# taz.de -- Einreiseverbot für Kanye West: Ist das jetzt diese Cancel-Culture?
> US-Rapper Kanye West darf nicht zu einem Auftritt nach Großbritannien
> einreisen. Einer moralisch verrotteten Popkultur können Grenzen gesetzt
> werden.
(IMG) Bild: Keep calm and keep him out: britische Presseschau zum Thema
Kanye West darf nicht nach Großbritannien einreisen, wo er als Headliner
eines Festivals auftreten sollte – letztes Jahr veröffentlichte er noch
seinen Song „Heil Hitler“. Endlich zeigt mal jemand Grenzen auf.
Der verurteilte Vergewaltiger [1][Andrew Tate] und seine Freunde im Van auf
dem Weg zur nächsten Party in Miami. Es ist Januar. „All my N** Nazis, N**,
Heil Hitler“, hört man Kanye Wests Stimme aus den Boxen rappen. Die Männer
lachen sich kaputt und einige zeigen den Hitlergruß. Wo sind wir hier
gelandet, fragt man sich da nur kurz.
Aber es ist 2026, rechtsradikale Frauenfeinde und Edgelords haben Millionen
Follower, und wenn einer der ehemals prägendsten Rapper der Welt einen vor
Rassismus und Antisemitismus triefenden Song releast, dann finden solche
Leute das natürlich lustig. Der düsterste [2][Brainrot-]Content ist längst
Mainstream. Alles kann ein Meme sein. Auch ein Rapper mit einer bipolaren
Störung, der „Heil Hitler“ schreit. Passt ja alles irgendwie ins Weltbild.
Da kommt zusammen, was zusammen gehört, und die Edgelords (und Queens,
Stichwort [3][Dimes Square-Szene]) freuen sich, dass die Popkultur auf
ihrer Seite ist.
## Keir Starmer reicht’s
Der moralische Kompass: längst verloren, längst verrottet. Wo ist denn,
fragt man sich da, die viel beschworene, bis aufs Letzte bekämpfte
Cancel-Culture? Kanye releast ja trotzdem munter weiter Alben, die dann
Millionen Menschen hören, als wäre nichts gewesen. Zuletzt „Bully“ vor
einigen Wochen. Cancel-Culture, ein Phantom, klar, wissen wir ja. Denn wer
wurde jemals wirklich gecancelt?
Aber halt, Keir Starmer reicht’s. Der britische Premierminister lacht nicht
so blöde mit wie Tate und seine Bros. Ihn interessiert weder Kanye Wests
bipolare Störung, die seit zehn Jahren als Entschuldigung für all seine
Entgleisungen herhalten soll, mit denen er verbrannte Erde hinterlässt und
Menschen diskreditiert, noch Kanye Wests einseitiges
Entschuldigungsschreiben, das er im Wall Street Journal als Anzeige
veröffentlichen ließ. In dem hieß es: „Ich bin weder ein Nazi noch ein
Antisemit“.
Kanyes Wahnsinn der letzten Jahre ist aber nun mal online, er muss sich
daran messen lassen. Genauso wie am Nazi-Song, zu dem Andrew Tate tanzt,
gegen den übrigens auch in Großbritannien wegen Vergewaltigung ermittelt
wird. Starmer jedenfalls sagte: Heute leider nicht, und verweigerte Kanye
die geplante Einreise ins Vereinigte Königreich.
Der sollte eigentlich als Headliner des [4][Wireless Festival]s spielen.
Drei Tage hintereinander. Letztes Jahr war noch Schnulzenrapper Drake an
seiner Stelle. Diesmal dann „Heil Hitler“ statt „Hotline Bling“ – oder wie
haben sich das die Verantwortlichen vorgestellt? War dann wohl doch zu viel
für die wendehälsige Entertainmentindustrie. Sogar Pepsi sprang als Sponsor
ab, und das Wireless Festival sagte nach Bekanntwerden der Einreisesperre
für Kanye gleich die ganze Veranstaltung ab.
## Seit 2016 kein gutes Album mehr
Ist das jetzt Cancel-Culture? Eher nicht. Es zeigt viel mehr, dass sich da
ein Festivalveranstalter ziemlich damit verschätzt hat, wie sehr der
sogenannte „Vibe Shift“ bereits vorangeschritten ist. Denn nicht alle
Menschen da draußen sind so verroht wie Andrew Tate und Konsorten. Aber die
Kunstfreiheit! hört man’s direkt raunen. Und natürlich ist die hier nicht
eingeschränkt, natürlich betreibt Starmer keine Zensur. Jeder Mensch kann
sich 365 Tage im Jahr Kanye Wests Musik anhören, auch wenn, sind wir mal
ehrlich, seit „The Life of Pablo“ von 2016 kein gutes Album mehr erschienen
ist. Und trotz seiner Entgleisungen, seines Trump-Supports, all dem
Schwachsinn. Muss man ihn deswegen auch noch drei Tage hintereinander in
einem riesigen Park in London auftreten lassen? Nein. Ist es gut, dass
menschenfeindliche Aussagen im Pop für millionenschwere Künstler zumindest
ein paar kleine Konsequenzen haben? Ja.
Kanye selbst wird es nicht wehtun. Er wird seine Wege finden, um Teil der
Öffentlichkeit zu bleiben, Musik zu veröffentlichen. Millionen unkritische
Fans, die in ihm immer noch den Innovator sehen, der er mal war, werden
mitziehen, werden die Augen verschließen vor dem nächsten Skandal. Aber
zumindest Marken und Festivalveranstalter werden sich ab jetzt wieder
zweimal überlegen, wie weit sie die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren
mittragen wollen. Wen sie ins Rampenlicht stellen. Die kleine Denkpause,
das kleine Durchatmen, das sich durch die Einreisesperre ergibt, tut allen
gut.
Übrigens, Stichwort Cancel-Culture: Kanye West war nicht der erste berühmte
Rapper, der nicht nach Großbritannien einreisen durfte. Auch
Tierdoku-Kommentator und Dauerkiffer Snoop Dogg war mal Persona non grata –
wegen einer kleinen Rangelei am Flughafen. Man muss also gar nicht so
schwere Geschütze auffahren wie Kanye, damit die Briten keinen Bock auf
einen haben.
10 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Junge-Maenner-im-Internet-Vom-Crypto-Bro-zum-Frauenhasser/!6164798
(DIR) [2] /War-das-Attentat-auf-Charlie-Kirk-ein-Brainrot-Mord/!6110554
(DIR) [3] /Hippe-Neoreaktionaere-in-New-York-City/!5939891
(DIR) [4] https://wirelessfestival.co.uk/
## AUTOREN
(DIR) Johann Voigt
## TAGS
(DIR) GNS
(DIR) Großbritannien
(DIR) cancel culture
(DIR) Gangsta-Rap
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Antisemitismus
(DIR) Antisemitismus
(DIR) Kolumne Gossip Girl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kanye West auf den Index?: „Das ist schlicht Antisemitismus“
Der Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf diskutiert, 2 Songs von Kanye West
verbieten zu lassen. Grünen-Politiker Daniel Eliasson erklärt, warum.
(DIR) Schwarze gegen Antisemitismus: Es mangelt so an Empathie
In Sachen jüdisches Leid mangelt es nicht nur bei Weißen, sondern auch in
der Black Community an Solidarität. Dabei hat man vieles gemeinsam.
(DIR) Kanye West und Antisemitismus: Endlich Konsequenzen
Lange wurde das Verhalten von Rapper Kanye West entschuldigt. Mit den
jüngsten antisemitischen Äußerungen hat er aber eine rote Linie
überschritten.