# taz.de -- Das Versteck in der Rosenthaler Straße
> HOLOCAUST Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt erzählt vom stillen
> Widerstand. Der Mut eines blinden Mannes rettete Leben. Zum Tag des
> Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Die Stadt Oświęcim, damals Auschwitz, ist 554 Kilometer vom Hackeschen
Markt entfernt. Ein weiter Weg für einen Blinden, beschwerlich in den
Kriegstagen 1944. Und doch nimmt der Werkstattbesitzer Otto Weidt die Reise
auf sich. Offiziell, um den SS-Leuten im Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau seine Bürsten zu verkaufen. In Wahrheit aber ist er
wegen seiner Mitarbeiterin Alice Licht dort. Weidt will sie vor der
Ermordung durch die Nazis retten.
In Auschwitz erfährt er, dass sie in das Konzentrationslager Groß-Rosen
verlegt worden ist, Weidt reist also dorthin. Über einen Mithäftling lässt
er ausrichten, dass er für sie Kleidung und Geld in einer Pension deponiert
hat. Licht erhält die Nachricht, kann mit Glück bei der Auflösung des
Lagers 1945 fliehen – und nach Berlin zurückkehren. Die Art, mit der Otto
Weidt seine Mitarbeiter vor dem Schicksal Millionen anderer Juden rettete,
grenzt an ein Wunder.
## Ein blinder Held
Heute besichtigen Tausende Besucher jährlich die einstigen Produktionsräume
im Hinterhof der Rosenthaler Straße 39, seit 1998 zeigt sie das Museum
Blindenwerkstatt Otto Weidt und erinnert an die couragierte Leistung des
Anarchisten und Nazigegners. Weidt ist bekannt, wohl auch wegen der
jüngsten ARD-Verfilmung „Ein blinder Held“. „Wir stehen in jedem
Reiseführer“, stellt Museumsleiterin Katja Döhnel zufrieden fest. 2014
waren es 86.000 Besucher, darunter viele Schulklassen: „Für die Schüler ist
Otto Weidt ein Held.“ Auch Israelis kämen nun in so großer Anzahl, dass der
Ausstellungskatalog inzwischen auch auf Hebräisch erhältlich ist.
Weidts Clou damals: Von der Wehrmacht erhielt er einen Großauftrag. Damit
erlangte seine Bürstenproduktion den Status der „Wehrwichtigkeit“, der auch
seine Arbeiter vorerst vor Deportationen schützte. „Wie er den Großauftrag
bekam, wissen wir heute nicht“, sagt Katja Döhnel. Bekannt ist, dass Weidt
gut verhandeln konnte – und wenn nötig mit Schmiergeld nachhalf. Als die
Gestapo 1942 seine Belegschaft in das Deportationssammellager in der
Hamburger Straße bringt, gelingt es ihm, dass seine Arbeiter freigelassen
werden. Weidt hatte die Beamten bestochen. Doch 1943 werden die meisten von
ihnen von der Gestapo nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie ermordet
werden. Eine Familie versteckt Weidt in einem fensterlosen Nebenraum seiner
Werkstatt. Sie wird aber von einem jüdischen Kollaborateur verraten und
1943 nach Auschwitz deportiert.
Otto Weidt entgeht der Verhaftung durch Bestechung der Gestapo. Das
Versteck und Teile der Werkstatt sind in ihrem Anstrich original erhalten
und zu besichtigen.
Der blinde Held wurde 1976 posthum von der israelischen
Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem als „Gerechter unter den Völkern“
geehrt, eine Auszeichnung für Nichtjuden, die im Nationalsozialismus Juden
geholfen haben. Gestorben war Weidt bereits 1947 – als armer Mann.
TOBIAS KRONE
■ Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt in der Rosenthaler Straße 39 ist
täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet
27 Jan 2015
## AUTOREN
(DIR) Tobias Krone
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