im Krankenhaus und arbeiten weiter.
       
       taz: Wie bedroht ist das Krankenhaus in Nabatieh? 
       
       Hammad: Vor einigen Wochen wurde das Krankenhaus zwar nicht direkt
       angegriffen, aber der libanesische Zivilschutz in der Nähe – eine
       medizinische Einrichtung. Mehr als die Hälfte des Zivilschutzteams wurde
       verletzt, einige kamen ums Leben. Das restliche Team ist nun in einem
       anderen Krankenhaus untergebracht, da ihr Stützpunkt vollständig zerstört
       wurde. Besonders alarmierend ist der fehlende Schutz des
       Gesundheitssystems. 75 Krankenwagen wurden angegriffen, 20 medizinische
       Einrichtungen beschädigt und 57 Rettungssanitäter getötet. Zuerst werden
       Menschen verletzt, dann wird das System, das sie versorgen soll, geschwächt
       oder zerstört. Selbst behandelbare Verletzungen können zum Tod führen. Das
       Gesundheitspersonal arbeitet zwar weiter, aber unter extremem Druck und mit
       viel Risiko.
       
       taz: Wie gewährleisten Sie die Sicherheit?
       
       Hammad: Es gibt keine Sicherheitsgarantie. Die Menschen kämpfen derzeit
       nicht nur um das Überleben der Angriffe, sondern auch um das Überleben
       [3][aufgrund von Vertreibung und fehlender Gesundheitsversorgung].
       
       taz: Über die UN können Koordinaten von humanitären Helfern oder
       Hilfskonvois an die libanesische Armee und die israelische Armee gegeben
       werden. Gibt Ärzte ohne Grenzen die Koordinaten weiter?
       
       Hammad: Nein. Ob Koordination oder nicht, es gibt keine
       Sicherheitsgarantie. Es handelt sich nicht nur um eine medizinische Krise,
       sondern um eine Krise der Sicherheit. Für den Süden und Nabatieh gilt ein
       allgemeiner Evakuierungsbefehl.
       
       taz: Den hat Israels Militär für die Bevölkerung ausgerufen. 
       
       Hammad: Sie meinen, dass Menschen die Verantwortung tragen, wenn sie dort
       bleiben. Aber das ist falsch. Viele haben keine andere Wahl, sie können
       nirgendwo anders hin.
       
       taz: Israel wirft den Sanitätern der Islamischen Gesundheitsbehörde
       Verbindungen zur Hisbollah vor.
       
       Hammad: Die Organisation der Rettungseinsätze erfolgt über das Lagezentrum
       für öffentliche Gesundheitsnotfälle unter der Leitung des libanesischen
       Gesundheitsministeriums. Gesundheitsdienstleister sind
       Gesundheitsdienstleister und müssen jederzeit geschützt werden. Sie dürfen
       gemäß dem humanitären Völkerrecht nicht angegriffen werden.
       
       taz: Israel hat die meisten Brücken über den Litani zerstört. Welche
       Auswirkungen hat das?
       
       Hammad: Diese abgeschnittenen Straßen erschweren den Zugang erheblich –
       nicht nur für medizinische Versorgung, sondern auch für Lebensmittel und
       andere lebensnotwendige Güter.
       
       taz: Kommt trotz der zerstörten Brücken Hilfe an? 
       
       Hammad: Der Zugang ist zwar nicht unmöglich, aber durch die
       [4][israelischen Angriffe auf die Infrastruktur und die Verbindungsstraßen]
       kompliziert und riskant. Wir arbeiten daran, Wege zu finden, um die
       Versorgung sicherzustellen. Ärzte ohne Grenzen ist in Tyros präsent und
       sucht nach Wegen, medizinische und nichtmedizinische Hilfsgüter zu
       verteilen.
       
       9 Apr 2026
       
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