# taz.de -- Open Source Intelligence im Ukrainekrieg: Mit neuer Technologie den Kriegsverbrechen auf der Spur
> Der Einsatz von Open Source Intelligence (OSINT) ist in der Ukraine ein
> investigatives Instrument der Pressefreiheit. Straftäter können
> identifiziert werden.
(IMG) Bild: Präsentation des Films „Schemes“ über die ermordete Journalistin Wira Hyrytsch, in Kyjiw am 29. April 2023
„Glaubst du, wir können damit etwas anfangen?“, fragte mein Redakteur,
nachdem wir einem abgehörten Telefonat gelauscht hatten, das der
ukrainische Sicherheitsdienst veröffentlicht hatte. Es war eine dieser
schlaflosen Nächte im Frühjahr 2022. Wir saßen in einem Keller und
versteckten uns vor Granatenangriffen.
Auf der Aufnahme sagte eine Frauenstimme zu einem Mann: „Na los,
vergewaltige ukrainische Frauen. Ich erlaube es. Benutz nur ein Kondom.“ Im
März 2025 sagte ich vor Gericht aus. Wir hatten das Paar hinter diesem
Telefonat identifizieren können. Die Frau eines russischen Soldaten wurde
verurteilt. Wegen des internationalen Haftbefehls hat sich ihre Welt
seitdem auf Russland beschränkt. Meine hatte sich erweitert – denn von
einem Keller aus konnte ich per Laptop überall hinschauen, wo Satelliten,
Telefondaten, soziale Medien und sogar schwache digitale Spuren
funktionierten.
Haben Sie je ein Massengrab mit einem Lineal vermessen? Das Foto eines
ermordeten Mädchens studiert, das Ihnen ähnelt? Oder versucht, diejenigen
zu identifizieren, die Ihren Kollegen getötet haben? Unsere Redaktion wurde
nach Ukraines „Revolution der Würde“ 2014 gegründet, um Korruption zu
untersuchen – ein Grund der Proteste.
Lange vor der großen Invasion nutzten wir schon Open Source Intelligence
(OSINT). Die Social-Media-Beiträge der Kinder eines korrupten Beamten
aufzuspüren und ihre Urlaubsfotos zu geolokalisieren, konnte unterhaltsam
sein. Hunderte Bilder ermordeter Zivilisten zu geolokalisieren überhaupt
nicht.
Doch mussten wir wissen, wer genau an der russischen Invasion beteiligt war
– samt Namen und Gesicht. Was in den besetzten Gebieten geschah – im
Detail. Wie gestohlenes ukrainisches Getreide transportiert wurde – nach
Route. Und alles, während wir weiter unsere eigene Regierung zur
Rechenschaft zogen.
Der Krieg in der Ukraine ist der am besten dokumentierte Krieg der
Geschichte. Diese wird jetzt nicht mehr nur von den Siegern geschrieben. Da
Journalisten die sich ständig weiterentwickelnden Werkzeuge beherrschen
(die OSINT-Methoden schreiten in atemberaubenden Tempo voran), kann die
Führung des Aggressorstaates die Darstellung der Ereignisse nicht mehr
völlig steuern.
## Die Fälle „Kursk“ und „Moskwa“
Im Jahr 2000 hatte Wladimir Putin noch milde gelächelt, als ihn Larry King
von CNN auf den Untergang des U-Bootes „Kursk“ ansprach. Doch schließlich
waren Russlands Behörden gezwungen, die Katastrophe und den Tod aller 118
Besatzungsmitglieder anzuerkennen, nachdem norwegische Taucher die Luke des
Wracks geöffnet und bestätigt hatten, dass es keine Überlebenden gab.
Am 14. April 2022 versenkten ukrainische Neptun-Raketen den Kreuzer
„Moskwa“, das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte. Das unterbrach
Russlands Vorherrschaft im Schwarzen Meer. Moskau leugnete den Vorfall
zunächst, dann folgten Behauptungen über eine „vollständige Evakuierung“
der Besatzung. Innerhalb eines Tages bewiesen wir, dass Wehrpflichtige –
deren Kriegsteilnahme der Kreml bestritten hatte – auf dem Schiff ums Leben
gekommen waren. Keine Insiderinfos. Keine Taucher. Nur
Open-Source-Recherche. Schließlich musste Moskau einen Teil der Wahrheit
zugeben. Technologie wurde zu einer Säule der Pressefreiheit.
Doch OSINT kann nicht für sich allein stehen. Es muss mit traditioneller
Berichterstattung kombiniert werden, mit Dokumenten, menschlichen Quellen,
strenger Überprüfung. Offene Daten liefern einen Anhaltspunkt, Journalismus
verwandelt sie in Beweismaterial. Man kann endlos Fotos von russischen
Feiern durchforsten und versuchen, den Soldaten zu entdecken, der
Zivilisten verschleppte. Aber nur ein Überlebender kann ihn identifizieren,
nur ein echtes Dokument seinen Dienst nachweisen.
Die Geschichte des ermordeten Mädchens, das mir ähnelte, recherchierten wir
nie. Ihre Angehörigen flehten uns an, nicht weiter daran zu arbeiten, sie
fürchteten, die Leiche würde exhumiert. Ich sagte, die Welt müsse doch
wissen, was während der Besetzung von Izium geschah. Sie sagten, ihre Seele
verdiene Frieden. Ich zog mich zurück. Denn es geht nicht nur darum, was
man aufdecken kann, sondern wie verantwortungsbewusst man diese
Erkenntnisse nutzt.
Valeriya Yegoshyna ist Investigativjournalistin bei Schemes, dem
ukrainischen Dienst von RFE/RL, in Kyjiw.
2 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Valeriya Yegoshyna
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