# taz.de -- Überwachung und digitale Sicherheit: Wie Peking alles unter Kontrolle hat
       
       > Chinas Zensurapparat ist aufgrund des technologischen Wandels so
       > umfangreich wie in keinem anderen Land.
       
       Zur belebten Mittagsstunde, als die Verkäufer am Dahanji-Markt im Südwesten
       Pekings ihre Waren anpreisen, rast ein gelber Bulldozer mit voller
       Geschwindigkeit in eine Menschenmenge. Er hinterlässt eine Spur der
       Verwüstung, Dutzende Passanten bleiben regungslos auf dem Asphalt liegen.
       
       Das mutmaßliche Attentat mit etlichen Toten würde in den meisten Staaten
       der Welt auf den Titelseiten der Zeitungen stehen. In China hingegen findet
       das Ereignis vom 29. März keine Erwähnung: In den sozialen Medien wurden
       dazu sämtliche Videoaufnahmen gelöscht, den unter staatlicher Kontrolle
       stehenden Verlagen ein Maulkorb verpasst.
       
       Dass die Außenwelt überhaupt von der Tragödie erfährt, ist dem Aktivismus
       aufmerksamer Auslandschinesen zu verdanken: Schnell haben sie die
       Smartphone-Aufnahmen von Augenzeugen des Dahanji-Marktes mitgeschnitten und
       auf der westlichen Plattform X hochgeladen. Darauf hat Chinas Zensurapparat
       keinen Zugriff.
       
       Beispiele wie dieses zeigen jedoch eindrücklich, dass die
       Informationskontrolle des chinesischen Staats zumindest innerhalb der
       eigenen Landesgrenzen nahezu umfassend ist. Dabei gelingt es der
       Parteiführung nicht nur, Terroranschläge oder politische Demonstrationen
       aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen, sondern auch zentrale Kapitel
       der modernen Geschichte des Landes.
       
       Von der blutig unterdrückten Demokratiebewegung [1][des Jahres 1989 vom
       Pekinger Tiananmen-Platz] weiß kaum ein Jugendlicher in China. Woher auch?
       Wer auf Baidu Baike, dem chinesischen Wikipedia-Äquivalent, danach sucht,
       erhält keine Resultate. Und wer den Chatbot DeepSeek nach den Ereignissen
       von damals befragt, wird von der KI aufgefordert, das Thema zu wechseln.
       
       Möglich geworden ist die Effizienz der Zensur nicht trotz, sondern dank der
       technologischen Möglichkeiten, insbesondere von künstlicher Intelligenz. In
       den alten Tagen der Internetzensur, als diese noch rein durch menschliche
       Hände ausgeführt wurde, bereitete allein die schiere Datenflut den Zensoren
       riesige Probleme.
       
       Neben dem immensen Arbeitsaufwand gab es auch praktische Herausforderungen:
       Livestreams in Minderheitssprachen wie etwa Uigurisch oder Tibetisch
       konnten schlechter überwacht werden, weil den Behörden die Sprachkompetenz
       fehlte. Dies resultierte nicht selten in Vorschlaghammermethoden – dass
       etwa Liveübertragungen zu bestimmten Themen nur in Mandarin, dem
       weitverbreiteten Hochchinesisch, stattfinden durften.
       
       ## Spiegelverkehrter Screenshot als Zensurmaßnahme
       
       Hinzu kam, dass die meist jungen, äußerst cleveren Internetnutzer im Reich
       der Mitte ihre Zensoren mit einer gehörigen Portion Kreativität überlisten
       konnten. Ein klassisches, schon etliche Jahre altes Beispiel: Da das Datum
       des Tiananmen-Massakers – der 4. Juni – im öffentlichen Raum nicht erwähnt
       werden darf, sprach man vom „35. Mai“.
       
       Eine andere Methode: Kritische Beiträge wurden auf den Online-Plattformen
       Wechat oder Weibo nicht mehr als Textbeitrag gepostet, sondern als
       spiegelverkehrter Screenshot. Zuletzt wurden zu sensiblen Themen nur mehr
       Kerzen-Emojis gepostet, die klarmachen, dass man über gewisse Repressionen
       trauert, aber seine Gefühle wegen der Zensur nicht in Worte kleiden darf.
       
       Die größte politische Demonstrationsbewegung in China der letzten Jahre –
       online sowie analog – spielte genau darauf an: Die „Weißblattproteste“, mit
       denen Ende 2022 junge ChinesInnen gegen die rigiden Null-Covid-Maßnahmen
       revoltierten, trugen das Symbol der inneren Selbstzensur bereits im Namen:
       ein leeres Blatt Papier. Doch natürlich haben selbst die raffiniertesten
       Codes, Anspielungen und Tricks nur eine geringe Haltbarkeitsdauer. Denn
       irgendwann kommen die Zensoren dahinter.
       
       Mittlerweile sitzen die Autoritäten beim Katz-und-Maus-Spiel um
       Informationskontrolle am längeren Hebel. Denn Internetnutzer müssen längst
       nicht mehr geschulte Bürokraten überlisten, sondern auch eine technisch
       überlegene KI-Software. Sie kann riesigste Datenmengen in
       Sekundenbruchteilen verarbeiten und auch feinste ironische Anspielungen
       erfassen. Und vor allem ermöglicht die Technologie, dass die Algorithmen
       der sozialen Medien derart subtil manipuliert werden, dass die meisten
       Nutzer in einer Propagandawelt leben, ohne dies zu merken. Die Zensur ist
       in China gerade deshalb so effizient, weil sie den meisten Leuten im Alltag
       kaum mehr auffällt.
       
       Zudem nutzt die Parteiführung die technischen Fähigkeiten mehrgleisig aus.
       Während die Technologie im Inneren dabei hilft, kritische Information zu
       zensieren, wird sie auf ausländischen Online-Plattformen dafür missbraucht,
       Desinformation und Propaganda zu verbreiten.
       
       „Wumao“ hat man die klassischen Propagandatrolle genannt, die en masse
       Parteiinhalte auf den sozialen Medien gepostet haben – und dafür, so lautet
       die ironische Namensbezeichnung, „fünf Groschen“ (chinesisch: wumao)
       erhalten haben. Mittlerweile generiert die künstliche Intelligenz
       Abertausende Profile in den sozialen Medien, und das ganz ohne Bezahlung.
       Wer insbesondere bei X über China debattieren möchte, wird unweigerlich
       unter seinen Beiträgen etliche Antworten finden, von denen die meisten
       nicht von menschlichen Personen geschrieben wurden.
       
       3 May 2026
       
       ## LINKS
       
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