# taz.de -- Digitale Abschottung im Alltag: Vertrauensbruch im Gewand „digitaler Unabhängigkeit“
> In Russland ist kaum noch private Kommunikation per Messenger möglich,
> ohne dass der Staat Vertrauliches erfährt. Eine Recherche bei Verwandten
> und Freunden.
(IMG) Bild: Menschen müssen nicht mehr auf Angebote aus „nicht befreundeten Ländern“ angewiesen sein, es gebe die russische Messenger-Alternative Max
Über Weihnachten und Neujahr habe ich meine Verwandten und Freund:innen
in Russland besucht. Ich wollte mit ihnen unbedingt darüber sprechen, wie
wir weiterhin auf einem sicheren Weg in Kontakt bleiben können. Westliche
Messenger-Dienste werden dort seit vier Jahren immer mehr eingeschränkt und
blockiert. Freunde berichten, dass Facebook seit mindestens drei Jahren
nicht mehr aufrufbar ist. Ich habe selbst erlebt, wie Signal im August 2024
plötzlich keine Nachrichten mehr übermitteln konnte. WhatsApp und Telegram
wurden ihrer Anruffunktion im August 2025 beraubt. Ende 2025 konnten nur
reine Textnachrichten empfangen werden. Ich schreibe diesen Text Mitte
April 2026. Seit zwei Wochen kommen meine Textnachrichten auf Telegram
nicht mehr bei meinen Kontakten dort an.
Auch das mobile Internet wird seit 2025 in vielen Regionen Russlands für
Stunden unterbrochen. Eine Freundin schrieb mir letzten Sommer, dass sie
auf ihrer Datsche nachts kein Internet hatte. Ende des Jahres funktioniert
das Internet in den regulären Arbeitsstunden erträglich gut, aber abends
und an Wochenenden deutlich langsamer. Viele Internetseiten sind inzwischen
zu keiner Tageszeit aufrufbar.
Anfang Dezember 2025 verkündete der Präsident, das Land sei nun nach den
USA und China ebenfalls [1][digital unabhängig]. Menschen müssen nicht mehr
auf Angebote aus „nicht befreundeten Ländern“ angewiesen sein, es gebe die
russische Messenger-Alternative Max. Dem Wechsel zu Max wird mit
dienstlicher Anweisung und der Blockade von ausländischen Messengern
nachgeholfen.
Nach allem, was ich weiß, gehört es nicht zu Max-Merkmalen, eine
vertrauliche Kommunikation sicherzustellen. Die Kommunikation ist nicht
verschlüsselt und erlaubt einen leichten Zugang zu Kontakten, Nachrichten
und anderen Inhalten auf dem Smartphone, wie etwa einer permanenten Ortung
des Geräts. So stelle ich mir eine private Kommunikation nicht vor. Meine
Erwartung an einen Messenger-Dienst ist, dass meine Infos nur bei den
Personen ankommen, die ich bestimme. Alles andere ist ein Vertrauensbruch.
Doch die meisten meiner Verwandten und Freund:innen nutzen Max bereits
aktiv. Ich war sprachlos. Meine Nachfragen, ob sie über die
„Mitlesefunktion“ Bescheid wüssten, wurden nachlässig mit „Was wissen sie
denn über uns noch nicht?“ pariert oder damit, dass das Tool immerhin ganz
gut funktioniere und günstigere Anrufe ermögliche als über den Mobilfunk.
## Daten-Staatsmonopol
Eine Cousine sagte, dass für manche offizielle Vorgänge und den Erhalt
wichtiger Mitteilungen dieser Messenger Voraussetzung sei. Max ist zudem
mit dem Portal staatlicher Dienstleistungen, Gosuslugi, verknüpft, dessen
Nutzung ebenfalls unentbehrlich gemacht wurde. Ausweiserneuerung,
Steuerbescheide, Renten- und Sozialversicherungsanträge, Vergabe von
Arztterminen sind fast nur darüber erreichbar und liefern viele sensible
Daten.
Wird WhatsApp in der EU wegen unzureichenden Datenschutzes kritisiert, wäre
es in Russland lediglich „das kleinere Übel“. WhatsApp war
Kommunikationsmittel Nummer eins zwischen Privatpersonen wie auch zwischen
Dienstleister:innen und Kund:innen. Das war das Tool für den Austausch
mit dem Schuhmacher um die Ecke, der Hausverwaltung, Bibliothek, sogar
einer Bank oder einem Online-Handel. Doch ich wunderte mich über die
extreme Verbreitung. Ende 2025 wurde die Nutzung von WhatsApp nach und nach
eingeschränkt – technisch und regulatorisch. In einer städtischen
Einrichtung hörte ich eine Mitarbeiterin sagen: „WhatsApp ist bei uns nicht
mehr erlaubt, aber zu Max sind wir noch nicht verpflichtet.“ Damit sei aber
zu rechnen.
Bei einem gemütlichen Beisammensein mit einer Freundin erwähnte diese
schmunzelnd, dass sie in der Tram ein Gespräch von zwei älteren Damen
gehört habe, die sich Tipps zu VPNs (Software zur Umgehung
länderspezifischer Netzblockaden) gaben. Doch Internetprovider sind
angehalten, Verbindungen per VPN zu erkennen und zu unterbinden. Momentan
bleiben nur ungeschützte Kommunikationskanäle gut zugänglich, die Teil
einer Massenüberwachung sind. Was ich lange befürchtet habe, ist
eingetreten: Ende der privaten und vertraulichen Kommunikation von und mit
Menschen in Russland.
Mascha Blumberg engagiert sich in der [2][Kampagne Digital Independence
Day].
4 May 2026
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(DIR) Mascha Blumberg
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