# taz.de -- Überwachung und digitale Sicherheit: Europäische Gesichtserkennung für brasilianische Schulkinder
> Eine slowakische Software scannt täglich Hunderttausende Kinder in
> Paraná. In Europa sind solche Systeme kaum denkbar – exportiert werden
> sie trotzdem problemlos.
(IMG) Bild: Die EU hat mit der DSGVO und dem KI-Gesetz von 2024 Gesichtserkennung streng reguliert, aber nicht grundsätzlich verboten
Der Unterricht an 1.700 Schulen im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná
beginnt mit einem Ritual: Die Lehrkraft öffnet eine App, fotografiert das
Klassenzimmer, und in Sekunden gleicht ein Algorithmus die Gesichter mit
einer biometrischen Datenbank ab. Wer erkannt wird, gilt als anwesend. Seit
2023 ist diese Gesichtserkennung in Paraná im Einsatz, um täglich fast eine
Million Kinder zu identifizieren.
Doch das System irrt. Eine Lehrerin erzählt von einer Schülerin, die im
Unterricht war, sich aber in der App als abwesend fand. „Ich markiere sie
nicht als abwesend“, habe der Lehrer gesagt. „Das macht die Kamera.“ Für
manche Familien ist so ein Fehler fatal. Denn die Sozialleistung Bolsa
Família hängt vom Schulbesuch der Kinder ab. In Paraná werden diese Daten
weitgehend von einem Algorithmus erzeugt.
Entwickelt wurde die Software von dem slowakischen Unternehmen Innovatrics.
Das kann eine Recherche von [1][Investigate Europe] zeigen, die in
Deutschland exklusiv in der taz erscheint. In der EU wäre ein
vergleichbarer Einsatz hochproblematisch. Schwedens Datenschutzbehörde
verhängte 2019 ein Bußgeld gegen eine Schule, die 22 Schüler:innen per
Gesichtserkennung erfasst hatte. Die Begründung: Kinder könnten der
biometrischen Überwachung nicht frei zustimmen, weil das Machtgefälle zu
groß sei. Im französischen Marseille stoppte ein Gericht im Jahr 2020 zwei
Pilotprojekte an Schulen aus ähnlichen Gründen.
Die EU hat mit der [2][DSGVO und dem KI-Gesetz] von 2024 Gesichtserkennung
streng reguliert, aber nicht grundsätzlich verboten. Der Export der
Technologie in Drittstaaten ist nicht beschränkt. Das Europäische Parlament
hatte ein Ausfuhrverbot für in der EU als „inakzeptabel“ eingestufte
Systeme gefordert, konnte sich aber nicht durchsetzen.
Caitlin Bishop von Privacy International verweist darauf, dass Brasiliens
Datenschutzgesetz dem europäischen ähnelt: „Aber bei der Durchsetzung gibt
es ein riesiges Problem.“ Die zuständige Behörde verhängt Sanktionen erst
seit 2023.
In Paraná trieb der frühere Bildungsminister Renato Feder, zuvor
Tech-Unternehmer, die Digitalisierung der Schulen voran. 2022
unterzeichnete die staatliche IT-Firma Celepar einen Vertrag mit dem
brasilianischen Dienstleister Valid, der Innovatrics ins Boot holte.
Innovatrics wirbt mit 80 Prozent Zeitersparnis beim Aufruf der
Anwesenheitsliste und dass Eltern stets den Status ihres Kindes einsehen
können. Das Unternehmen erhielt 2018 und 2019 rund 200.000 Euro
EU-Forschungsgelder für biometrische Bildanalyse.
## Paraná-System in Lissabon getestet
Eine Studie ergab 2025 eine Trefferquote von 91,1 Prozent, weniger als die
vertraglich zugesicherten 95 Prozent. Laut einer Umfrage halten acht von
zehn Lehrkräften das System für weniger effektiv als den klassischen
Namensaufruf. Paranás Bildungsbehörde erklärt, die Nutzung sei für
Lehrkräfte freiwillig, Schüler:innen könnten ohne Nachteile
widersprechen, und technische Fehler führten nicht automatisch zum
Abwesenheitseintrag. Vor Einführung sei eine Datenschutz-Folgenabschätzung
erstellt worden. Die IT-Firma Celepar verweist auf „mehrere
Sicherungsebenen“, manuelle Korrekturmöglichkeiten und die ständige
Anpassung des Algorithmus.
Bei einer Million erfasster Kinder täglich können auch kleine Fehlerquoten
Zehntausende betreffen. Zwar ist bisher kein Fall dokumentiert, bei dem
eine fälschliche Abwesenheit direkt zum Verlust von Bolsa-Família-Zahlungen
geführt hätte. Möglich sei dies aber, warnen Lehrkräfte. Im April 2025
klagte ein Staatsanwalt gegen die Landesregierung, das Urteil steht noch
aus. Paranás Bildungsbehörde erklärte, das System entspreche dem
Datenschutzrecht.
Inzwischen nutzen 7 von Brasiliens 27 Bundesstaaten Gesichtserkennung an
Schulen. 2024 wurde das Paraná-System drei Monate lang an einer
Privatschule in Lissabon getestet. Portugals Datenschutzbehörde leitete
eine offizielle Untersuchung ein, genutzt werde das System nicht mehr.
Innovatrics und Ex-Bildungsminister Feder reagierten nicht auf Anfragen,
Valid lehnte eine Stellungnahme ab.
Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dem AI Accountability Network
des Pulitzer Center.
Nico Schmidt ist Journalist bei Investigate Europe in Berlin. Leonardo
Coelho ist freier Journalist in Brasilien.
2 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.investigate-europe.eu/posts/big-tech-data-centres-secrecy-eu-law-environment-footprint
(DIR) [2] /Lockerung-von-Datenschutzregeln/!6131136
## AUTOREN
(DIR) Nico Schmidt
(DIR) Leonardo Coelho
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