# taz.de -- Nachlass eines Berliner Malers: Der Fernseher läuft nicht mehr
> Der Kreuzberger Maler Norbert Fritsch ist im Februar verstorben. Nun wird
> sein Nachlass verkauft. Was bleibt von einem ganzen Leben?
(IMG) Bild: Faszinierender Nippes und alles andere, das übrig bleibt: Norbert Fritschs Schreibtisch in dessen Kreuzberger Wohnung
In seinem Atelier muss Norbert Fritsch glücklich gewesen sein. In dem
schummrigen Hinterhof-Erdgeschoss auf der Skalitzer Straße in Kreuzberg
verbrachte er fast vierzig Jahre, hörte und machte Musik, meist Jazz,
empfing seine Freunde und malte. Er malte und malte und malte und immer
lief der Fernseher – ohne Ton. War er im Flow, schloss er die Augen oder
hob die Arme. Als würde die ganze Welt hinter seinen Augenlidern wohnen.
Fotos zeugen von den Momenten dieser Glückseligkeit, versammelt in zwei
schmalen Bildbänden auf Fritschs Wohnzimmertisch. Vor dem steht man nun,
umgeben von all den Dingen aus Norbert Fritschs Leben, Kunst, CDs und
Bücher, faszinierender Nippes und allem anderen, was übrigbleibt: der
Staub, der Geruch und eine sehr präsente Abwesenheit. Norbert Fritsch starb
am 12. Februar dieses Jahres in seiner Wohnung am Lausitzer Platz. Am
Samstag wird sie für den Verkauf geöffnet, dann ist alles zu erwerben: die
Dinge, die Erinnerungen, die Kunst.
Der Stadtplaner und Architekt Bernd Seegers hat Fritsch lange begleitet.
Und den engen Freund „Noppe“, sein Leben, sein Atelier immer wieder
fotografiert. Mehr als fünfzig Jahre verband die beiden, die sich Anfang
der 1970er Jahre in Westberlin über gemeinsame Freunde kennenlernten. Da
studierte Fritsch noch Gartenbau und Landschaftsgestaltung. „Im Herzen ist
er immer Gärtner geblieben“, so Seegers.
## Vom Garten zur Kunst
Später dann wechselte Fritsch an die HfBK, die heutige, widmete sich der
Malerei und fand seinen geliebten Lehrer in Karl Oppermann, dessen
Meisterschüler er wurde. Nicht nur die Liebe zur dicken Farbe muss die
beiden verbunden haben, auch eine gewisse geteilte Vergangenheit: Beide
hatten die DDR Anfang der 1950er Jahre verlassen. Fritsch als Kleinkind,
der 22 Jahre ältere Oppermann aus politischen Gründen. Fritsch wuchs in
Köln auf. Auch nach fünfzig Jahren Kreuzberg sei er im Herzen immer
Rheinländer geblieben, berichtet Bernd Seegers: „Am Rosenmontag [1][wurde
der Fernseher laut gedreht]. Jedes Jahr.“
Der Fernseher ist in Fritschs Wohnung schon verschwunden. Dafür reckt sich
noch eine staubige Zimmerpalme gierig in Richtung der matten Erkerfenster.
Die Pflanze lebe genauso lang hier wie Fritsch, berichtet Lilli Nielsen.
Nielsen betreibt den Möbel- und Objektladen Pony Hütchen um die Ecke,
direkt an der Markthalle Neun. Sie wurde von den Freunden der Familie mit
der Nachlassauflösung betraut. „Jeder Nachlass ist eine eigene Welt, in die
man sich einarbeitet“, erzählt Nielsen, während sie vorsichtig einen Stapel
Blumen Aquarelle auf dick geschöpftem Papier zurechtruckelt.
Bedacht schreitet Nielsen durch die Räume, erzählt mit wertschätzender
Neugier und ganz ohne Schwere über dieses fremde vergangene Leben, über
Fritschs Malereien und Vorlieben. Es sei ihr wichtig, den Geist der
Verstorbenen zu bewahren, ihn vielleicht sogar nochmal ein bisschen
aufleben zu lassen, wenn sie solche Wohnungsverkäufe organisiert, so die
Berlinerin. Ihre letzten Nachlässe waren der eines Architekten sowie des
Schauspieler- und Bohème-Paares Otto Sander und Monika Hansen.
## Was bleibt von einem ganzen Leben?
Stirbt ein Mensch, sind die übrig gebliebenen Dinge oft Trost und Belastung
gleichermaßen. Nicht an allem hängen Erinnerungen, nicht alles will
behalten werden. In besonderen Fällen erklärt sich Nielsen bereit mit ihrer
Erfahrung die Angehörigen zu entlasten – sie sortiert, organisiert,
verkauft. Viele empfänden es als große Erleichterung zu wissen, dass die
Objekte des Verstorbenen bei Menschen landen, denen sie etwas bedeuten.
