# taz.de -- Demokonzerte in Hamburg: Zusammenkommen mit Protestnote an der Sternbrücke
> Seit fast sechs Jahren protestiert man in Hamburg musikalisch gegen den
> Abriss der Sternbrücke. Die taz war beim Kreiselkonzert Nummer 158.
(IMG) Bild: Kulturdemo in Hamburg-Altona: Jànfrie ist als erster dran, danach geht die Sonne und immer mehr Leute kommen
Ein Open-Air-Konzert kann so einfach sein. Zwei Boxen auf Ständern, ein
Mischpult, ein DJ, zwei Mikrofone, drei Performer, in diesem Fall Jànfrie,
Jannik Beck und Diamando. Am Boden zwei Scheinwerfer, am Himmel keine
Regenwolken. Keine Security, keine Bühne, kein Eintritt. Getränke gibt’s
beim Kiosk und für die letzten Raucher*innen gibt es bunt gestaltete
Handaschenbecher, damit die Kippen nicht auf der Straße landen.
„Kreiselkonzert“ heißt diese Veranstaltung, die in Hamburg am 9. April zum
158. Mal stattfand. Die Veranstalter*innen zählen mit, weil die
Kreiselkonzerte eine Form des Protests sind gegen den Abriss der
[1][historischen Sternbrücke] in Altona. Die heißt so, weil sich unter ihr
zwei Hauptverkehrsstraßen kreuzen. Auf ihr fahren S-Bahnen und Züge.
Die Sternbrücke wird ersetzt durch eine viel höhere, wuchtige Brücke mit
mehr Platz für die Autos darunter. Dass das Projekt realisiert wird, steht
seit der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts vom 4. November 2025
außer Frage. Die Kreiselkonzerte gibt es trotzdem noch. Es gibt sie seit
Juli 2020. Jeden Donnerstag treten andere Künstler*innen auf, und zwar
immer auf einer Wendeschleife in der Nähe der Brücke.
Die geschätzt 250 Menschen, die zum Konzert von Jànfrie, Jannik Beck und
Diamando gekommen sind, wissen augenscheinlich alle, worum es beim
Brückenprotest geht, auch wenn sie im Schnitt etwa halb so alt sein dürften
wie die [2][Veranstalter*innen]. „Sternbrücke bleibt!“ ist der
Schlachtruf, der sich durch den Abend zieht. Die Stimmung ist super, es
wird mitgesungen und dauergehüpft und bei den ruhigeren Songs schwenken
alle ihre Handytaschenlampenlichter. Musikalisch bewegen wir uns bei sehr
tanzbaren Beats zwischen deutschsprachigem Indie-Pop und Neuer Deutscher
Welle. „Sternbrücke bleibt!“ steht neben Zeilen wie: „Hurra, hurra / er ist
jetzt da / das ist der Bürgermeister von Altona“.
Ein Grund, warum es die Initiative schafft, jeden Donnerstag
Künstler*innen für ein Konzert zu gewinnen, ist der Verlust an
Liveclubs, der mit dem Abriss der Brücke einhergeht. Unter der Sternbrücke
waren die Astra Stube, das Waagenbau, die Bar 227, das Fundbureau und die
Beat Boutique.
Damit war die Sternbrücke ein Kiez für sich, eine subkulturelle Erweiterung
des benachbarten Schanzenviertels, wo es fast keine Clubs mehr gibt,
sondern Läden für ein eher am Kulinarischen interessiertes Partypublikum.
Viel Zeit bleibt nicht mehr, ein Konzert vor der Kulisse der alten
Sternbrücke zu erleben. Während Jànfrie über seinen Lebensmut singt, graben
nebenan die Bohrer die Löcher für die Betonstehlen der neuen Brücke, die
bereits einige Hundert Meter weiter zusammengeschweißt wird. Verpackt in
weiße Planen steht da ein Koloss unklarer Gestalt. Man fühlt sich erinnert
an den Künstler Christo und dessen Verhüllung des Reichstags.
Der [3][Protest] geht weiter, weil die Initiative versuchen will, das Beste
aus der Sache zu machen. „Der Bezirk Altona hat zugesagt, ein
Beteiligungsverfahren für die Umfeldplanung hier an der Brücke aufzulegen“,
verkündet Marlies Thätner von der Initiative Sternbrücke zwischen zwei
Acts. „Es gibt die Möglichkeit, für diesen Ort noch etwas zu retten, auch
mit einer scheiß Monsterbrücke!“
Inmitten der jungen Crowd steht ein älterer Herr mit Schiebermütze und
Schal. Stoisch hält er sich die gesamten zwei Stunden und 15 Minuten ein
Handy vor die Brust und filmt. Der Herr heißt [4][Rasmus Gerlach] und ist
ein Dokumentarfilmer, der sich aus linker Perspektive [5][mit Hamburg
beschäftigt]. Über die ersten fünf Jahre Kreiselkonzerte hat er bereits
einen Film gedreht. Offenbar ist die Geschichte für ihn noch nicht
auserzählt.
Mit gutem Grund: Die Kreiselkonzerte wirken nicht so, als seien sie der
Nachklapp einer verlorenen Schlacht. Es geht um die Möglichkeit,
zusammenzukommen, niedrigschwellig und weltoffen. Ob so was auch im
Schatten der neuen Brücke geht, ist die Frage. Die Deutsche Bahn könnte das
ihre dazutun und den zu erwartenden Sprayer*innen schöne Grüße schicken.
Denn die werden kommen. So oder so.
18 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.denkmalverein.de/gefaehrdet/gefaehrdet/sternbruecke-erhalten
(DIR) [2] https://initiativesternbruecke.org/
(DIR) [3] /Sprecher-ueber-Sternbruecken-Protest/!6098286
(DIR) [4] https://rasmusgerlach.de/
(DIR) [5] /Filmemacher-ueber-seine-Corona-Doku/!5829545
## AUTOREN
(DIR) Klaus Irler
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