# taz.de -- Schwarzfahrerin über Haftstrafe: „Ich bin keine notorische Schwarzfahrerin“
> Rosemarie Bringmann musste ins Gefängnis, weil sie ohne Ticket fuhr. Ihre
> Versuche, die Geldstrafe abzuarbeiten, scheiterten an einem gebrochenen
> Arm.
(IMG) Bild: Nicht alle Fahrgäste können sich ein gültiges Ticket leisten
taz: Frau Bringmann, muss das Fahren ohne Ticket entkriminalisiert werden?
Rosemarie Bringmann: Auf alle Fälle. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in
denen ich rechnen musste, ob ich mir ein Monatsticket leisten kann. Im
Moment ist es erschwinglich, in Berlin kostet das Sozialticket gerade 27,50
Euro. Aber je nach Budget schlägt das schon zu Buche, und es gibt immer
noch Menschen, die das nicht stemmen können.
taz: [1][Justizministerin Hubig hat sich gerade dafür ausgesprochen], das
Fahren ohne Fahrschein aus dem Strafkatalog zu streichen. Was würden Sie
der Ministerin gerne sagen?
Bringmann: Ich bin genau ihrer Meinung. Ich bin viel herumgekommen, ich war
in vielen Großstädten und kenne die Preise für Tickets in den verschiedenen
Städten, in Köln und Berlin zum Beispiel, aber auch in Mexiko-Stadt. Ich
finde unverhältnismäßig, was normalen Menschen abverlangt wird.
taz: Ein [2][Einzelfahrschein kostet in Berlin mittlerweile 4 Euro]. Eine
Zeit lang gab es während der Coronapandemie das 9-Euro-Ticket. Fanden Sie
das verhältnismäßig?
Bringmann: Ja, das war ja eine überschaubare Summe. Das habe ich mir
natürlich geholt.
taz: Vor dem 9-Euro-Ticket gab es mal eine Zeit, in der Sie sich nicht
regelmäßig ein Ticket leisten konnten.
Bringmann: Ich bin keine notorische Schwarzfahrerin. Ich hole mir immer als
Erstes ein Monatsticket. Aber damals war ich im Krankenhaus, und als ich
rauskam, war Mitte des Monats. Da hat sich ein Monatsticket nicht mehr
gelohnt, das hat damals noch 70 Euro gekostet. Also habe ich
Einzelfahrkarten gekauft. Ich war immer bestrebt, das zu stemmen. Aber
manchmal hat es mit dem Geld nicht hingehauen.
taz: Dennoch mussten Sie tatsächlich mal zur sogenannten
[3][Ersatzfreiheitsstrafe] ins Gefängnis, weil Sie mehrmals ohne Ticket
gefahren waren. Wie kam es dazu?
Bringmann: Erst habe ich einen Teil der Geldstrafe abbezahlt. Ich hatte
eine vom Jobcenter geförderte Maßnahme beim Sozialträger Kubus. Als die
endete, habe ich die Möglichkeit wahrgenommen, über das Programm „Arbeit
statt Strafe“ gemeinnützige Arbeit abzuleisten. So konnte ich bei Kubus
bleiben, habe im Büro gearbeitet und konnte meinem Nachfolger in der
Maßnahme noch ein wenig zur Seite stehen. Das waren vier Stunden am Tag.
taz: Und dann?
Bringmann: Dann hatte ich einen Unfall, praktisch einen doppelten Armbuch.
Ich habe mir zweimal den Arm gebrochen: Einmal im Dezember 2023, und als
das fast ausgeheilt war, kam im Januar das Blitzeis, am 9. Januar 2024, das
weiß ich noch. Ich bin ausgerutscht und habe mir wieder den Arm gebrochen.
Ich bin ins Krankenhaus, in die Reha, dann zur Physiotherapie, habe mich um
meine Gesundheit gekümmert. Und ich dachte, die Staatsanwaltschaft meldet
sich schon bei mir, damit ich die Sozialstunden später abarbeiten kann. Mit
dem Arm ging das natürlich nicht.
taz: Aber?
Bringmann: Stattdessen standen an einem S-Bahnhof plötzlich Beamte vor mir,
wollten meine Personalien sehen, sagten, dass ein Haftbefehl gegen mich
bestehe, und haben mich ins [4][Frauengefängnis in Lichtenberg] gebracht.
Ich war tatsächlich mal Opfer eines Raubüberfalls, zwei Damen haben mich
zusammengetreten, ich musste ins Krankenhaus und habe eine künstliche Hüfte
bekommen.
Jetzt war ich plötzlich in derselben Haftanstalt wie die beiden, die mir
damals unwiederbringlichen Schaden zugefügt hatten. Da kam ich mir vor wie
im falschen Film. Ich bin in eine Einzelzelle gekommen. Da habe ich mich
gefragt, wer wohl vorher in meiner Zelle einsaß. Morgens um sechs wurde ich
immer gefragt, ob ich Hofgang machen möchte. Es war ziemlich kalt, deshalb
habe ich das nur einmal gemacht. Daran kann ich mich aber noch gut
erinnern.
taz: Eine Initiative, die sich für die Entkriminalisierung des Fahrens ohne
Ticket einsetzt, hat letztlich die Geldstrafe für Sie übernommen. Wie
schnell sind Sie dann rausgekommen?
Bringmann: Ich kam Dienstagabend rein, und Mittwoch früh hatte ich ein
Gespräch mit jemandem von der JVA. Der hat mir von der Möglichkeit erzählt,
dass ich mich vom Freiheitsfonds freikaufen lassen könnte. Er meinte aber,
diese Woche würde es wahrscheinlich nichts mehr. Ich habe dann direkt den
Antrag ausgefüllt. Und tatsächlich wurde der noch vor dem Wochenende
genehmigt. Als der positive Bescheid kam, war ich überglücklich.
Transparenzhinweis: Wir haben das Alter von Rosemarie Bringmann
nachträglich korrigiert. Von 62 auf 63 Jahre.
10 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Johanna Treblin
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