# taz.de -- KI im Schulalltag: Das große Ausprobieren
> ChatGPT und Co haben den Schulalltag verändert. Auch Lehrkräfte greifen
> immer öfter zur KI-Unterstützung. Was fehlt, sind einheitliche Regeln.
(IMG) Bild: KI-Nutzung kann für Lehrkräfte durchaus hilfreich sein – aber ein Allheilmittel? Bildungsforscher bezweifeln das
ChatGPT und Co sind längst in deutschen Klassenzimmern angekommen. Mehr
oder weniger zuverlässig erledigen sie für die Schülerinnen und Schüler
Hausaufgaben, schreiben Referate oder Lesetagebücher. Und in den Klassen,
in denen Smartphones noch nicht verbannt wurden, liefern sie sogar
Antworten für das Unterrichtsgespräch – oder im schlimmsten Fall auch für
die Klassenarbeit. Doch wie sieht es eigentlich im Lehrerzimmer aus?
„Ich glaube, inzwischen haben die allermeisten Lehrkräfte ChatGPT und Co
zumindest einmal ausprobiert, für Unterrichtsvorbereitungen, Bilderstellung
oder einen Elternbrief“, sagt Michael Busch, Koordinator für digitale
Medien an der [1][Hamburger Stadtteilschule Am Heidberg]. Dieses
Ausprobieren sei immens wichtig, immerhin könnte künstliche Intelligenz
Schule grundlegend verändern. Vor allem alte, analoge und schon länger
umstrittene Formate wie Klausuren oder Hausaufgaben scheinen kaum noch in
eine vollends digitalisierte Lebensrealität zu passen. „Wir können nicht
die ganze Zeit Hase und Igel mit der KI spielen, sondern müssen dringend
über Chancen, Gefahren und Grenzen der neuen Technologie sprechen“, sagt
Busch.
An der Stadtteilschule mit mehr als 1.000 Schülerinnen und Schülern wurde
dafür extra eine offene KI-Werkstatt eingerichtet, in der Kolleginnen und
Kollegen neue Angebote ausprobieren oder eigene KI-Assistenten entwickeln
können. Funktionieren die Ideen gut, werden sie an die anderen Lehrkräfte
weitergegeben. Außerdem gibt es Fortbildungen zu den KI-Grundlagen für
alle.
Im Arbeitsalltag nutzen die Lehrkräfte nicht einfach die [2][Large Language
Models] großer US-Tech-Konzerne – deren Einstellungen passen nicht zu den
Datenschutzrichtlinien deutscher Schulen. Busch und seine Kolleg:innen
nutzen deshalb die DSGVO-konforme KI-Anwendungen [3][des Bildungsanbieters
Fobizz]. Das Angebot reicht vom klassischen KI-Chat auf Basis von ChatGPT
bis zu Korrekturhilfen und Feedback-Assistenten für Schülerinnen und
Schüler. Was die Lehrkräfte davon einsetzen, entscheiden sie selbst.
## Es bleibt Lehrarbeit
Ob der Arbeitsaufwand durch die neuen KI-Tools für Lehrkräfte ähnlich stark
sinkt wie der Hausaufgabenaufwand der Schülerinnen und Schüler, bezweifelt
Busch. Er persönlich nutzt die Anwendungen vor allem als Inspiration für
neue Unterrichtseinstiege, erstellt Bilder für den Unterricht oder lässt
Texte in unterschiedlichen Lesestufen generieren. Die
Unterrichtsvorbereitung selbst bleibt Lehrerarbeit. „Wenn ich mir die
erstellten Texte vorher nicht gut durchlese oder meine Ansätze durchdenke,
wird die Unterrichtsstunde durch KI nicht automatisch besser“, sagt er.