Dass die Nachbesitzer durch den Eindruck der Wohnung, des Kosmos, aus dem
sie entstammen, vielleicht sogar noch das Echo des Vorbesitzers wahrnehmen
können.
In Norbert Fritschs Wohnung klingt es noch in jeder Ecke. Schwere Ölgemälde
bedecken die Wände, nicht alle hätten zu Lebzeiten hier gehangen, so
Nielsen. Die meisten wurden nun für den Verkauf hierhergebracht. Zusammen
mit den Freunden des Malers Bernd Seegers und Stephanie Steinkopf hat sie
das Depot besichtigt, sortiert und dokumentiert. Ein Werkverzeichnis soll
entstehen, die Arbeiten an Menschen verkauft werden, die sie zu schätzen
wissen.
Das Verkaufen, das Ausstellen, das Organisieren des Lebens sei nicht
Fritschs Stärke gewesen berichtet Seegers. Beim Über–die-Runden-Kommen
unterstützte dessen Frau Christel Hartmann existenziell. Für die Suche nach
einer Galerie habe Fritsch wenig Geduld gehabt, stattdessen stapelten sich
die Werke einfach in seinem Atelier. Trotzdem haben es seine Arbeiten in
teils renommierte Sammlungen geschafft, darunter der Bundestag und die
Berlinische Galerie.
Nun ranken sich übersättigte Blüten an den Flurwänden am Lausitzer Platz,
schwingen Boxer in Riesenformaten ihre Fäuste im Berliner Zimmer, blickt
ein Selbstportrait von Fritsch und seiner Frau skeptisch von einem
Diptychon über dem Sofa aus ins Balkonzimmer. Fritsch habe verschiedene
Sujets immer wieder gemalt, so Seegers: Blumen, Porträts, Musik,
Atelier-Interieurs, Sport und Stadtansichten. Dynamik und Bewegung stünden
dabei oft im Vordergrund, Farbe und Ausdruck überlagerten die Figuration.
## Der Solitär entzog sich der Einordnung
Als „Vollblutmaler“ bezeichnete die Kunsthistorikerin Renate Franke Fritsch
in einem Katalogvorwort von 1994. „Ein Lebemann“, sagt Seegers: „Norbert
malte nur, wenn er Lust dazu hatte.“ Die Fülle, aus der Fritsch schöpfte,
steckt nicht nur in jeder Nische der Wohnung, auch auf seiner Farbpalette,
die hinter einer Tür an der Wand hängt, wirft sich die getrocknete Ölfarbe
in üppigen Haufen übereinander.
Zu den [2][Neuen Wilden], seinen Berliner Zeitgenossen, gehörte er nicht
berichtet der Freund, zeitlebens habe er sich von ihnen abgegrenzt. Und
doch kommt man nicht umhin, einen gelb-blauen Rennradfahrer im
„Sechstagerennen“ von 1982 auf fast zwei Metern Format durch die Rennbahn
rasen zu sehen. Und bei den wilden, dicken Strichen an Rainer Fetting oder
Salomé zu denken. Oder Fritschs Berliner Mauerbilder unwillkürlich mit
denen Karl Horst Hödickes zu vergleichen.
War der Blick in den Osten für Fritsch ein autobiografischer? Einer der in
sich in die eigene Vergangenheit richtete? Seegers verneint. Fritsch habe
die DDR viel zu jung verlassen. Sie interessierte ihn eher wenig, die
Bilder der Berliner Mauer, die sich in seinem Werkkörper fänden, seien
Stadtaufnahmen wie andere. Eine ästhetische Auseinandersetzung wie die mit
der Bewegung, dem Sport.
„Ich glaube auch nicht, dass er jemals live Radrennen oder Boxen gesehen
hat, aber das kannte er aus dem Fernseher, der ja immer lief“, erzählt
Seegers. Dieser blau schimmernde Kasten zur Welt, er war in der Peripherie
immer sichtbar, erscheint logischerweise auf einigen seiner
Interieur-Studien, ebenso wie die Blumen, mit denen Fritsch sich umgab,
egal wo er war.
Die Natur, die Wissenschaft, das Menschliche, die Kultur, die Kunst, die
Seele, für Fritsch müssen sie eng miteinander verwoben gewesen sein. Noch
stehen die vertrockneten Tulpen auf dem Tisch, finden sich unendliche
Mengen an Figurinen und Steinen, an Büchern, Pinseln und seinen Bonmonts
auf handgemalten Schildern in der Wohnung.
Mit einer kleinen Ehrfurcht wandelt man übers knarrige Parkett und
betrachtet all diese Überbleibsel eines nun sonnenlosen Universums. Durch
Lilli Nielsen können sie adoptiert werden. „Der Pinsel ist die Verlängerung
der Seele“ hatte Fritsch auf ein Papier in seinem Atelier geschrieben.
Vielleicht klappt das ja auch mit dem Geist.
14 Apr 2026
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