Auch die Anfangsinvestition sei oft hoch: Um brauchbare Ergebnisse zu
bekommen, müssen die Prompts stimmen – sonst dauert die Überarbeitung
genauso lang wie die Erstellung auf traditionellem Weg. „Die
Einarbeitungszeit ist oft hoch, gerade wenn die eigene Erfahrung mit
KI-Anwendungen fehlt“, so Busch. Umso wichtiger seien Fortbildungen und
Räume zum Ausprobieren. Doch genau das ist oft ein Problem: In vielen
Lehramtsstudiengängen ist künstliche Intelligenz als Thema noch nicht
angekommen, KI-Fortbildungen sind nicht verpflichtend.
Bildungsforscher Florian Hesse von der Friedrich-Schiller-Universität Jena
teilt die Einschätzung Buschs. Seiner Ansicht nach liegt das Problem aber
tiefer: „Künstliche Intelligenz ist eine sich rasant entwickelnde
Technologie. Um darauf zu reagieren, braucht es eine größere Vision, wie
Schule mit KI in Zukunft aussehen soll“, sagt er. Diese Vision dürfe dabei
nicht von großen Tech-Konzernen entwickelt werden, sondern müsse aus der
Schulpraxis, Bildungsforschung und der Politik kommen.
Doch genau daran mangelt es vielerorts, sodass vor allem die Frage im Raum
steht, wie bestehende (auch problematische) Unterrichtsideen effizienter
umgesetzt werden können. In den meisten Fällen probieren Schulen selbst
Tools und Ansätze aus, ohne dass es eine wissenschaftliche Begleitung gibt,
die die neuen Methoden fundiert bewertet. Ohne Regeln für die KI-Nutzung
der Schülerinnen und Schüler, ohne Empfehlungen für einen sinnvollen
Einsatz von KI-Tools für die Lehrkräfte entstehen schnell mehr Risiken als
Nutzen. „Im schlimmsten Fall werden von KI gemachte Hausaufgaben von den
KI-Anwendungen der Lehrkräfte korrigiert“, sagt Hesse. Das mag allen
Beteiligten Zeit und Arbeit ersparen. Gelernt hat damit niemand etwas.
## Mentale Anstrengung lässt nach
Genau davor warnt auch ein aktueller Bericht der OECD. Künstliche
Intelligenz kann Schülerinnen und Schülern zwar helfen, Aufgaben schneller
zu lösen – aber das führt nicht unbedingt zu nachhaltigem Lernerfolg. Die
mentale Anstrengung lässt nach, das Engagement sinkt. Untersuchungen zeigen
zudem, dass Schülerinnen und Schüler mit Zugang zu Chatbots zwar bessere
Ergebnisse bei Aufgaben erzielen; sobald das Tool in Prüfungssituationen
nicht mehr genutzt werden darf, verschwindet dieser Vorsprung jedoch. Teils
fallen die Leistungen dann sogar schwächer aus als zuvor.
Die Heilsversprechen der KI-Anbieter lesen sich noch ganz anders: Wie ein
Prinz aus Nullen und Einsen könnten die Chatbots und KI-Assistenten das
verschlafene Schulsystem wachküssen. Das Lernen wird individueller, genauso
wie das Feedback auf die eigene Leistung. Weg von möglichst viel Wissen,
hin zu Zukunftskompetenzen. Auch die Schreibtischarbeitszeit der Lehrkräfte
soll durch KI-Assistenten zur Unterrichtsplanung, Klausurkorrektur oder
Notenvergabe sinken.
„So nötig Reformen im Schulsystem sind, dürfen wir nicht den Fehler machen,
KI als Allheilmittel zu verklären. Zu große Technikgläubigkeit ist hier
fehl am Platze“, sagt Hesse. Pädagogische Arbeit könne eben nicht einfach
an Algorithmen ausgelagert werden, guter Unterricht lebe nicht nur von
individualisierten Texten oder generierten Bildern, sondern auch von guten
Lehrkräften. „Wir können uns keinesfalls gegenüber der neuen Technologie
verschließen, aber wir sollten ihren Nutzen wissenschaftlich genau unter
die Lupe nehmen und darauf aufbauend flächendeckende Fortbildungsangebote
für Lehrkräfte schaffen. Nur so lassen sich die Potenziale nutzen und die
negativen Begleiterscheinungen minimieren“, sagt er.
## KMK reagiert
Die Forderung nach größeren Lösungen hat selbst die sonst nicht gerade als
dynamisch bekannte Kultusministerkonferenz (KMK) wahrgenommen und im
Oktober 2024 Handlungsempfehlungen zum Umgang mit KI in schulischen
Bildungsprozessen vorgestellt. Darin wird empfohlen, KI im Unterricht
bewusst und kritisch zu nutzen. Prüfungen sollen sich verändern, weg vom
Auswendiglernen hin zu eigenständigem Denken und Problemlösen. Klare Regeln
zu Datenschutz und Prüfungssituationen werden gefordert, den Fortbildungen
der Lehrkräfte widmen die Empfehlungen einen eigenen Abschnitt.
Die Umsetzung hat begonnen. Passend zum deutschen Bildungsföderalismus in
ganz unterschiedlicher Ausgestaltung. Mecklenburg-Vorpommern kooperiert
bereits seit 2023 mit Fobizz. Lehrkräfte können damit Bilder,
Arbeitsblätter und Unterrichtsentwürfe erstellen. Andere Bundesländer wie
Thüringen oder Niedersachsen testen noch, ob KI im Unterricht überhaupt
sinnvoll eingesetzt werden kann. Immerhin einigte man sich auf einen
gemeinsamen bundesweiten KI-Chatbot speziell für Schulen: Telli läuft auf
EU-Servern, Nutzungsdaten werden weder weitergegeben noch zum KI-Training
verwendet. Bald soll er Lehrkräfte bei der Unterrichtsvorbereitung
unterstützen und Schülerinnen und Schülern einen sicheren Umgang mit
künstlicher Intelligenz ermöglichen.
So positiv diese ersten Schritte erscheinen, bei der Begleitung der
Lehrkräfte und Schulen gibt es noch Luft nach oben. Wie eine Umfrage der
Telekom unter 1.054 Lehrkräften aus ganz Deutschland zeigt, fühlen sich nur
32 Prozent gut oder sehr gut darüber informiert, wie sie KI-Anwendungen in
ihrer Arbeit einsetzen dürfen. 87 Prozent wünschen sich verständliche und
umsetzbare Regelungen, 83 Prozent fehlt ein klarer Überblick über
bestehende Vorgaben. Dazu kommt eine weitere Hürde: Längst nicht an jeder
Schule gibt es die passende technische Infrastruktur, um KI-Anwendungen im
Unterricht zu nutzen. Vielerorts sind Schultablets altersschwach oder nicht
in ausreichender Zahl vorhanden, die Internetverbindung mancher Standorte
nicht stark genug, um zahlreiche KI-Anfragen gleichzeitig zu verarbeiten.
Werden diese Unterschiede in Ausstattung und Kompetenz nicht überwunden,
droht am Ende wieder eine digitale Zweiklassengesellschaft – zwischen
Schulen wie der Hamburger Stadtteilschule Am Heidberg, die sich mit viel
eigenem Engagement um Ausstattung und Fortbildung kümmern, und Schulen, an
denen solche Konzepte noch nicht einmal entwickelt wurde, zum Beispiel
wegen fehlender Digital-Expertise oder wegen fehlender Ausstattung. Und
darunter leidet wie so oft die Bildungsgerechtigkeit.
8 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://amheidberg.de/
(DIR) [2] https://www.iese.fraunhofer.de/blog/large-language-models-ki-sprachmodelle/
(DIR) [3] https://fobizz.com/de/
## AUTOREN
(DIR) Birk Grüling
## TAGS
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